merken
PLUS

Feuilleton

Kultur trotzt Corona: Jules Verne reist nach Dorfhain

Laden zu? Wie die Buchhändlerin Annaluise Erler Kunden trotzdem versorgt.

Annaluise Erler betreibt seit über 25 Jahren in Tharandt die Buchhandlung Findus – jetzt mit einem ganz neuen Service.
Annaluise Erler betreibt seit über 25 Jahren in Tharandt die Buchhandlung Findus – jetzt mit einem ganz neuen Service. © Andreas Weihs

Menschen sind ihrer Freiheit beraubt und leben in einer geschlossenen Gesellschaft nach strengen Regeln. Darum geht es in dem Bestseller „Hüter der Erinnerung“. In der Tharandter Buchhandlung Findus wird der Roman jetzt oft bestellt. Könnte am Thema liegen. Vor allem aber ist der Text Schulstoff. Deshalb sind auch Klassiker wie „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne oder Cornelia Funkes „Herr der Diebe“ gefragt. „Außerdem sind es wirklich tolle Bücher“, sagt Annaluise Erler. Die Chefin des Ladens bietet wie andere Buchhandlungen schon lange die Bestellung per Internet an. Den Webshop nutzen jetzt deutlich mehr Kunden. Einige nutzen auch den besonderen Service: Die Findus-Buchhandlung liefert die bestellte Lektüre bis vor die Haustür in die umliegenden Orte, nach Pretzschendorf, Freital, Hartha oder Spechtshausen, sogar bis nach Dresden. Ab einem Warenwert von 20 Euro kostet das nicht mal was.

„Vorher vereinbaren wir mit unseren Kunden die Art der Übergabe“, sagt Annaluise Erler. Bloß kein Handschlag. Manchmal legen sie das Buchpäckchen vor die Haustür, in die Veranda oder ins Vogelhaus. Tote Briefkästen gibt es sonst nur im Krimi. Jetzt werden sie wieder Mode. Bezahlt wird vorab per Paypal oder dann per Rechnung, die im Paket liegt. Da kann die Buchhändlerin nur hoffen, dass jeder sie findet.

Anzeige
Lust auf neue Kunden?

Wie Sie mit der sz-Auktion gleich doppelt gewinnen und was Sie dafür tun müssen.

Der Buchhamster darf mit

Bei längeren Strecken wird die Lektüre per Post verschickt. „Wir müssen sehen, dass wir es irgendwie hinkriegen“, sagt Annaluise Erler. Ihre Branche ist existenziell gefährdet. Denn Buchhändler sind meist als Klein- und Kleinstunternehmer unterwegs, nur wenige haben einen Konzern im Rücken. Die Umsatzrendite ist so gering, dass sie für ein finanzielles Reservepolster kaum reicht. 

Der Börsenverein als Branchenverband rechnet aufgrund der Ladenschließungen mit einem Umsatzausfall von insgesamt einer halben Milliarde Euro pro Monat. Deshalb, heißt es, sollten Bücher als „geistige Nahrung“ eine Verkaufserlaubnis wie andere Lebensmittel in der Corona-Krise erhalten. Das bleibt wohl ein frommer Wunsch. 

Vorerst helfen sich Buchhändler selbst. Manche räumen täglich ein neues Bilderbuchkino für die Jüngsten ins Schaufenster. Die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig gibt jeder Online-Lieferung das Bild eines reizenden Buchhamsters mit. In der Dresdner Neustadt bringen Mitarbeiter von Richters Buchhandlung und der Buchhandlung Lesezeichen die Ware ins Haus.

Nur die "Pest" ist nicht zu kriegen

In Tharandt wird der stärkere Online-Umsatz die Einbußen beim Ladenverkauf kaum ausgleichen. Einen Zuverdienst bringt der Hermes-Shop. Annaluise Erler hat eine Durchreiche für die Päckchen hinter die Ladentür gebaut. Sie arbeitet mit weißen Handschuhen. „Es wäre doch gelacht, wollten wir diese Krise nicht überstehen.“ Noch kann sie fast jeden Bücherwunsch aus den Verlagsprogrammen erfüllen. 

Sie bezieht die Ware vom Zwischenbuchhändler Umbreit, einem Familienunternehmen aus der Nähe von Stuttgart. Umbreit hat einen guten Ruf in der Branche, anders als Amazon. Der Konzern bevorzugt in der Corona-Krise den Handel mit Haushaltswaren, Sanitätsartikeln und weiteren Produkten mit hoher Nachfrage. Bis Anfang April nimmt er deshalb von Verlagen kein Buch ins Regal. Das könnte die Chancen gerade für kleinere Läden wie Findus und ihre Lieferanten erhöhen.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Dresdner startet 24-Stunden-Konzert

Der Cellist Jan Vogler macht am Freitag in New York mit vielen Künstlern bei der Livestream-Aktion „Music Never Sleeps“ mit.

Symbolbild verwandter Artikel

Das steckt im Corona-Hilfspaket

Die Bundesregierung bringt wegen des Corona-Virus ein riesiges Notpaket auf den Weg. Dabei geht es um Unternehmen, aber auch viele andere.

Nur mit dem Roman „Die Pest“ von Albert Camus kann Annaluise Erler gerade nicht dienen. Selbst antiquarisch wird jedes Exemplar fast mit Gold aufgewogen. Der Rowohlt Verlag druckt jetzt die 88. Auflage nach.

>>> Hier geht es zum Coronavirus-Newsblog