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Konsum Dresden entdeckt Tante Emma

Die Kette sieht sich auch als Nahversorger. Mit dem Gewinn wächst die Dividende für Mitglieder. Und für die Belegschaft?

© Ronald Bonß

Von Michael Rothe

Im Konsum auf der Münchner Straße im Dresdner Süden geht’s beschaulich zu. Weit weg von der Kassenhektik bei Aldi, Kaufland & Co kassiert Marco Gerstenberger seine Kunden ab, darunter viele junge Leute aus dem Studentenviertel unweit der TU. Dabei ist die Einpackrampe noch kleiner als in den Supermärkten. Keine Nötigung zur Eile, dann und wann bleibt gar Zeit für ein Schwätzchen – wie früher bei Tante Emma. „Wir sehen uns als echter Nahversorger“, sagt Gerstenberger, der neun Mitarbeiter hat. Keine Käse- und Fleischtheke, dennoch ist alles da, vieles frisch. Die Fastverdopplung der Verkaufsfläche auf 180 Quadratmeter macht’s möglich – vor allem bei Obst und Gemüse.

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Doch die Ruhe trügt. „Seit der Neueröffnung hat sich der Umsatz dort verdoppelt“, sagt Konsum-Vorstand Roger Ulke zur SZ. 700.000 Euro hat sich die Genossenschaft das neue Gesicht ihres zweitkleinsten Ladens kosten lassen. Insgesamt hat die 126 Jahre alte Genossenschaft im vergangenen Jahr „2,9 Millionen Euro in die Substanz des Unternehmens gesteckt“, weit mehr als 2012, wie Vorstandschef Gunther Seifert gestern bei der Bilanzvorlage erklärte.

Ein gutes Geschäftsjahr macht’s möglich, auch wenn der Umsatz der Genossenschaft seit 2011 zurückgeht. Nach Hochwasser bedingten Ausfällen und der Schließung zweier Filialen wurden für das vergangene Jahr noch knapp 103 Millionen Euro bilanziert (- 2,9 Prozent). Das Geschäft pro Filiale hat hingegen zugelegt – wie auch die Flächenproduktivität und der Gewinn. Der wuchs zum Vorjahr um mehr als 40 Prozent auf 542.000 Euro und machte den Verlust von 2011 vergessen. Das freut vor allem die gut 23.200 Genossenschafter, die neben der üblichen Rückvergütung von 0,5 Prozent auch eine Dividende von zwei Prozent kassieren – vorausgesetzt, sie haben mindestens fünf Geschäftsanteile, sprich 375 Euro, eingezahlt.

Seifert ist zufrieden mit der Bilanz, die er nur zum Teil verantwortet. Der 61-jährige Ex-Chef der Sächsischen Porzellanmanufaktur Freital hatte den Spitzenposten bei der Genossenschaft erst im August übernommen – zwei Monate nachdem er mit Restschuldbefreiung aus einer Privatinsolvenz entlassen wurde. Vorgänger Roger Ulke arbeitet weiter als Vorstand mit.

Die im vergangenen Jahr in sechs Märkten und „nach Konkurrenzlage“ eingeführten längeren Öffnungszeiten bis 22.00 Uhr hätten sich bewährt, so der Chef. Das habe „vor allem samstags für ordentliches Zusatzgeschäft gesorgt“. Längere Öffnung bei weniger Mitarbeitern – wie geht das? „Wir haben Teilzeitkräfte für eine längere Arbeitszeit gewinnen können und neue Schichtmodule eingeführt“, erklärt Seifert. Wiederholt würdigt er die 813-köpfige Belegschaft, darunter 49 Lehrlinge. „Ergebnis, Ertrag und Umsatz verdanken wir unseren Mitarbeitern in den Märkten“, sagt Roger Ulke. Und was haben sie von der Bilanz? Der Co-Chef spricht von „differenzierter Prämienregelung“ und: „Ich denke, dass wir ganz gut bezahlen“, sagt er.

Die Gewerkschaft Verdi sieht das anders. „Der Konsum bezahlt Hunderte Mitarbeiter falsch, weil sie zu niedrig eingruppiert sind“, sagt Fachbereichsleiter Jörg Lauenroth-Mago. Im Schnitt zahle das Unternehmen den Mitarbeitern im Monat 200 bis 300 Euro weniger als die Branche. Erst seit 2013 gebe es Spätzuschläge. Die habe der Konsum den Leuten bis letzten Sommer vorenthalten und über drei Millionen Euro gespart. Ulke nennt das „Quatsch“ und kritisiert, dass Verdi Tarifgespräche verweigere. Von der Gewerkschaft heißt es: „Wir lassen uns nicht benutzen, um Billiglöhne vertraglich zu legitimieren.“

Trotz geringerer Löhne hat die Handelskette Zulauf. „Wir hatten 180 Bewerber für 21 Lehrstellen“, sagt Seifert. Das zeige, wie beliebt der Konsum als Arbeitgeber sei. Oder doch die Branche an sich? Laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden waren Kauffrau im Einzelhandel und Verkäuferin unter den Ausbildungsberufen in Deutschland 2013 am meisten nachgefragt. Bei den Jungs landete der Job noch auf Platz zwei – hinter dem Kraftfahrzeugmechatroniker.

Und wo will der Konsum, der es beim Umsatz locker unter die Top 50 der Lebensmittelhändler in Deutschland schafft, mittelfristig hin? „Wir planen weitere Märkte, wo wir mit unserem Konzept punkten können“, sagt Seifert. Wie viel? Wann? Wo? Schweigen. Nur die Dresdner Centrum-Galerie, von der man sich nach Querelen mit dem Vermieter verabschiedet hatte, lässt er sich als neue alte Adresse entlocken. „Alles muss im ausgewogenen Verhältnis zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten stehen.“ Experimente, wie den missglückten Ausflug mit vier Filialen in Franken – je eine in Nürnberg und Erlangen gehören weiter dazu – werde es aber nicht mehr geben.