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Kronospan baut Bäume an

Der Weltkonzern aus Lampertswalde wirtschaftet längst nachhaltig, während andere noch davon reden.

Von Birgit Ulbricht
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Kerstin Schwalm ist Betriebsleiterin der drei Kronospan-Forstbetriebe in Brandenburg. Sie zeigt uns einen jungen Eichenwald im Forst „Drei Grenzen“ in Lieberose. Der Name des Forstes (kl. Foto) rührt historisch von den drei Waldeigentümern von Houwald, vo
Kerstin Schwalm ist Betriebsleiterin der drei Kronospan-Forstbetriebe in Brandenburg. Sie zeigt uns einen jungen Eichenwald im Forst „Drei Grenzen“ in Lieberose. Der Name des Forstes (kl. Foto) rührt historisch von den drei Waldeigentümern von Houwald, vo © Foto: Birgit Ulbricht

Ingenieure, Anlagenfahrer, alle möglichen Gewerke arbeiten beim Laminatriesen Kronospan in Lampertswalde. Was kaum einer weiß: Kronospan hat einen Förster und drei Waldarbeiter unter seinen Angestellten. Sie denken, das gibt’s doch gar nicht? Doch, gibt es. Und zwar im tiefsten Brandenburg. Im schier endlosen Kiefernmeer tut sich etwas.

Traubeneiche und Stileiche tauchen plötzlich auf, Bergahorn und Winterlinde sind auszumachen. Birken schieben ihre leuchtend weißen Stämme zwischen das eintönige Braun der Kiefernbestände, an Wassersenken trauen sich wieder Fichten auf die Bühne der Natur. Das ist nicht von allein passiert. Kronospan hilft hier der Natur, zu sich zurückzufinden. Kerstin Schwalm aus Großenhain lebt diese Aufgabe mit Leidenschaft. Sie ist Betriebsleiterin von drei Forstbetrieben, die unter der Wald- und Grundbesitz GmbH zusammengefasst sind. Eine Aufgabe, die schon mal eines bedeutet: Viel Zeit investieren. Denn die Kronowälder liegen weit auseinander, aber sie sollen gemeinsam mit den Flächen des Landes Brandenburg und der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg einmal ein aus sich heraus stabiles, weil wandlungsfähiges Ökosystem südlich von Berlin bilden. So hat es Kronospan in einer Broschüre formuliert. 2003 kaufte das Welt-Unternehmen auf dem früheren Truppenübungsplatz Wünsdorf den Forst Möggelinsee mit 3 981 ha, 2005 dann auf dem Truppenplatz Lieberose den Forst „Drei Grenzen“ mit 1840 ha und schließlich im Jahr 2006 den Forst Heidehof bei Jüterbog mit 1538 ha. Auf der Karte sind das winzige Flecken im einstigen Militärgebiet – der Übungsplatz Lieberose zum Beispiel war 27 000 ha groß. Kronospan hat davon nur besagte 1840 ha und nicht einmal die als Wirtschaftwald, denn 180 ha davon entfallen auf das Totalreservat. Kerstin Schwalm zeigt auf die Heide. „Wenn die blüht, sieht es hier aus wie rund um Lüneburg“, erzählt sie. Bäume erobern sich die Landschaft zurück, wie sie wollen. In Wünsdorf können Imker ihre Völker inzwischen in die Robinie und die Heide stellen.

Doch was macht einer der größten Holzverbraucher mit einem Totalreservat? Kerstin Schwalm lacht. „Der Natur etwas zurückgeben, etwas Ordentliches machen für unsere Kinder und Enkel“, sagt sie. Das sind nicht nur Worte. Kronospan lädt mit den Revierförstern Schüler zu Natur-Projekten ein, Senioren zu Pilzwanderungen, es gibt Wolfswanderungen und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg Otter- und Fledermausmonitoring. Kronospan hat 5000 Nistkästen aufgehangen und hegt die Tierwelt, unter anderem die Rotwildbestände mit Förstern und Jägern. Mit Pressesprecherin Anne Schiller zeigt uns Kerstin Schwalm heute ihr Revier. Wir haben Glück. Bei unserer Pirsch durch „Drei Grenzen“ entdeckt Kerstin Schwalm plötzlich zwölf Rothirsche, die stolz im Kiefern-Stangenwald äsen. Wenig später hoppeln fünf Hasen über den breiten Sandweg. „Es gibt viele dieses Jahr, die Trockenheit tut ihnen gut“, freut sich Kerstin Schwalm. Sie verwaltet nicht nur Kubikmeter und Hektar, sie ist naturbegeistert. Forstet Kronospan dafür im verbleibenden Wirtschaftswald rigoros?

Wieder lacht sie. „Nein. Kronospan arbeitet nach den strengsten Naturauflagen, die es überhaupt gibt, den internationalen Richtlinien des FSC (Forest Stewardship Council).“ Zehn Prinzipien, 70 Kriterien für eine heile Welt. Auf den einstigen Truppenübungsplätzen in Brandenburg werden sie gelebt, und darauf ist Kronospan stolz. Während Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor wenigen Tagen in Moritzburg einen Krisengipfel zum Wald einberufen hat und nachhaltiges Forsten als nationale Aufgabe fordert, findet das hier längst statt. Die Bilder wandeln sich. Die Kiefer wird noch lange Zeit der vorherrschende Baum bleiben, das weiß auch Kerstin Schwalm. Aber die Eichelhäher verbreiten still und überall sichtbar die Eiche in der Landschaft. 365500 Eichenbäume hat Kronospan pflanzen lassen. Man muss der Natur auf die Sprünge helfen. Schließlich war es auch der Mensch, der nur die Kiefer als einzig Überlebenden zurückgelassen hat. Nicht nur, weil der Mensch den Wald immer mehr verdichtet hat, bis der effektiv und monoton wurde. Die Bauern trieben ihr Vieh über Jahrhunderte in die Wälder, Koppelwirtschaft gab es nicht. Damit allerdings auch keinerlei Rückstände vom lieben Vieh, die man auf die Felder hätte bringen können. Und so fraßen die Tiere den Sommer über den Waldboden leer und Nadeln, die sie übrig ließen, holte noch der Mensch als Streu heraus. Derart gefegte Wälder hatten keine Chance. Dem Preußenkönig Friedrich dem Großen blieb nur noch die Kiefer als Wirtschaftsbaum.

Kronospan kommt damit gut zurecht. Schon die Stangenkiefern aus den nahezu lichtundurchlässigen Schonungen wandern in den Hacker nach Lampertswalde. Doch selbst das dauert zehn bis 15 Jahre, eh die Waldarbeiter so eine Schonung das erste Mal richtig durchforsten können, erklärt Kerstin Schwalm. Es vergehen Jahre der Läuterung, wie der Förster so hübsch sagt, in denen die Bäume ausgelichtet werden. Licht und Humus müssen auf den Boden, damit kräftige Bäume wachsen – und neue, andere Bäume. Laubbäume. „Die bleiben alle stehen“, sagt Kerstin Schwalm. Sie sollen neue Generationen hervorbringen und einen Zustand wiederherstellen, der dem vor der letzten Eiszeit ähnelt. Das ist das erklärte Ziel für die Truppenübungsplätze. Ja, was „natürlich“ ist, legt der Mensch willkürlich fest. Er hat sich entschieden, den frühestmöglichen Zeitpunkt vor seinem Eintritt in die Geschichte zu wählen und den Zeitpunkt, der über Samenfunde gerade noch belegbar ist. Ob die sich verändernde Natur mit diesem gedachten Wunschzustand zurechtkommt, werden andere nach uns beurteilen. Zurechtkommen muss indes auch ein Weltkonzern wie Kronospan. Eine schwarze Zahl müssten sie mit all ihren Unternehmungen hier schon schreiben, sagt Kerstin Schwalm auf Nachfrage. Da nur drei Prozent des Holzhungers mit den Kronowäldern zu stillen sind, bleibt das ein Spagat. Auch deshalb, weil all das andere Holz aus dem Umkreis von 250 Kilometern stammt und ebenfalls nur aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern mit lückenlos dokumentierter Herkunft stammen. Da bleibt nicht viel Spielraum. Derzeit gleich gar nicht. Die Holzpreise sind durch Borkenkäfer und Trockenheit so im Keller, dass Kronospan den Einschlag in den eigenen Wäldern eingestellt hat. Nur die Stangenkiefern werden ausgelichtet, sonst würde der Wald eingehen, so Kerstin Schwalm. Sie zeigt uns ein Hochmoor. Wer die Idylle sieht, kann sich kaum vorstellen, dass vor ein paar Jahren noch geräumt wurde. Neben der Munition auf den Wegen und Gebäuden, jede Menge Müll. Für 1,4 Millionen Euro hat Kronospan nur Müll entsorgt. Und der war keine militärische Hinterlassenschaft. Würde man alleine den Forstbetrieb Wünsdorf komplett von Munition befreien, wären noch einmal 68 Millionen Euro nötig, haben Experten hochgerechnet. An solche Summen ist nicht zu denken. Vieles wird für immer in der Erde bleiben. Kerstin Schwalm und ihre Revierförster sind sich sicher, die Natur wird es schaffen. Dass in Lieberose bis zu 50 000 Soldaten über 40 Jahre auf dem Platz waren und nahezu 365 Tage im Jahr mit Panzern schossen, ist jetzt schon unvorstellbar.