merken
PLUS Zittau

Wie der Neue die Hochschule umkrempelt

Auf die Amtskette muss Alexander Kratzsch vorerst verzichten. Seine feierliche Einführung als Rektor fällt aus. Der 40-Jährige ist jetzt als Krisenmanager gefragt.

Prof. Dr. Alexander Kratzsch ist der neue Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. Der 40-Jährige hat hier schon studiert.
Prof. Dr. Alexander Kratzsch ist der neue Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz. Der 40-Jährige hat hier schon studiert. © Matthias Weber/photoweber.de

Am Nachmittag sitzt der Krisenstab zusammen. Alexander Kratzsch hat die Aufgabe vorgegeben: Es muss sichergestellt werden, dass alle Studenten am Ende des Sommersemesters ihre Prüfungen schreiben können. Normalerweise ist das selbstverständlich. Aber im Moment ist auch an der Hochschule Zittau-Görlitz nichts mehr normal. 

Kein Student darf die Gebäude mehr betreten. Und auch sonst keiner, der das nicht unbedingt muss. Die Flure und Hörsäle sind menschenleer. Ein ungewohntes Bild - auch für Alexander Kratzsch, der diese Hochschule wie kaum ein anderer kennt, der in Zittau studiert, geforscht und gelehrt hat. Und der seit Anfang März hier der Rektor ist - mit 40 der jüngste, einer der jüngsten Hochschulrektoren überhaupt.

Anzeige
Digitaler Infotag an der BA Riesa & Leipzig
Digitaler Infotag an der BA Riesa & Leipzig

Die Berufsakademie (BA) Sachsen in Riesa und Leipzig lädt Studieninteressierte am 13. März 2021 zum digitalen Tag der offenen Tür mit Praxispartnern ein.

Auf seine feierliche Amtseinführung muss Alexander Kratzsch aber vorerst verzichten. Als Rektor hat er jetzt Wichtigeres zu tun - und zuerst mal einen Krisenstab gegründet. Er will sicherstellen, dass die Studenten auch fern der Hochschule ohne Zeitverzug weiter studieren können. 

Zeitverzug, das ist so ein Wort, das dem Professor nicht gefällt. Kratzsch ist Ingenieur, ein Praktiker, einer, der geradlinig denkt und arbeitet. Der ein Ziel vorgibt und darauf hinsteuert. Ohne großes Drumherum. "Die Wirtschaft und die Gesellschaft warten auf die Absolventen", erklärt er. Da muss sich der Krisenstab was einfallen lassen.

Der Krisen-Modus als Experiment

Und bis jetzt sieht es gut aus: Das Semester ist nahezu planmäßig angelaufen - auch ohne die Anwesenheit der Studenten auf dem Campus. Ihr Hörsaal ist jetzt ein Chat-Raum im Internet. "Digital gestützte Lehre" nennt das der Rektor. "Es läuft wirklich super", versichert er und klingt begeistert dabei. "Wir werden aus der Situation jetzt alle viel lernen", ist Alexander Kratzsch überzeugt. "Und in Zukunft werden wir das nutzen können." Der Krisen-Modus als Experiment, aus dem man später Lehren zieht. Aus der Not eine Tugend machen. Optimistisch denken.

Experimentieren kann Alexander Kratzsch ohnehin sehr gut. Der studierte Elektrotechniker hat auf dem Gebiet der Prozessautomatisierung geforscht, hat künstliche Intelligenz für die Sicherheit von Kernkraftwerken entwickelt - sogenannte neuronale Netze, Modelle, die ähnlich wie ein menschliches Gehirn funktionieren und einen Störfall vorherberechnen können. Er kommt ins Schwärmen, wenn er davon erzählt, wie spannend diese Forschung ist.

Am Hochschul-Institut für Prozesstechnik, Prozessautomatisierung und Messtechnik, kurz IPM, an dem er gearbeitet und das er zuletzt als Direktor geleitet hat, muss die Störfall-Analyse nun aber ohne ihn weiterlaufen. Er hat jetzt das große Ganze im Blick.

Alexander Kratzsch ist nach draußen gegangen. Noch mal kurz den Kopf frei bekommen vor der Sitzung des Krisenstabs. Jetzt steht er vor dem neuen Schriftzug am Hauptgebäude in Zittau: Die großen Buchstaben aus gebürstetem Alu sind schon von Weitem zu sehen. Das gefällt ihm. "Wir müssen die Hochschule noch besser sichtbar machen - deutschlandweit", sagt er. "Wir sind nicht die kleine Hochschule. Wir sind hier in der Region die größte. So müssen wir das nach außen tragen."

Die "Kohle-Uni" als Riesenchance

Und er sieht für die Zukunft dieser Hochschule eine riesengroße Chance: Sie könnte DIE "Kohle-Uni" werden, DIE Hochschule, die die Spezialisten für die großen Veränderungen ausbildet, die auf uns alle zukommen. Spezialisten, die jetzt gebraucht werden, um die Energiewende nicht nur in der Lausitz, sondern in ganz Europa zu meistern - mit allen Folgen für die Wirtschaft, die Demografie, die Gesellschaft. 

Alexander Kratzsch hat die Hochschule Zittau/Görlitz dafür schon bei der EU empfohlen, bei der Kohleplattform, über die alle europäischen Kohleregionen zusammenarbeiten. Er will ein spezielles, fächerübergreifendes Lehrangebot dafür entwickeln, das einmalig sein wird in Deutschland.

"Die Grundlagen dafür haben wir alle schon", sagt er, "Studiengänge in breit aufgestellten Bereichen: Innovative Gesundheitssysteme, grüne Technologien, transformale Regionalentwicklung, Digitalisierung, demografischer Wandel - Soziales, Wirtschaftliches, Technisches." Kratzsch schwärmt davon, wie hier mit Partnern wie dem Frauenhofer-Institut geforscht werden kann - an alternativen Quellen für Kohlenstoff aus der Müllverbrennung zum Beispiel, an Naturfasern, die Kohle ersetzen oder an Biogasanlagen für den Hausgebrauch. Die Studenten immer hautnah dabei. Eine Gruppe entwickelt gerade einen Wasserstoff-Roller.

In Görlitz wird gerade ein neuer Pflege-Studiengang aufgebaut. Auch der ist Alexander Kratzsch, dem Techniker, wichtig. "Es werden ganz neue Berufsbilder entstehen, und wir wollen unsere Absolventen passgenau dafür ausbilden - auch fakultätsübergreifend", erklärt er.

Die Hochschule für Hierbleiber

Alexander Kratzsch ist einer von hier. Er ist geblieben, lebt in Obercunnersdorf. Er liebt die Region, die Landschaft, die kurzen Wege. Und erzählt von einem früheren Zittauer Studienfreund, der heute von seinem Arbeitszimmer in Neundorf aus ein internationales Team führt. "Hier ist nicht die Provinz, hier ist der ideale Raum für Arbeitsmodelle der Zukunft", sagt Kratzsch. 

Weiterführende Artikel

Hochschule hofft auf Neustart am 4. Mai

Hochschule hofft auf Neustart am 4. Mai

Mit Geschäften und Restaurants musste auch die Hochschule Zittau/Görlitz schließen. Eine Wiedereröffnung ist zwar in Sicht - aber kompliziert.

Er würde sich wünschen, dass die jungen Leute diese Chancen auch sehen, die ihnen hier direkt vor ihren Füßen liegen. Sie müssen nicht mehr weggehen, damit aus ihnen etwas wird. Sie können hierbleiben zum Studieren - an einer Hochschule, die schon heute eine herausragenden Ruf hat - und von der man künftig noch hören wird.

Mehr Nachrichten aus Görlitz und Umland lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky und Umland lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier

Mehr zum Thema Zittau