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Kulturhaus Rottwerndorf vergammelt seit über 20 Jahren

Mitte der 1980er-Jahre fanden die letzten Tanzveranstaltungen statt. Viele erinnern sich gernans Weesenstein-Trio.

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Von MariaTrixa

Dort, wo sich die Bushaltestelle „Altrottwerndorf“ befindet, steht das ehemalige Kulturhaus Rottwerndorf. Die Busse verkehrten hier einst bis ein Uhr nachts – heute passiert der letzte Bus des Tages das Kulturhaus gegen zehn. Auf seine einstige Nutzung als Tanzsaal, Gaststube und Café weist am Kulturhaus nichts mehr hin. Mit einer Vorderfront von zehn Fenstern und zwei Stockwerken plus Dachgeschoss ist es ein beachtlicher braungrauer Schandfleck. An der zweiflügeligen Tür klebt ein Veranstaltungshinweis, verblichen durch die Witterung wie das Gebäude selbst. Das Material, mit dem die leeren Fensterhöhlen verbaut wurden, nässt vor sich hin.

Lebendige Dorfgemeinschaft

Das war nicht immer so. Menschen arbeiteten, lebten und wohnten in dem Gebäude Altrottwerndorf 22. „Wir haben damals eine der beiden Dachgeschosswohnungen bewohnt“, erzählt Renate Hauswald. Damals, das war in den 60er-Jahren, und Renate Hauswald bekochte die Gäste der Gaststube im Erdgeschoss. Schnitzel, Rouladen und Gulasch standen unter anderem auf dem Speiseplan. Neben der Gaststube, die sich rechts vom Eingang befand, gab es im linken Teil des Erdgeschosses ein kleines Café. „Jeden Sonnabend spielte dort das Weesenstein-Trio“, erinnert sich der ehemalige Kellner Ossy Schiller. Zum Tanztee zog es vor allem ältere Damen ins helle Café. „Besonders beliebt war die Sitzecke am Blumenfenster, mit Blick zum Garten hinaus“, weiß Schiller.

Eine gemütliche Dorfatmosphäre zeichnete das Kulturhaus in seinen Hochphasen aus. „Wir waren eine echte Gemeinschaft“, erzählt Renate Hauswald. „Nach der Schicht setzten wir uns zusammen, es wurde ein Bierchen getrunken.“ An den Trubel der abendlichen Tanzveranstaltungen in der ersten Etage des Kulturhauses gewöhnten sich die Köchin und ihre junge Familie recht schnell.

Löbel war ein toller Chef

Zu DDR-Zeiten war das Kulturhaus dem Konsum-Gaststättenbetrieb unterstellt. Chef zu Hauswalds und Schillers Zeiten war Otto Löbel. Beide erinnern sich gern an den zu Beginn der 70er verstorbenen Gaststättenbetreiber. „Nach seinem Tod wechselten die Besitzer häufig. Doch das war nicht mehr das selbe“, bedauert Renate Hauswald. Sie kündigte bald darauf. „Der Betrieb sollte auf einmal wichtiger als die Familie sein“, begründet die heutige Copitzerin ihre Entscheidung.

Auch die Rottwerndorferin Ursel Nitsche denkt gern an ihre Jugend mit dem Kulturhaus zurück. „Löbel war wunderbar“, sagt sie. „Traumhaft schön“ sei die Gartenanlage hinter dem Kulturhaus gewesen. Das war in den 50ern. Rosen blühten, Lampen sorgten zum abendlichen Tanz für das richtige Licht, und in einem Gartenpavillon wurde ausgeschenkt. Bis das Hochwasser 1957 kam und die Gottleuba alles überschwemmte. Die Außenanlage gab es danach nicht mehr.

Statt dessen sorgten Silvesterpartys, Tanz für Unverheiratete oder Turniere des Pirnaer Tanzkreises „Silberpfeil“ für heitere Momente bis in die 70er-Jahre hinein. „Zum Tanz für Unverheiratete durften natürlich nur die Ledigen hinein. Daher gab es eine Ausweiskontrolle“, erläutert Ossy Schiller. Der Kellner fuhr immer mit seiner Schwalbe zur Arbeit. Denn nachdem der letzte Bus die Gäste heimbrachte, die aus Neundorf und der Südvorstadt kamen, räumte das Personal noch bis drei Uhr auf.

Heute steht das Gebäude schon seit über 20Jahren leer. Die Stadt Pirna konnte keine Verwendung für das ehemalige Kulturhaus finden. Seit 2003 gehört es einem Privatmann, und vor den Augen der Wartenden an der Haltestelle vergammelt es immer weiter.