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„Kultur ist unser Mehl“

Die Bischheimer Müller zeigen im zwölften Jahr, dass sie ihr Metier beherrschen. Sogar geheiratet wurde bei ihnen.

© René Plaul

Von Ina Förster

Bischheim. Die dicken Mühlenmauern schirmen das schlechte Herbstwetter wunderbar ab. Drinnen ist es gemütlich warm, während draußen die letzten Blätter im Sturm wirbeln. Christian Schydlo und Jens Reuter haben zum Frühstück gebeten und wollen plaudern. Über das vergangene Jahr. Und das, was kommt. Die neuen Spielpläne bis Juli 2016 liegen druckfrisch auf dem Tisch. Ganze 62 Konzerte, Kabarett- und Travestieabende sowie Ausstellungseröffnungen liegen vor den beiden. 29 davon allein um die Weihnachtszeit. „Da haben wir erfahrungsgemäß massig zu tun“, so Jens Reuter. „Die Gäste kommen von überall her. Bautzen, Dresden, Cottbus. Wenn der Dezember zehn Freitage hätte, wären die auf jeden Fall voll …“

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Dass die Kulturmühle im Haselbachtal kein Geheimtipp mehr ist, wissen viele. Denn diese vielen haben es ja schließlich selber weiter gesagt. Die Müller verschicken mittlerweile Gutscheine deutschlandweit. Gerade um Weihnachten sind das beliebte Geschenke. Seit zwölf Jahren wird hier in Bischheim statt Mehl Kultur gemahlen. Jedes Wochenende. Meistens drei Tage hintereinander. Die Gaststätte selber hat derweil in der Woche nur auf Vorbestellung offen. „Wir befinden uns hier ja nicht gerade im Zentrum, sondern abseits auf dem flachen Land“, sagt Christian Schydlo. Er ist der Küchenchef. Stemmt bei voll besetztem Haus pro Abend an die 50 Essen zusammen mit seinem Kollegen. An normalen Wochentagen findet sich kaum Laufkundschaft an den Dorfrand von Bischheim. „Wenn aber beispielsweise ein Reiseunternehmen am 11.11. zum Martinsgans-Essen aus Pirna zu uns kommen will, öffnen wir freilich gern extra!“

Bühne mittendrin

Das Flair und Umfeld stimmt einfach. 1865 wurde die Mühle erbaut und diente bis 1920 vorrangig dem Mehlmahlen auf der Basis von Windkraft. Danach verschwand der größte Teil der originalen Innenausstattung, weil das landschaftlich schön gelegene Gebäude zur Jugendherberge ausgebaut wurde. Der Dresdner Architekt Hubert Jäger kaufte 1999 die Windmühle und baute sie um. Seit 2003 erfährt sie als Kulturmühle nun eine Wiederbelebung. Viele Stammkünstler reisen mehrmals jährlich an. Für sie ist das urige Haus etwas ganz Besonderes. Zum Beispiel für Vorpremieren. „Viele testen hier im kleinen familiären Rahmen ihre Programme aus und gehen danach erst auf große Bühnen“, weiß Jens Reuter. Und das Konzept geht auf. Obwohl es im Grunde genommen gar keine richtige Bühne gibt. Musiker, Schauspieler oder Travestiestars stehen hier sozusagen zwischen den Tischen. Sitzen dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes halb auf dem Schoß. Doch gerade das kommt an. „Wenn es eng wird, dann schieben die Gäste von sich aus schon mal die Tische hinter. Vor allem oben auf der Balustrade rücken sie einfach mit ihrem Stuhl ans Geländer, um besser zu sehen. „Viele Stammgäste kommen auch immer wieder. Wollen aber natürlich auch immer neue Kulturangebote sehen“, so Reuter. Der 48-Jährige kümmert sich um die Künstlerbuchung und -betreuung.

Standesbeamtin kommt vor Ort

Mittlerweile kennt er die meisten persönlich. Auch einige richtige Freundschaften haben sich über die Jahre ergeben. Im Sommer reist der Bischheimer dann auch schon mal zwischen Rügen und dem Haselbachtal hin und her. Wenn er nämlich in der „Lachmöwe“ in Baabe aushilft. Mit der dortigen Kleinkunstbühne und einem ähnlichen Veranstaltungshaus im ostthüringischen Gößnitz bei den „Nörgelsäcken“ verbindet die Kulturmüller eine jahrelange Beziehung. Nicht nur auf Arbeitsebene. „Wir tauschen uns aus und fahren öfter mit den gleichen Künstlern Engagements. Empfehlungen sind immer gut in der Branche!“ Denn die Mühle muss sich ständig neu erfinden. Junge, frische Gesichter stehen deshalb auch ab Oktober auf dem Spielplan. Trotzdem es anfangs schwieriger ist, diese zu vermarkten. Natürlich ziehen Namen wie Ulla Meinike, Lilo Wanders, Ralf Herzog oder Hans die Geige erst einmal mehr. Letzterer heiratete diesen Sommer übrigens sogar in der Kulturmühle. Dafür richteten Christian und Jens ein größeres Fest im Park aus. Insgesamt haben bis Jahresende 31 Paare hier Ja gesagt. Die Gemeinde Haselbachtal entwickelte sich auch dank der tollen Location zum regelrechten Hochzeitsort. Für die Trauungen wird die komplette Mühle umgeräumt und die Standesbeamtin kommt vor Ort. Auf Wunsch gibt es Sektempfänge oder kleine sowie größere Hochzeitsfeiern im Anschluss. Bereits jetzt liegen schon wieder Nachfragen für 2016 vor.

Zur Mühle gehört ansonsten das notwendige Inventar: Mause-Kater Emil, die beiden Hunde Nico und Frau Schmidt sowie die liebe Nachbarin Christel, die tatkräftig im Team mitmischt. Nur Esel Fritz ist nicht mehr. Und Schafe werden wohl künftig keine mehr angeschafft. Die letzten hat der Wolf gerissen …