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Klingeln, Speichen und Pedale

Sammler. Ein Weinhübler hat sich der Geschichte der Görlitzer Fahrräder engagiert verschrieben.

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Von Ralph Schermann

Hallo, mein Name ist Ronald Schulz. Ich bin mit Leib und Seele Görlitzer, bin hier geboren, aufgewachsen und lebe auch in dieser wunderschönen Stadt. Und vor rund 15 Jahren wurde meine Fahrrad-Sammelleidenschaft geweckt ...“

So beginnt ein Internet-Auftritt, den man nur findet, sucht man gezielt etwas zum Thema historische Fahrräder. Dort hat der Weinhübler Ronald Schulz alles zusammengetragen, was er im Lauf der Zeit über die Görlitzer Fahrradgeschichte zusammentragen konnte. Die hat es in sich, was freilich kaum jemand kennt. In Görlitz wurden gleich in mehreren Firmen Drahtesel gebaut, in anderen allerlei Zubehör gefertigt. So nebenbei wird auch ein besonderes Jubiläum deutlich: Vor genau hundert Jahren begannen die Molto-Werke ihre Fahrradpalette zu produzieren.

Ronald Schulz bekam als 20-Jähriger ein Herrenrad des Baujahres 1931 in die Hände. „Das war mal ein Rad der Marke Lindcar, doch mittlerweile war es nur noch Schrott“, erinnert sich der heute 35-Jährige. Er restaurierte das Wrack – aufwändig, liebevoll, detailgetreu. Jetzt steht es in einer kleinen Galerie, die er sich im Dachgeschoss seines Wohnhauses eingerichtet hat.

Stolz auf viele Schmuckstücke

Sein Großvater wäre stolz auf ihn. Paul Hein war das, und der legte um 1900 als Mitglied des Görlitzer Radfahrvereins „Borussia“ die Grundlage für das „Fahrrad-Gen“ in der Familie. Enkel Ronald jedenfalls hat es voll im Griff. Er sucht nach allem, was mit historischen Rädern zu tun hat, restauriert weiter und hat seine Sammlung auf bisher sieben komplett restaurierte Drahtesel aufgestockt. Sein Stolz ist ein Molto-Rad von 1927. In Schüben und Regalen fehlen weder Luftpumpen noch Radbeleuchtungen, Klingelschalen und Bremssysteme, und auch die umfangreiche Sammlung an Steuerkopfschildern ist längst von imposanter Menge.

In der Garage stehen – man ahnt es – Fahrräder. Zwei Räder aus den 1930er Jahren, darunter eine Brennabor-Militärmaschine mit stumpfem Lack und verdunkelter Beleuchtung, dienen aktiven Ausfahrten. Ob Eibauer Bierzug oder allerlei Stadtfeste – bei Umzügen aller Art sind Radler wie Ronald Schulz gern gesehene Gäste. Im historischen Kostüm ist dann auch seine Lebensgefährtin Franka Thomas (30) mit von der Partie.

Ausgleich für den Sozialberuf

„Sie unterstützt mein Hobby“, freut sich der Diplom-Sozialarbeiter, der seine Sammel- und Restaurierungsarbeit als Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit sieht. Überbewertet will er sie aber nicht wissen: „Das hat alles schon den richtigen Platz im Leben“, ist er überzeugt.

Er weiß aber auch, dass kaum jemand diesen geschichtlichen Teil von Görlitz archiviert: „Wenn ich das nicht machen würde, fehlte bald ein Stück Görlitzer Geschichte“, ist er überzeugt. Auch in der eigenen Familie ist das zu spüren: „Meine Brüder interessieren sich mehr für Motorräder.“

Offizielle tun sich schwer

2001 hat Ronald Schulz seine Stücke in den Schaufenstern der längst verlassenen Molto-Werke auf der Jakobstraße ausgestellt. Und vor Jahren war seine Sammlung mal kurz im Görlitzer Museum vorgestellt – als ein Hobby unter vielen. Der Normalbesucher indes findet diesen Teil der Stadtgeschichte nicht, wie überhaupt so manche wichtige Technikgeschichte in den hauptamtlichen Sammlungen leider nicht vorkommt.

So war es dann auch der private Weinhübler Sammler, der ein Hochrad aus dem 19. Jahrhundert in seinen Besitz übernahm, als es der Zirkel Görlitzer Heimatforscher verkaufen musste, um weiter die Miete für Nikolaiturm und dem Zirkelsitz auf der Langenstraße bezahlen zu können.

Diese Restaurierung allerdings wird sehr schwierig: „Der Sitz ist original nicht mehr aufzutreiben“, begründet der Experte. Da ist das schwere Lastenfahrrad von 1925, an dem er zurzeit werkelt, schon eine andere Herausforderung: Von Bruno Schneider, Spremberger Straße, einst hergestellt für eine Bäckereibedarfsfirma auf der Hartmannstraße, gibt es von dieser nur in einem Stück gebauten Sonderanfertigung ein Werkfoto. „Da hat man immer den Vergleich“, sagt Ronald Schulze erfreut.

Fachwissen bis ins Detail

Plaudert man eine Weile mit dem Weinhübler Sammler, spürt man schnell sein Wissen. „Im Lauf der Zeit eignet man sich eben viel an“, sagt er bescheiden und plaudert aus dem Nähkästchen. Zum Beispiel über Pedalreflektoren, die es seit 1937 gibt. „Solche Tritte kann ich natürlich bei früheren Rädern nicht anbauen“, muss er beachten. Oder wussten Sie schon, dass Radfahr-Standlicht beim Anhalten keine Erfindung der heutigen Zeit ist? Schon seit 1920 gibt es entsprechende Akku-Lampen.

Ronald spult die Namen Dutzender Görlitzer Radhändler ab, weiß zu berichten, dass Herrenräder bei Sammlern beliebter sind als Damenräder, kennt den Drang der 1930er Jahre zu 26-Zoll-Rädern mit bequemeren Ballonreifen und listet die Strecke des Festkorsos auf, als Görlitz 1910 den Deutschen Radfahrertag beherbergte.

Alles Geschichte. Doch alles nicht vergessen. So lange es Enthusiasten wie Ronald Schulz gibt.

www.goerlitzer-fahrradgeschichte.de