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Auf den Spuren der Köhler

Noch bis Sonntag leben in der Böhmischen Schweiz mitten im Wald alte Gewerke wieder auf. Publikum ist erwünscht.

Jirí Kadera sticht Löcher in die oberste Deckschicht, damit die Holzkohle gleichmäßig abbrennt. Bis Sonntag ist der Meiler in Betrieb.
Jirí Kadera sticht Löcher in die oberste Deckschicht, damit die Holzkohle gleichmäßig abbrennt. Bis Sonntag ist der Meiler in Betrieb. © Steffen Neumann

Es räuchert über der Wiese an der Königsfichte (Královský smrk) in der Böhmischen Schweiz. Unweit der einstigen Grundmühle (Dolský mlýn) und direkt am Flüsschen Kamenice hat sich eine Art kleines Walddorf mit vielen Feuerstellen gebildet. Die größte ist der pyramidenartig aufgeschichtete Meiler.

„Zwei Tage haben wir ihn gebaut“, sagt einer der beiden Köhler Jiří Kadera. Am Montag kurz nach elf Uhr wurde der Meiler feierlich mit Glut bestückt und nun räuchert er fleißig vor sich hin. Von außen ist er nur als ein Haufen Dreck, Erde, Ruß und an der Abdeckung oder dem Mantel zu erkennen. An den Seiten ist er durch ein Holzgerüst abgestützt und mit einer Holzleiter versehen, mit der die Köhler bei Bedarf auf den Meiler klettern können.

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Im richtigen Leben ist Kadera stellvertretender Bürgermeister der kleinen westböhmischen Gemeinde Přimda (Pfraumberg). Damit er sein Hobby, die Köhlerei, betreiben kann, hat er sich extra eine Woche Urlaub genommen. Denn so lange dauert es, bis der unter der Deckschicht aufgestapelte Haufen Holz zu Holzkohle durchgebrannt ist.

„Das ist hier ein kleiner Meiler mit rund acht Festmeter Holz. Früher hatten Meiler dagegen bis zu zehnmal so viele Festmeter und brannten schon mal gut und gerne einen Monat“, erzählt Kadera.

Damals richteten sich die Köhler daher für mehrere Wochen eine Wohnstatt ein. Ein bisschen ist es auch heute so. Kadera schläft die Woche direkt am Meiler in einem Zelt. „Das ist wie Urlaub“, sagt er. Dass die Herstellung der Holzkohle so lange dauert, ist nicht der einzige Grund, dass Kadera vor Ort bleibt. Zwar brennt der Meiler von allein, doch dabei kann eine Menge schiefgehen, weshalb die Köhler notfalls schnell zur Stelle sein müssen.„Das Holz kann unregelmäßig abbrennen oder zu schnell. Da müssen wir eingreifen“, sagt Kadera, der das Handwerk noch von aktiven Köhlern gelernt hatte, als er selbst noch als Förster arbeitete. Daher weiß er, dass der Beruf auch nicht ganz ungefährlich ist. Die Köhler müssen während des Abbrennens immer mal wieder auf den Meiler steigen, der dabei einbrechen kann. Die Köhler können dabei böse Verbrennungen erleiden. Doch Kadera, der noch mit einem Kollegen in die Böhmische Schweiz gekommen ist, hat genug Erfahrung.

Der Meiler ist das spektakulärste Objekt, dass die Besucher der jährlichen Tage des Waldhandwerks in der Böhmischen Schweiz bestaunen können. Und er stand auch am Anfang dieser einzigartigen Erlebniswoche. „Als der Nationalpark 2010 zehn Jahre alt wurde, wollten wir das mit dem Aufbau eines Meilers feiern“, erzählt Natalie Belisová, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Nationalpark.

Damit wollten sie an die große Tradition erinnern, welche das Köhlerhandwerk in der Böhmischen Schweiz hatte. „Sie lebte in dem Köhler Franz Kleinpeter aus Vysoká Lípa (Hohenleipa) bis nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Denn Kleinpeter wurde als wichtige Arbeitskraft nicht vertrieben“, erzählt Belisová. Kleinpeter war es auch, der beim Bau eines Meilers für einen der populärsten tschechischen Märchenfilme „Die stolze Prinzessin“ aus dem Jahr 1952 half.

Teer, Pech und Pottasche

Der erste neuzeitliche Meiler wurde dann erst 2012 gebaut, da 2010 das Hochwasser der Kamenice (Kamnitz) wütete. Seitdem sind die Tage des Waldhandwerks immer größer geworden.„Denn an den Meilern hing eine ganze Reihe weiterer Berufe“, weiß Belisová. Teer und Pech waren weitere wichtige Produkte. Auch deren Herstellung wird an kleinen Modellöfen an der Königsfichte demonstriert. Außerdem wurde aus Asche Pottasche, ein Rohstoff zur Herstellung von Glas, gewonnen. Eine der ersten stationären Glashütten befand sich gerade ganz in der Nähe in Chřibská (Kreibitz).

Natalie Belisová an einer kleineren Ausgabe eines typischen Teerofens.
Natalie Belisová an einer kleineren Ausgabe eines typischen Teerofens. © Steffen Neumann

Auch für die anderen Produkte – Teer, Pech und Holzkohle – gab es breite Abnehmer. Holzkohle brauchten vor allem Schmiede und Hammerwerke. „Holzkohle hatte im Vergleich zu Holz einen besseren Heizwert und war leichter“, nennt Hobbyköhler Kadera die Vorzüge. Aus Teer wurden Schmiermittel hergestellt, Pech brauchten die Böttcher für ihre Fässer, Schmiede zur Oberflächenveredelung. Das führte aber auch zu einem massiven Holzverbrauch und letztendlich der heutigen Waldzusammensetzung, die von schnell wachsenden Fichten dominiert wird, die nun zu Opfern des Borkenkäfers werden.

Acht Jahre nach dem ersten Meilerbau feiert der Nationalpark wieder Jubiläum. „Deshalb wird es erstmals fahrende Glasbläser geben“, nennt Belisová eine besondere Attraktion dieses Jahres. Auch Schmiede führen ihr Handwerk vor. Außerdem können in einem Backofen Brötchen oder Zöpfe gebacken werden, an einem kleinen Ofen wird Obst getrocknet.

Die Waldberufe, die bis Sonntag gefeiert werden, sind längst ausgestorben. Warum also noch an sie erinnern? „Gerade für die Jüngeren ist vieles selbstverständlich geworden, was vor nicht so langer Zeit noch nicht alltäglich war. Darum führen wir das Köhlerhandwerk vor“, ist Kadera überzeugt. Und wer sich bis Sonntag gedulden kann, der darf sich echte Holzkohle aus der Böhmischen Schweiz mitnehmen.

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