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Plötzlich kam aus Turow keine Kohle mehr

Zu Beginn der 1980er-Jahre hatte Polen die Lieferung von Rohbraunkohle an das Kraftwerk Hirschfelde eingestellt - mit Folgen.

So übersichtlich wie auf der Aufnahme aus den 1920er-Jahren blieb es im Braunkohlentagebau Türchau nicht allzu lange. Das historische Foto wurde dem 2006 im Lusatia-Verlag Bautzen erschienenen Bildband „Im Zittauer Zipfel“ entnommen.)
So übersichtlich wie auf der Aufnahme aus den 1920er-Jahren blieb es im Braunkohlentagebau Türchau nicht allzu lange. Das historische Foto wurde dem 2006 im Lusatia-Verlag Bautzen erschienenen Bildband „Im Zittauer Zipfel“ entnommen.) © SZ

Es wirkte wie ein Donnerschlag, als zu Beginn der 1980er-Jahre die Medien der DDR meldeten, dass Polen die vereinbarte Kohlelieferung aus dem Tagebau Turow in das benachbarte Kraftwerk Hirschfelde einstellt. Die Stromversorgung stand auf der Kippe, eine schnelle Lösung musste her. Anfangs brachten Lastkraftwagen Rohbraunkohle aus den Tagebauen Olbersdorf und Berzdorf, später auch aus dem Senftenberger Revier, nach Hirschfelde, damit das Kraftwerk weiterarbeiten konnte. 

Zudem tat Eile für die Erweiterung der bereits vorhandenen Grube Olbersdorf not. Denn hier – südlich von Zittau, zwischen Stadt und Gebirge – sollte zuerst die Hauptmenge Rohbraunkohle für Hirschfelde abgebaut werden. Doch zuvor stand die Umsiedlung der Bewohner des Olbersdorfer Niederdorfes in ein im Oberdorf errichtetes Neubaugebiet an. Auch der Kleinbahnbetrieb, ein Magnet für Urlauber, sollte 1990 eingestellt werden. Wären die DDR-Kohlepläne Wirklichkeit geworden, würde heute von Zittau nur noch die Altstadt und die West- sowie Ostvorstadt inmitten von Kohlegruben und Abraumhalden stehen.

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Aktuell glaubt man, sich wie im Foto von 2004 in einer Mondlandschaft wiederzufinden.
Aktuell glaubt man, sich wie im Foto von 2004 in einer Mondlandschaft wiederzufinden. © Heike Schwalbe

Stellt sich die Frage, warum das Kraftwerk Hirschfelde überhaupt Kohlelieferungen aus Turow erhielt. Die Antwort liefert die Geschichte. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es erste Kohlefunde im Zittauer Becken in der Nähe der Lausitzer Neiße gegeben, die damals allerdings noch keine Staatsgrenze war. Bald wurden erste Bergwerksgesellschaften gegründet. Es dauerte nicht lange, bis die Bergwerke von Türchau, Seitendorf und Gießmannsdorf östlich der Neiße zu den größten Tagebaubetrieben der Region gehörten. Per Bahn brachte man die Kohle über die Neiße zum Hirschfelder Großkraftwerk, das die AEG von 1909 bis 1911 für die aufstrebende Industrie errichtete und das von ihrer Tochtergesellschaft ELG (Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft) betrieben wurde. Nebenan baute man auch noch eine Brikettfabrik. Sachsen übernahm während des Ersten Weltkrieges 1917 das Kraftwerk, die Brikettfabrik und die Tagebaue. 

Dem ersten Werk folgte um 1920 der Bau eines zweiten leistungsstärkeren Kraftwerkes gleich daneben. Die Kohle aus Türchau, dem heutigen Turow, versuchte man zunächst, mit Dampfzügen zu transportieren. Doch drei Dampflokomotiven schafften es nicht, die beladenen Waggons herauszuziehen. Danach wurde ab 1911 etwa zehn Jahre lang eine Hängebahn eingesetzt, bei der die Waggons an Drahtseilen hingen. Nach und nach schaffte man Elektrolokomotiven für den Kohletransport an. Sie fuhren auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kraftwerkasche aus Hirschfelde nahm denselben Weg zurück, jedoch in separaten Zügen. Sie wurde mit dem Abraum vermischt und innerhalb der Grube verkippt. Wie das Kraftwerk – es war das älteste in Sachsen – wurde auch die Grube laufend erweitert. Etliche Dörfer im Zittauer Zipfel wie Zittel, Gießmannsdorf, Friedersdorf, Reibersdorf oder Seitendorf verschwanden allmählich.

Am Hirschfelde gegenüber liegenden Neißeufer bietet Turow mittlerweile dieses Bild.
Am Hirschfelde gegenüber liegenden Neißeufer bietet Turow mittlerweile dieses Bild. © Heike Schwalbe

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ward die große Hirschfelder Industrieanlage durch die Neiße getrennt. Der Zittauer Zipfel gehörte nun zu Polen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Um den Hirschfelder Kraftwerksbetrieb abzusichern, handelte eine sowjetisch-polnische Kommission besondere Bestimmungen für die Kohlelieferung aus der nun polnischen Grube ins deutsche Kraftwerk sowie die Ascherücknahme aus. Dafür erhielt Polen Strom aus Hirschfelde. 1962 baute jedoch die Volksrepublik Polen ein eigenes Kraftwerk in Turow gleich neben dem Tagebau. Und gleich daneben entstand eine Siedlung für die Beschäftigten. Der ursprüngliche Ort Türchau war bereits verschwunden. Transportierten zunächst noch von E-Loks gezogene Waggons die Rohkohle zum polnischen Kraftwerk und gleichfalls zu dem von Hirschfelde, wurde ab 1976 begonnen, dafür Förderbänder einzusetzen.

Dann kam das Jahr 1980, in Polen wurde die Gewerkschaft Solidarność gegründet. Die Transporte nach Hirschfelde wurden immer stockender und zwei Jahre später ganz eingestellt. Polen wollte die Kohlelieferungen nur bei Bezahlung in harter Währung aufrechterhalten. Man ging davon aus, dass die BRD die DDR dahingehend mit den nötigen Mitteln schon unterstützen würde. Doch dieser Plan ging nicht auf. Da auch die anfallende Kraftwerksasche nicht mehr abgenommen wurde, entstand in Nieder-Wittgendorf eine Deponie. Das Kraftwerk Hirschfelde wurde 1992 aus Rentabilitätsgründen geschlossen. Seit seiner Inbetriebnahme 1911 hatte es ununterbrochen Elektroenergie erzeugt. Die allermeiste Rohbraunkohle, die hier verstromt wurde, stammte aus dem Tagebau Türchau, dem heutigen Turow.

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