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Kunst aus Müll

Anja Herzog verarbeitet alte Bierdosen und Drähte zu neuen Formen. Jetzt zeigt sie in der Fronfeste abstrakte Installationen.

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Von Christine Nützsche

Es ist düster. Nur der Mond und die Straßenlaterne spenden etwas Licht in der Bischofswerdaer Fronfeste. Für Anja Herzog ist das aber kein Problem. Sie hat eine Stirnlampe auf. Mit ihr betritt die 19-Jährige das seit Jahrzehnten baufällige Gebäude. Auf eigene Gefahr natürlich.

Schnell führt der Lichtstrahl auf zahlreiche Kunstobjekte, die an diesem Wochenende in dem ehemaligen königlich-sächsischen Gefängnis ausgestellt werden. Zu sehen sind Drahtgeflechte, leere Bierdosen oder Wandbilder. „Trash-Art“ heißt das in der Szene. „Damit ist einfach gemeint, dass wir aus Müll Kunst machen“, sagt Anja.

Feuer und Flamme

Wir – das ist der Mal- und Zeichenzirkel, den einst der Künstler Rosso Majores leitete. Seit diesem Frühjahr gehört Anja dazu. Für das Projekt in der maroden Fronfeste sei sie sofort Feuer und Flamme gewesen, sagt Sprecherin Kathleen Heinze. Auch, weil sich die leger gekleidete Frau mit Pferdeschwanz und Piercings im Gesicht in dem alten Gemäuer künstlerisch so richtig ausleben konnte.

An einem Sonntag hat Anja den „Wassermann“, eine Installation aus Waschbecken und aufgeschnittenen Müllsäcken, geschaffen. „Die Idee kam, als ich zum ersten Mal in diesem Raum war“, sagt sie, während ihre Stirnlampe bereits auf den Lampenschirm an der Decke leuchtet. In den soll noch ein Fisch reinkommen.

Dann geht der Marsch durch die düstere Fronfeste weiter. In einem schmalen Zimmer mit einem alten Dauerbrandofen bleibt Anja stehen. Auch diesen Raum hat sie gestaltet. Das Ergebnis: Ein Sammelsurium von Fundstücken, die am Mauerwerk befestigt sind, und ein rot bemalter Ofen.

Bernd Warnatzsch gefallen die Arbeiten. Er betreut als einer von drei regionalen Künstlern den zehnköpfigen Mal- und Zeichenzirkel. „Anja experimentiert viel, man sieht, sie hat Sinn für Farben und Zusammenhänge“, sagt er. Aber auch Anjas Persönlichkeit stimmt. Sie hat Teamgeist und treibt Dinge eigenverantwortlich voran.

Der zweite Versuch

Während die Kälte in der Fronfeste zunehmend die Beine emporsteigt, organisiert Anja noch die Beschilderung für die Präsentation am Wochenende. Das Lob für ihr Werbeplakat nimmt sie etwas verlegen an: „Das lerne ich ja in der Ausbildung“, sagt sie.

Ihre Lehre zur Gestaltungstechnischen Assistentin an der Akademie für Informations- und Kommunikationsdesign Dresden läuft noch bis Sommer. Danach könnte Anja in einer Werbeagentur arbeiten. Sie hat aber andere Ziele: „Ich will Bildende Kunst studieren.“ Auch, wenn die Jobaussichten anschließend alles andere als rosig sind. Denn nicht einmal jeder zweite Absolvent findet eine passende Stelle. Es bringe aber michts, gegen den Willen ihrer Tochter anzureden, sagt Mutter Ulrike, die selbst malt. Anja habe ihren eigenen Kopf. „Inzwischen sehe ich aber auch, dass meine Tochter für die Kunst geeignet ist“, sagt die Mutter.

Anja wird sich zum zweiten Mal für das Malerei- und Grafikstudium an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste bewerben. Im Januar hatte ihre erste Mappe mit Arbeitsproben Gefallen gefunden, dann scheiterte sie am Eignungstest. Doch Aufgeben ist nicht ihr Ding. Der feste Wille, es noch einmal zu versuchen, ist förmlich greifbar. Im Gespräch mit den Professoren sei sie nervös gewesen: „Wenn ich nicht eingeladen worden wäre, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt, aber so denke ich: Es ist ja irgendetwas da!“

In Bischofswerda könne sie ihren künstlerischen Drang momentan voll ausleben, sagt Anja. Montags besucht sie den Malzirkel und ansonsten oft die städtische Carl Lohse-Galerie. Das Projekt in der Fronfeste empfindet die junge Künstlerin als Glücksfall und Riesenerfahrung. Sie versucht sich an Collagen, auf Papier an kunstvollen Tintenklecksen. Ideen hat sie viele. Kommen sie beim Einschlafen, setzt Anja sie manchmal nachts noch um.