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Warum die Menschen im Kreis Görlitz nicht so alt werden

Eine Studie gibt Hinweise auf die Faktoren für die Lebenserwartung an der Neiße. Politik und Krankenkassen haben das erkannt.

Auch im Alter fit und gesund sein, das erhoffen sich viele Menschen.
Auch im Alter fit und gesund sein, das erhoffen sich viele Menschen. © dpa-Zentralbild

Mit 106 Jahren trug Lotte Schulze zwei Jahre lang den inoffiziellen Titel, älteste Görlitzerin zu sein. Sie lebte schon, als die Spanische Grippe die Welt heimsuchte. Und nun musste sie in einer Görlitzer Demenz-WG auch vor Corona geschützt werden. Am 8. August ist sie, wie erst jetzt bekannt wurde, gestorben. Sie war erst der fünfte Mensch in Görlitz, der nachweislich den 106. Geburtstag erlebt hat.

Das Bild zeigt Lotte Schulze an ihrem 100. Geburtstag. Jetzt ist sie mit 106 Jahren gestorben.
Das Bild zeigt Lotte Schulze an ihrem 100. Geburtstag. Jetzt ist sie mit 106 Jahren gestorben. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Das wird auch künftig nicht die Regel sein. Das zeigt eine neue Studie, die jüngst im Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Erstmals ermittelten dabei der Rostocker Professor für Demografie, Roland Rau, und der Ökonomie-Professor Carl Schmertmann von der  Florida State University die Lebenserwartung für die Menschen in jedem der 402 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Im Kreis Görlitz kann eine Frau mit etwas mehr als 83 Jahren rechnen, ein Mann mit rund 78 Jahren. Damit belegt der Kreis einmal keinen letzten Platz bei einer bundesweiten Untersuchung, sondern liegt mit den Plätzen 259 (Frauen) und 272 (Männer) im hinteren Mittelfeld. Deutlich höher ist die Lebenserwartung im Landkreis Bautzen mit knapp 84 Jahren bei den Frauen und knapp 79 Jahren bei den Männern.

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Lebenserwartung hängt von sozialem Umfeld ab

Woran die regionalen Unterschiede in Deutschland liegen, die vier Jahre bei den Frauen und mehr als fünf Jahre bei den Männern ausmachen, wollten die Wissenschaftler ebenso wissen und stellten die Lebenserwartung in Beziehung mit verschiedenen soziowissenschaftlichen Daten. Zwar bringt es im Osten Deutschlands einen Vorteil, in einer Stadt zu wohnen, weil dort die Bevölkerungs- und Arztdichte höher ist. Aber sehr ausgeprägt ist dieser Zusammenhang den Wissenschaftlern zufolge nicht. Viel stärker zeigt sich ein anderer. "Indikatoren wie Arbeitslosenquote, Wohngeld und weitere öffentliche Unterstützungsleistungen haben erheblich höhere und (durchgehend negative) Korrelationen mit der Lebenserwartung auf Kreisebene", kommen die Wissenschaftler zu ihrem Schluss. 

Sie bestätigen damit bekannte Analysen für ganz Deutschland. Danach haben arme, benachteiligte Menschen und Personen mit einem geringen Schulabschluss eine niedrigere Lebenserwartung als Personen mit höherem Einkommen, besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten oder einem Universitätsabschluss. "Das liegt nicht nur am Einkommen oder den Ressourcen an sich", schreibt Rau, "sondern  unter anderem auch an der höheren Häufigkeit ungesunder Verhaltensweisen, wie zum Beispiel schlechter Ernährung, Rauchen oder übermäßigem Trinken, oder auch an berufsspezifischen Gesundheitsrisiken bei Personen mit niedrigem Einkommen oder geringerer Bildung."

Ist Görlitz eine abgehängte Region?

Seit die Studie im Ärzteblatt erschien, kann nun jeder Landkreis schauen, welche Zusammenhänge es bei ihm gibt und wie Abhilfe geschaffen werden kann.  Das, so sagen die Autoren der Studie, sei wichtig für die Verteilung von Ressourcen im Gesundheitssystem. Aber vor allem auch, um marginalisierte, also abgehängte Regionen erst einmal zu identifizieren.

Auch wenn der Landkreis Görlitz nicht das Schlusslicht bildet, so weisen die Statistiken durchaus darauf hin, dass der Lebenserwartung an Neiße und Spree engere Grenzen als beispielsweise in Bayern gesetzt sind. Die Arbeitslosenquote im Kreis Görlitz liegt über dem sächsischen Schnitt, die in der Stadt Görlitz gehört zu den höchsten sachsenweit. Seit Jahren schließen rund 28 bis 29 Prozent eines Jahrgangs im Kreis Görlitz ihre Schule mit dem Abitur ab, in Sachsen liegt der Anteil mit vier Prozent deutlich höher. Und mehr Menschen als in Sachsen sind im Landkreis auf eine Mindestsicherung wie Hartz-IV vom Staat angewiesen. Die Quote lag im Kreis vor drei Jahren bei 10,4 Prozent, in Sachsen bei 8,7 Prozent. nur in den Städten Chemnitz und Leipzig lag die Quote höher. Und pro Kopf hat der Einwohner im Landkreis Görlitz eines der geringsten Nettoeinkommen. Hinter den 1.945 Euro im Kreis Görlitz im Jahr 2018  blieben nur noch die Stadt Leipzig und der Vogtlandkreis zurück.

Kreis hat eine Arbeitsgemeinschaft mit Krankenkassen

Seit Jahren reagieren die Krankenkassen mit Vorsorgeangeboten auf die Entwicklung. Zusammen mit dem Landkreis treffen sie sich einmal im Vierteljahr in der Regionalen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention (RAG). Zur gegenseitigen Information und Abstimmung. "Das klappt gut", sagt auch Martina Weber, Beigeordnete für Soziales im Landratsamt. Besonders seit der Bund mit dem Präventionsgesetz vor fünf Jahren den Krankenkassen auch zusätzliche Mittel zur Verfügung stellt, können gezielt Vorsorgeangebote unterbreitet werden. Die Probleme sind schon seit Längerem bekannt.

Die regionalen Gesundheitsreports von DAK, Barmer und AOK sprechen seit Jahren für den Landkreis Görlitz und die Oberlausitz von einem hohen Niveau bei Rückenleiden. Als Grund nennen sie die Altersstruktur und die Digitalisierung der Arbeit. Immer mehr Angestellte sitzen vor dem Computer, bewegen sich zu wenig. Das hat Folgen. So hat das Statistische Landesamt in Kamenz ermittelt, dass knapp 60 Prozent aller Menschen im Kreis einen Body-Mass-Index von über 25 und damit Übergewicht haben. In den Großstädten wie Dresden (47 Prozent) und Leipzig (48 Prozent) haben die Menschen deutlich weniger Pfunde auf den Rippen. Auch psychische Probleme nehmen im Kreis zu.

Deswegen verständigte sich die Arbeitsgemeinschaft im Landkreis die vier großen Ziele von Bund und Land auch an der Neiße zu verfolgen: Kinder und Jugendliche - gesund aufwachsen; Erwachsene - gesund leben und arbeiten; Gesundheitsförderung von Erwerbslosen; Senioren - gesund im Alter. 

Keine schnellen Veränderungen

Doch schnelle Veränderungen wird es nicht geben. Denn  die sozialen Bedingungen ändern sich nur langsam. Stattdessen besteht die Gefahr, dass die ungesunde Lebensweise "vererbt" wird. So wies der Kinder- und Jugendreport der Krankenkasse DAK nach, dass in Familien mit niedrigem Bildungsstatus Jungen und Mädchen bis zu dreimal häufiger von bestimmten Erkrankungen betroffen sind als Kinder akademisch gebildeter Eltern. Besonders deutlich wurde das beim Übergewicht. Kinder von Eltern ohne Ausbildungsabschluss sind im Alter zwischen fünf und neun Jahren bis zu 2,5 mal häufiger von Fettleibigkeit betroffen als Kinder von Akademikereltern. Laut DAK-Report haben von 1.000 Kindern bildungsarmer Eltern 52 ein krankhaftes Übergewicht - bei Akademikerkindern sind es nur 15 Jungen und Mädchen von 1.000. Ähnliche Zusammenhänge gab es bei Zahnkaries, bei Sprach- und Sprechproblemen und Verhaltensstörungen. 

Deswegen haben Krankenkassen wie die DAK auch Kinder und Jugendliche im Blick. "Wir müssen früh beginnen", sagt Andreas Motzko. So richten sich Programme gegen das Komasaufen, stellt die DAK Grundschulen und Kitas Sportmaterial zur Verfügung oder gibt es spezifische Programme, um vom Glimmstängel wegzukommen.  Andere Krankenkassen haben vergleichbare Angebote oder konzentrieren sich auf andere Zielgruppen. Die AOK beispielsweise engagiert sich beim Firmenlauf des Europamarathonvereins. Die IHK in Görlitz organisiert Treffen mit Betrieben zum Gesundheitsmanagement. 

Älteste Görlitzerin ist jetzt eine 105-Jährige

So müssen viele Beteiligte an dem Problem arbeiten: Kreis, Städte und Gemeinden, Krankenkassen, Sozialarbeiter, Schulen, Kitas, Arbeitgeber, Eltern  - eben die gesamte Gesellschaft. Es geht gar nicht darum, dass künftig alle 100 Jahre alt werden. Es würde schon reichen, den Abstand zu den Spitzenreitern aus Bayern und Baden-Württemberg zu verkleinern. 

Die älteste Görlitzerin ist jetzt eine 105-Jährige, die in einem Görlitzer Altenheim lebt. Sie will zwar nicht namentlich in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten, doch nach SZ-Informationen ist sie sowohl körperlich als auch geistig für ihr hohes Alter in guter Verfassung. Es geht also auch hier. (mit SZ/ik)

Lebenserwartung in den Kreisen Deutschlands (1 = höchste, 402 = niedrigste):

Frauen

  • 1. Starnberg (Bayern)                               85,69 Jahre 
  • 2. Stadt München (Bayern)                    85,53 Jahre
  • 3. Landkreis München (Bayern)           85,33 Jahre
  • 4. Stuttgart (Baden-Württemberg)     85,40 Jahre
  • 5. Breisgau-Hochschwarzwald (BW)  85,33 Jahre
  • ...
  • 153. Bautzen (Sachsen)                           83,84 Jahre
  • ...
  • 259. Görlitz (Sachen)                                 83,37 Jahre
  • ....
  • 341. Spree-Neiße (Brandenburg)         82,99 Jahre

  • 402. Salzlandkreis (Sachsen-Anhalt)  81,77 Jahre 

Männer

  • 1. Landkreis München (Bayern)                        81,15 Jahre
  • 2. Breisgau-Hochschwarzwald (BW)               80,89 Jahre
  • 3. Stadt München (Bayern)                                 80,83 Jahre
  • 4. Starnberg (Bayern)                                            80,66 Jahre
  • 5. Hochtaunuskreis (Hessen)                             80,65 Jahre
  • ...
  • 158. Bautzen (Sachsen)                                       78,85 Jahre
  • ...
  • 272. Görlitz (Sachsen)                                           78,20 Jahre
  • ...
  • 320. Spree-Neiße (Brandenburg)                     77,86 Jahre
  • ...
  • 402. Bremerhaven (Bremen)                              75,82 Jahre

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