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Die Angst fährt immer mit

Unfälle belegen, wie gefährlich der Job der Männer in Orange von der Autobahnmeisterei ist. Abgefahrene Spiegel sind noch das geringste Problem.

Von Verena Toth
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Bei dem schweren Unfall Mitte Februar auf der A 14 war ein Lkw auf ein Reparaturfahrzeug aufgefahren. Die Mitarbeiter blieben unverletzt, der Lkw-Fahrer starb.
Bei dem schweren Unfall Mitte Februar auf der A 14 war ein Lkw auf ein Reparaturfahrzeug aufgefahren. Die Mitarbeiter blieben unverletzt, der Lkw-Fahrer starb. © Dietmar Thomas

Döbeln. Das wichtigste Credo, das Autobahnmeister Christian Kühnert seinen Kollegen jeden Morgen in der Dienstberatung mit auf den Weg gibt, ist: „Kommt alle gesund wieder zurück.“ Sie bezeichnen sich selbst als „Hausmeister der Autobahn“. Doch Arbeit, die die insgesamt 41 Mitarbeiter der Autobahnmeisterei Döbeln tagtäglich erledigen müssen, ist alles andere als ein gemütlicher Hausmeisterjob.

7 Uhr ist in der Wintersaison Arbeitsbeginn für die erste von drei Schichten. Nach der Besprechung und Aufgabenverteilung werden die drei bis sechs Teams mit jeweils etwa drei bis vier Mitarbeitern zusammengestellt. Die Männer in Orange begeben sich dann fast täglich in Lebensgefahr, denn sie arbeiten nur wenige Zentimeter neben vorbeirasenden 40-Tonnen-Kolossen. Leitplanken müssen repariert, Sträucher und Gras geschnitten, kleiner Schäden in Fahrbahnen ausgebessert werden. Obwohl die Absperrungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen für solche Tagesbaustellen schon hunderte Meter zuvor mit mehreren Tafeln und blinkenden Hinweisen angezeigt werden, kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen.

Die Autobahnmeisterei Döbeln ist die Zweitgrößte von insgesamt sieben sächsischen Standorten. Die Straßenwärter sind für insgesamt 150 Kilometer Autobahn-Abschnitte auf der A 14 und der A 4 verantwortlich.

Uwe Köcher ist seit 26 Jahren als Straßenwärter im Dienst, seit zehn Jahren leitet er seine Kollegen als Kolonnenführer an. „Ich bin für die Arbeitsvorbereitung zuständig, teile die Kollegen in Trupps ein“, erläutert er. Täglich gibt es eine Kontrollfahrt auf allen Abschnitten, bei der beispielsweise auch Reifenteile, verlorene Werkzeuge oder auch überfahrene Wildtiere eingesammelt werden müssen. „Das heißt, wir steigen bei regulärem Verkehr aus und müssen uns direkt neben den Fahrbahnen bewegen“, erläutert er. 

Gerade einmal 2,50 Meter breit ist der Seitenstreifen, der eigentlich – abgesehen von einem Notfall – unter keinen Umständen befahren werden darf. Doch kaum ein Lkw hält sich tatsächlich daran. Schlingernde Anhänger und unaufmerksame Truckerfahrer rasen nur wenige Zentimeter an den auch mit Warnlicht ausgestatteten Autos der Meisterei vorbei. „Abgefahrene Autospiegel an unseren Fahrzeugen gehören schon zum Alltag“, berichtet Uwe Köcher. „Ich würde mir wünschen, dass moderne und nützliche Zusatzsysteme wie der Spurhalte- und der Notbremsassistent bei den Lkw so schnell wie möglich als Pflicht eingeführt werden“, ergänzt er noch.

Dass die Arbeit der Straßenwärter lebensgefährlich ist, haben die besonders schweren Verkehrsunfälle allein in den vergangenen Wochen auf der A 14 im Bereich der Döbelner Meisterei gezeigt. Am 11. Februar war ein tschechischer Laster zwischen Döbeln Ost und Döbeln Nord zunächst auf einen Iveco-Kleinlaster einer Firma aus dem Landkreis Westerwald aufgeprallt, bevor er eine Brücke hinunterstürzte. Im Auftrag der Autobahnmeisterei sollte die Firma eine beschädigte Leitplanke an der Autobahn reparieren. Für den tschechischen Lkw-Fahrer kam jede Hilfe zu spät.

Nur eine Woche später gab es an der gleichen Stelle erneut einen Unfall, bei dem dieses Mal die Mitarbeiter und Fahrzeuge der Autobahnmeisterei selbst betroffen waren. Auch hier war ein Lkw auf das Fahrzeug der Döbelner mit dem angehängten Schilderwagen aufgefahren. Der polnische Fahrer wurde dabei leicht verletzt. „Unsere Kollegen sind in diesem Fall zum Glück unverletzt geblieben. Beschädigt wurden aber unser Warnleitanhänger, Aufsatzstreuer und der Lkw“, berichtet Autobahnmeister Christian Kühnert. Allein drei schwere und zwei leichtere Unfälle, in die Fahrzeuge und Mitarbeiter der Döbelner Autobahnmeisterei in den vergangenen Monaten verwickelt worden sind, haben einen Schaden in Höhe von rund einer halben Million Euro verursacht.

Uwe Köcher ist Kolonnenführer und seit 26 Jahren im Dienst in der Autobahnmeisterei. Er hat schon viele brenzlige Situationen erlebt.
Uwe Köcher ist Kolonnenführer und seit 26 Jahren im Dienst in der Autobahnmeisterei. Er hat schon viele brenzlige Situationen erlebt. © André Braun

Doch viel schlimmer sind die Folgen, die die gewaltigen Auffahrunfälle bei den betroffenen Straßenwärtern haben. Es gebe Mitarbeiter, die nach einem solchen Vorfall zwar körperlich recht schnell wieder genesen, doch die psychischen Nachwirkungen sind langwierig und belastend. In einem Fall habe sich ein Mitarbeiter, der gerade in das orange leuchtende Dienstfahrzeug eingestiegen war, noch rechtzeitig anschnallen können, bevor ein 40-Tonner mit voller Wucht in die Tagesbaustelle und das Fahrzeug krachte. 

Es dauert teilweise viele Wochen, ehe sich ein Betroffener von diesem traumatischen Erlebnis erholen, und seinen Dienst wieder aufnehmen kann. Allein die Geräusche von herannahenden Lkw und der Sog, der dabei entsteht, wenn die schweren Fahrzeuge vorbeirauschen, kann für den Mitarbeiter ein Angstauslöser sein. „Wenn wir Arbeiten am Seitenstreifen erledigen müssen, ist immer ein mulmiges Gefühl dabei“, gibt der Kolonnenführer unumwunden zu. Deshalb arbeiten die Männer auch lieber am Mittelstreifen, denn dort ist das Risiko eines schweren Unfalls schlichtweg geringer.

„Wir wünschen uns, dass alle Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn etwas mehr Rücksicht und vor allem mehr Aufmerksamkeit an den Tag legen“, spricht Christian Kühnert stellvertretend für alle seine Kollegen. Jeder solle daran denken, dass die Männer und Frauen in Orange nicht etwa am Fahrbandrand stehen, um die Auto- und Lastkraftwagenfahrer zu ärgern, oder etwa aus Spaß Fahrspuren absperren, um den Verkehr zu behindern. „Wir sorgen dafür, dass alle möglichst sicher und zügig auf der Autobahn vorankommen. Da gehören aber eben auch Wartungsarbeiten und Absperrungen dazu“, macht er deutlich. Dafür setzt jeder einzelne Mitarbeiter mit seiner Arbeit auf und an der Autobahn tagtäglich die eigene Gesundheit und auch sein Leben aufs Spiel.

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