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"Wir müssen den Familien helfen"

Stadtrat Lars Tschirner erklärt, warum ein Sonderausschuss zur Kita-Krise wichtig ist und wie es nun weitergehen soll.

Von Annett Heyse
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Stadtrat Lars Tschirner hat einen Sonderausschuss durchgesetzt. Es geht um die Freitaler Kita-Krise.
Stadtrat Lars Tschirner hat einen Sonderausschuss durchgesetzt. Es geht um die Freitaler Kita-Krise. © Karl-Ludwig Oberthuer

Mehr als 300 Freitaler Familien werden aller Voraussicht nach im Sommer keinen Platz für ihre Kinder in Krippe oder Kindergarten bekommen. Denn in der Stadt fehlen Plätze. Der Erste Bürgermeister Peter Pfitzenreiter (CDU) hatte die Situation immer wieder mit Personalproblemen begründet. Ausgeschriebene Stellen konnten nicht besetzt werden, weil es so wenige Bewerber gab. Allerdings: Bei vielen Freien Trägern, die in Freital gut die Hälfte aller Betreuungsplätze anbieten, ist das Problem längst nicht so groß. "Irgendetwas ist da gewaltig schiefgelaufen", sagt Lars Tschirner. Der Fraktions-Chef der Bürger für Freital schlug im Stadtrat die Bildung eines Sonderausschusses vor. 16 Räte stimmten dafür, 15 waren dagegen. 

Herr Tschirner, die Not in Freitals Kita-Landschaft ist groß. Wann ist das den Räten erstmals so richtig bewusst geworden?

Im Juni 2018 gab es die letzte große, umfassende Präsentation der Stadtverwaltung mit Prognosezahlen. Seitdem ist nur häppchenweise informiert worden. Das klang auch immer alles ganz gut. Als dann im Dezember erstmals die Zahl von mehr als 100 fehlenden Plätzen zum Frühjahr bekannt wurde, war ich erschrocken. Wir Stadträte von allen Fraktionen haben mit den beschlossenen Haushalten den Weg für Kitainvestitionen und fehlendes Personal immer mehrheitlich frei gemacht. Damit hatte die Stadtverwaltung rechtzeitig alle Voraussetzungen, die Richtlinien der Kindertagesbetreuung erfüllen zu können. Nach den mir heute vorliegenden Informationen ist das Personalproblem schon seit letztem Sommer dramatisch absehbar gewesen. Es hätte also schon viel eher mit diesem jetzigem großen Einsatz der Stadtverwaltung begonnen werden können und müssen, neue Mitarbeiter zu finden.  Sich unter dem Deckmantel "Es ist ein sachsenweites Problem ", zu verstecken, kann nicht unser Anspruch als familienfreundliche Stadt Freital sein. Meiner ist es jedenfalls nicht. Mir tut die Situation sehr leid für die Eltern und ich frage mich oft, warum uns Stadträten das Ausmaß so entgangen ist.

Und, irgendwelche Erkenntnisse, wie das passieren konnte?

Im Sozial- und Kulturausschuss geht es viel um das Thema, das weiß ich. Aber irgendetwas ist hier gewaltig schiefgelaufen. Als Stadträte haben wir uns darauf verlassen, dass die Verwaltung alles im Griff und die Zahlen im Blick hat. Vielleicht haben wir Stadträte da zu sehr vertraut. Erst mit der Einführung des Online-Vergabesystems Little Bird ist das Problem wirklich aufgefallen. Und jetzt stehen wir alle vor einem riesigen Problem.

Sie haben bestimmt mit Betroffenen gesprochen. Was berichten die Familien ihnen?

Ich bekomme im Hains, im Verein und in der Kita einiges mit. Mich sprechen auch viele auf der Straße oder über den Bekanntenkreis an. 300 betroffene Familien - das sind 300 Mütter oder Väter, die eigentlich arbeiten gehen wollen und müssen, dass aber nun nicht können. Das belastet diese Eltern sehr, die stehen unheimlich unter Druck. Es stehen doch nicht immer Großeltern parat, die mal schnell für ein paar Monate einspringen können. Es ist auch nicht gerade gut für die Stimmung in einer Partnerschaft, wenn man gar nicht mehr planen kann. Für manche ist das zudem ein finanzielles Risiko. Denn keine Arbeit, kein Gehalt. Und dann sind da auch Arbeitgeber, die auf die Rückkehr der Eltern ins Berufsleben warten und nun Ersatz finden müssen. Die machen auch Druck und haben Druck. So trifft es am Ende mehr einen riesigen Personenkreis. Wie existenziell wichtig für die Eltern, die Arbeitswelt und den Freistaat eine funktionierende Kindertagesbetreung ist, wird wohl in der aktuellen Corona- Krise auch die gesamte Bevölkerung feststellen können.

Nun soll ein Sonderausschuss gebildet werden, der Lösungen findet. Denken Sie nicht, dass man im Rathaus bereits fieberhaft daran arbeitet, mehr Plätze zu schaffen?

Ich gehe davon aus, dass das Thema mit ganz oben auf der Tagesordnung steht. In der März-Sitzung des Stadtrates wurden von der Verwaltung auch erste Ideen vorgestellt. So soll ein freier Träger in einem städtischen Gebäude drei Gruppen eröffnen, heißt es. Aber das wird nicht reichen, das ist gerade mal so etwas wie eine Erste-Hilfe-Maßnahme. Doch davon wird der Patient noch nicht gesund. Warum es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist und wie das zukünftig mit allen Betroffenen ob Stadt, Freie Träger oder Tagesmuttis besser strukturiert werden kann ist auch zu klären. Deshalb brauchen wir einen Sonderausschuss, in dem Stadträte und sachkundige Bürger Lösungsvorschläge sammeln, diskutieren und erarbeiten. So ein Ausschuss kann sich auch fachlich beraten lassen. Wir brauchen einerseits schnelle Lösungen, zur Not eben provisorisch. Da müssen wir ganz pragmatisch denken. Und wir brauchen andererseits langfristige Lösungen. Wir müssen den Familien helfen, das erwarten die Bürger von uns.

Haben Sie selbst eine Idee?

Ich könnte mir vorstellen, wo dies in bestehenden Kindergärten vom Gelände her möglich ist, Container aufzubauen und zusätzliche Platzkapazitäten zu schaffen. So kann man die Zeit überbrücken, bis in zwei oder drei Jahren ein Neubau fertig ist, der ja kommen soll. Mit weiteren zusätzlichen Vorschulklassen in den Grundschulen könnte Entlastung in den Kitas erreicht werden. Außerdem muss man darüber nachdenken, dass Personal in den städtischen Krippen, Kindergärten und Schulhorten zu Teams zu formen, die flexibel in mehreren Einrichtungen eingesetzt werden können. Wenn also in einer Einrichtung Notstand wegen Krankheit herrscht, wie neulich in der Kita Willi, dann kann Personal sofort umgelenkt werden. Und warum kann nicht ein Horterzieher in einer Krippe aushelfen? Vielleicht gelingst es so auch bestehende Arbeitsstunden aufzustocken und Arbeitsverträge flexibler zu gestallten? In der freien Wirtschaft funktioniert das genau so. Nicht nur Handwerker werden heute auf dieser und morgen auf jener Baustelle eingesetzt und haben ein Überstundenkonto, sondern fast alle Angestellten müssen sich saisonal und je nach Auftragslage den gesellschaftlichen Erfordernissen anpassen. Über solche Modelle für Erzieher muss man diskutieren und dafür ist der Sonderausschuss genau das richtige Gremium.  

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