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Kneiper werkeln im Prüfgerätewerk

Der Eigentümer des Brachgeländes in Medingen will sich um das marode Gebäude kümmern und hat sich Unterstützung von Dresdner Wirten geholt.

© Thorsten Eckert

Von Nadine Steinmann

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Wir sind Meister. Wir können das. 

33 Frauen und 242 Männer sind unter den frisch gebackenen Meisterabsolventen der Handwerkskammer Dresden und damit Aushängeschild der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Medingen. Das Medinger Prüfgerätewerk ist eine von knapp 20 Ruinen, die das Bild der Gemeinde Ottendorf-Okrilla nicht unbedingt verschönern. Und in den vergangenen Wochen hat sich das brachliegende Gelände auch noch zu einer Gefahr für Spaziergänger und Autofahrer entwickelt. Denn regelmäßig brechen Ziegelsteine aus dem Gebäude heraus und fallen auf die Straße. Dass bisher nichts weiter passiert ist, kann nur ein glücklicher Zufall sein. Nach einer Besichtigung des Areals mit Fachleuten der Bauaufsichtsbehörde des Landkreises und Gemeindevertretern hat der Bauhof das Prüfgerätewerk mit Baken provisorisch abgesichert. Überhaupt nicht ausreichend, wie Medingens Ortsvorsteher René Edelmann kritisiert: „Eine durchgängige Absperrung fehlt genauso, wie der Hinweis auf herabstürzendes Mauerwerk. Keiner kann die Gefahr erkennen bzw. wird darauf hingewiesen.“

Eigentümer wider Willen

Doch die immer lauter werdende Kritik bleibt nicht ungehört. Denn die Bauaufsichtsbehörde ist dem Eigentümer auf den Fersen. Aber wer ist der Eigentümer? Schließlich gehört das Grundstück nicht der Gemeinde Ottendorf. Es gehört dem in Dresden lebenden Thomas Grundey. Der 53-Jährige, der sich krankheitsbedingt bereits in Rente befindet, ist durch einen eher ungünstigen Zufall an das Gelände gekommen. „Ein Bekannter hat mich damals gebeten, zur Versteigerung des Areals zu gehen“, erklärt Thomas Grundey gegenüber der Sächsischen Zeitung. Er machte tatsächlich das beste Angebot, doch sein Bekannter wollte das Areal am Ende doch nicht, verstarb kurze Zeit später sogar. „Und ich bin auf dem Gelände sitzen geblieben“, so der Eigentümer.

Lange Zeit hat er sich nicht um das Prüfgerätewerk gekümmert, hatte mit eigenen Sorgen zu kämpfen. Doch das instabile Gebäude und die herabfallenden Ziegel waren ein Weckruf. „Ich werde mich auf jeden Fall drum kümmern. Zumal ich gehört habe, dass dort für einige Kinder der Schulweg lang führt“, zeigt sich der Dresdner einsichtig. Doch er selbst ist nicht in der Lage, zu handeln. Deswegen hat er sich Unterstützung geholt – und zwar von Dresdner Kultkneipern! „Die Jungs vom Ostpol greifen mir unter die Arme“, berichtet Thomas Grundey.

Dresdner Wirte pachten Stück des Areals

Das Prüfgerätwerk Medingen

Die Geschichte des Grundstücks beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts – damals noch als Bierbrauerei.

1914 siedelte sich die Familie Haake am Standort an und stellte Stärkeprodukte sowie Pflanzenleime her.

Die Geburtsstunde der Prüfgeräteherstellung ist Anfang der 1930er-Jahre. In einer neuen Abteilung begann die Produktion des Kugelfallviskosimeters.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Eigentümer 1950 rückwirkend enteignet. Die Fabrik wurde verstaatlicht und als VEB Mechanik Medingen weitergeführt, zwei Jahre später erfolgte die Teilung in den VEB Prüfgerätewerk Medingen und den VEB Stärkeveredlung Medingen.

1991 kam es zur Rückübertragung an die Urenkel des Firmengründers Julius Haake. Die daraufhin gegründete Firma ging nur vier Jahre später in Konkurs.

In den Folgejahren wurde das Gelände in eigenständigen Teilflächen an Privatinvestoren verkauft.

Die Werkhalle im Zentrum wurde an eine Werkzeugbaufirma veräußert und wird heute noch von dieser genutzt. Einige Garagen dienen als Bastlerwerkstätten.

Das Hauptgebäude an der Rödertalstraße steht seit 1997 leer und ist dem Verfall preisgegeben. Doch auch hier passiert nun etwas.

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Für all diejenigen, die den Club an der Königsbrücker Straße in der Dresdner Neustadt nicht kennen: Eröffnet haben ihn 2008 die Brüder Jörg und Erik Thiele sowie Rico Rank. Ihr Konzept ist ein Besonderes, denn im Ostpol haben sie die DDR konserviert und sich den Traum einer eigenen Kneipe komplett in Eigenregie erfüllt. Sie rissen Wände heraus, reparierten Fußböden, fliesten und tapezierten. Für die stilechte Einrichtung fuhren sie durch die gesamte Ex-Republik, spürten ausgediente HO-Gaststätten auf und suchten bei Haushaltsauflösungen nach passenden Requisiten fürs Ostpol.

Ihre Erfahrung und ihr handwerkliches Talent stellen die Jungs nun also Thomas Grundey zur Verfügung. „Sie haben mir beispielsweise die Dachentwässerung repariert und das Dach mit Netzen gesichert“, berichtet der Eigentümer des Prüfgerätewerks. Außerdem haben die Dresdner Kneiper von Thomas Grundey auch gleich noch ein Stück des Areals gepachtet. Dort wollen sie einen Ort für kulturellen Freiraum schaffen.

Um alle organisatorischen Dinge kümmert sich aber weiterhin Thomas Grundey. Bis Ende des Monats muss er der Bauaufsichtsbehörde Bilder schicken, die belegen, dass Schritte zur Sicherung des Gebäudes eingeleitet wurden. Außerdem hat er das gesamte Areal versichern lassen. Und auch wenn es nur kleine Schritte sind, geht es immerhin voran an der alten Ruine.