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Kommentar: Handeln, solange noch NS-Täter leben

Oliver Reinhard über den sächsischen Auschwitz-Verdachtsfall

Sollte man hochbetagte Männer wegen lange vergangener NS-Verbrechen noch vor Gericht stellen? Sollte man riskieren, dass sie auf der Anklagebank womöglich Mitleid auslösen? Und im Falle einer Verurteilung schon bald nach Haftantritt sterben? Kurz: Lohnt sich all der Aufwand überhaupt noch? Wer überlebenden Opfern und Hinterbliebenen von Ermordeten diese Fragen stellt, bekommt darauf eine eindeutige Antwort: Ja.

Es geht um Gerechtigkeit. Wer Angehörige in deutschen Vernichtungslagern verlor, hat ein Recht darauf, dass ihm und „seinen“ Toten Gerechtigkeit widerfährt. Das gilt umgekehrt ebenso: Auch NS-Verbrecher haben ein Recht darauf, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Dafür zu sorgen, ist für die deutsche Justiz nicht nur eine Frage der historischen Verantwortung. Es ist ihre Pflicht.

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Da darf man sich schon wundern, dass Chemnitz‘ Staatsanwaltschaft im Fall des ehemaligen KZ-Wächters aus Döbeln offenbar eher zaghaft zur Sache geht. Kann sie nicht anders, weil ihr Spezialkenntnisse fehlen? Dann soll sie Amtshilfe beantragen. Will sie nicht anders, weil sie Aufwand und Öffentlichkeit scheut?

Jahrzehntelang haben sich vor allem etliche bundesdeutsche Justizorgane beschämend unwillig und abwiegelnd bei der Ahndung nationalsozialistischer Untaten verhalten. Heute leben nur noch 30 mutmaßliche NS-Verbrecher in Deutschland. Sie alle sind über 90 Jahre alt. Auf keinen Fall also darf die Chemnitzer Staatsanwaltschaft warten, bis sich ihr „Problem“ auf biologischem Weg erledigt hat. Sie muss handeln, sofort und schnell. Tut sie es nicht, verspielt sie eine historische Chance auf Gerechtigkeit.