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Sachsens Industriegeschichte: Es hat Boom gemacht

500 Jahre Industriegeschichte werden bei der 4. Sächsischen Landesausstellung in Zwickau und an weiteren Orten in Südwestsachsen lebendig.

Sechzehn Mann und ein Trabi-Vorläufer: Die Frage ist nicht, wie viele Menschen in den P 70 passen, sondern wie viele „die Pappe“ tragen kann. Mitte der 50er-Jahre wurde das beim Belastungstest AWZ P 70 untersucht.
Sechzehn Mann und ein Trabi-Vorläufer: Die Frage ist nicht, wie viele Menschen in den P 70 passen, sondern wie viele „die Pappe“ tragen kann. Mitte der 50er-Jahre wurde das beim Belastungstest AWZ P 70 untersucht. © August-Horch Museum

Bildgewaltig beginnt die Schau. Eine riesige Videoinstallation, die ein internationales Team von Absolventen und Meisterschülern der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst realisierte, zerlegt den berühmten Annaberger Bergaltar. Dabei haben die Künstler um Clemens von Wedemeyer das Original, das Hans Hesse 1521 für die Annenkirche in Annaberg-Buchholz malte, nicht angerührt. Ihre Arbeit heißt „‚Ausbeutung oder wie man die Oberfläche durchbricht“. 

Die Installation, die der Arbeit und den Recherchen einer Restauratorin am Bergaltar folgt, hinterfragt die Bedeutung des Bergbaus in Sachsen gestern, heute und morgen und bringt auf ihre Art auf den Punkt, was die 4. Sächsische Landesausstellung auf 2.500 vom Büro Holzer Kobler Architekturen kongenial gestalteten Quadratmetern im Audi-Bau Zwickau und an sechs weiteren Standorten in Südwestsachsen ausbreitet: Ein kulturhistorisches Panorama von 500 Jahren Industriekultur in Sachsen.

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Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

Das Hygiene-Museum in Dresden hat mitgearbeitet

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden und Kurator Thomas Spring, der unter anderem auch für das Sächsische Museum für Archäologie arbeitete, haben spektakuläre historische Artefakte, Kunstwerke und Maschinen zu einem chronologischen Themenparcour, zu einem kulturhistorischen Panorama zusammengestellt. 

TextilBoom: Die Tuchfabrik Pfau in Crimmitschau ermöglicht eine Zeitreise in die Geschichte der Textilproduktion.
TextilBoom: Die Tuchfabrik Pfau in Crimmitschau ermöglicht eine Zeitreise in die Geschichte der Textilproduktion. © Carlo Boettger

Denn Kultur ist ja bekanntlich, wie der Mensch lebt. So erzählt die Schau in jeder Epoche vor allem von den Menschen an den Maschinen, von Produzenten und Verbrauchern, von Fleißigen und Kreativen, von Unternehmergeist und Wissensdurst, von Erfolgen und Rückschlägen, Innovationen und Katastrophen.

Dass die Schau den Bogen über 500 Jahre spannt, liegt daran, dass in Sachsen alles vom Bergbau her kommt. Um 1500 lösen Silberfunde im Erzgebirge einen Boom, das „Berggeschrey“ aus. Silber bringt halb Europa in Bewegung. 

Garne und Tuche, Baumwolle und Leinen

Der Bergbau verändert die Umwelt und macht Menschen mobil. Sie wagen mit der Reformation einen religiösen Aufbruch, aber sie führen auch Kriege. Barocker Glanz kommt aus dem Berg: Was wäre August der Starke ohne Silber und Eisenerz?! Was wäre das Meissener Porzellan ohne Kaolin?

Als 1763 mit dem Hubertusburger Frieden das Ende des Siebenjährigen Krieges besiegelt wird, ist Sachsen wirtschaftlich und politisch am Ende. Ein Aufbauprogramm und die Textilproduktion bringen das Land wieder nach vorn. Garne und Tuche, Spitzen und Posamente, Baumwolle und Leinen sind die Motoren der Industrialisierung. Drei Viertel der Produktion gehen in den Export. 

KohleBoom: Der frisch sanierte Förderturm in Oelsnitz ist das Wahrzeichen des sächsischen Steinkohlebergbaus.
KohleBoom: Der frisch sanierte Förderturm in Oelsnitz ist das Wahrzeichen des sächsischen Steinkohlebergbaus. © Arndt Gauber

Die rasante Industrialisierung führt zu einer gewissenlosen Ausbeutung der Menschen. Die Konflikte werden unversöhnlich und münden in die Revolution von 1848/49. Das 19. Jahrhundert ist die Zeit von Karl Marx und Karl May. Es ist eine Zeit, in der nicht nur die Arbeiter, sondern auch deren Frauen ihre Rolle neu definieren. In Leipzig wird 1864 die Sozialdemokratie gegründet, und die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand werden zu Bestsellern.

Der "Trabi" als Symbol sächsischer Findigkeit

1914 ist Sachsen das Land mit dem stärksten Industrialisierungsgrad im Deutschen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Wirtschaft kaputt, die Arbeitslosigkeit hoch. Mitten in der Weltwirtschaftskrise günden die Gebrüder Schocken 1933 in Zwickau einen der größten deutschen Warenhauskonzerne. 

Auf die Größe kommt es gar nicht an: Eine Dampfmaschine in der Walnussschale ist das winzigste Exponat der zentralen Ausstellung in Zwickau.
Auf die Größe kommt es gar nicht an: Eine Dampfmaschine in der Walnussschale ist das winzigste Exponat der zentralen Ausstellung in Zwickau. © Ralph Koehler

Die Lokomotive „Sachsenstolz“ kündet vom Können sächsischer Ingenieure, und eine auf Klopapier geschriebene Doktorarbeit erzählt vom Forscherdrang. Nicht nur Maschinenbau und Textilindustrie, auch Feinmechanik und Optik, Fahrzeugbau und Druckindustrie entwickeln sich, aber der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg bringen Elend und Verwüstungen.

In der DDR geht der Wiederaufbau nur schleppend voran. Die Ausstellung macht den Trabi zum Symbol sächsischer Findigkeit, die sich in den Mühlen der sozialistischen Planwirtschaft jedoch nicht entfalten kann. Die „Pappe“ geht mit der DDR unter. Die Treuhand legt volkseigene Betriebe still. Lebensleistungen sind nichts mehr wert. Frust und Enttäuschung wohnen neben Goldgräberstimmung. 

Silberfunde im Erzgebirge lösten um 1500 ein gewaltiges „Berggeschrey“ aus. Aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum kam diese Meissen-Gruppe fleißiger Bergleute.
Silberfunde im Erzgebirge lösten um 1500 ein gewaltiges „Berggeschrey“ aus. Aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum kam diese Meissen-Gruppe fleißiger Bergleute. © SZ Grafik

Nach 1990 sind Fahrzeug- und Maschinenbau und Chipindustrie im Freistaat so wichtig wie Bildung und Forschung. 2020 ist das Jahr der Industriekultur. Südwestsachsen erhofft sich einen Reiseboom. Es wird wieder aufwärts gehen nach Corona ist eine Botschaft der Landesausstellung, in der zu guter Letzt Zukunftsmacher zu Wort kommen, Männer und Frauen, die reflektieren, wie sich das Land entwickeln könnte.

Die 4. Sächsische Landesausstellung

  •  „Boom!“ Hauptausstellung bis 31. Dezember 2020 im Audi-Bau Zwickau, Audistr. 9. Geöffnet täglich 10-18 Uhr
  • AutoBoom im August-Horch-Museum Zwickau, Audistr. 7, täglich 10-18 Uhr
  • MaschinenBoom im Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Str. 119, Di–Fr
  • 9-17 Uhr, Sa/So/Feiertage 10–17 Uhr
  • EisenbahnBoom Frankenberger Str. 172 in Chemnitz-Hilbersdorf, Do–So,
  • feiertags 10–17 Uhr
  • KohleBoom Bergbaumuseum Oelsnitz, Pflockenstr. 28; Di–So 10-18 Uhr
  • TextilBoom Tuchfabrik Pfau in Crimmitschau, Leipziger Str. 125, Do–So,
  • feiertags 10–17 Uhr
  • SilberBoom Silberbergwerk Freiberg, Fuchsmühlenweg 9, nur mit Führung nach vorheriger Anmeldung.
  • Eintrittspreise Boom-Kombiticket 40/ 20 Euro; bis 18 Eintritt frei. Mit Kombiticket 25 % Rabatt im SilberBoom.

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