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Die Lehrer unseres Lebens

620 Schulanfänger gehen an diesem Sonnabend in Görlitz und Niesky zum ersten Mal in die Schule. Was sie erwartet, hängt viel von ihren Lehrern ab.

Sebastian Beutler, Renate Schwarze, Mathias Hoinkis, Bernd Lange (von links) und Nick Schwarz (unten links) berichten über die Lehrer ihres Lebens.
Sebastian Beutler, Renate Schwarze, Mathias Hoinkis, Bernd Lange (von links) und Nick Schwarz (unten links) berichten über die Lehrer ihres Lebens. © Uwe Schwarz

Wenn Heinz Rühmann nach all den Späßen in dem legendären Film „Die Feuerzangenbowle“ die Bilanz ziehen darf, dann verbannt er Lehrer wie Crey, genannt Schnauz, Bömmel und Direktor Knauer in das Reich der Fantasie. Solche gäbe es gar nicht. Das mag sein. Aber ein jeder hat Lehrer in seiner Schulzeit gehabt, die ihn prägten. Meist ein Leben lang. Darum soll es zum Schulanfang von 544 Mädchen und Jungen in Görlitz und für 76 in Niesky hier gehen. Wer waren denn die Lehrer unseres Lebens? Und was gaben sie mit? Fünf Persönlichkeiten blicken zurück.

Aus einem wilden Haufen wurde eine Gemeinschaft

Mathias Hoinkis lernte von 1978 bis 1988 in der 9. POS „Ernst Thälmann“ in Görlitz. Heute ist der 49-Jährige Inhaber der Süßwarenfabrik Hoinkis in Görlitz. Von der 7. bis zur 10. Klasse war Mario Eisenbeiß der Klassenlehrer von Hoinkis. „Mario Eisenbeiß war jung, als er unsere Klasse übernahm. Mit langen Haaren, Jesuslatschen und Nickelbrille hob er sich schon rein äußerlich von anderen Lehrern ab. 

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Dieser junge Mann schaffte es, aus einem wilden Haufen eine starke Klassengemeinschaft zu formen. Er behandelte alle Schüler gleich, war streng, aber fair und gerecht. Eisenbeiß, der bei mir Mathe und Physik unterrichtete, erkannte schnell die Stärken und Schwächen jedes Schülers. In seiner Freizeit gab er schwachen Schülern Nachhilfe auch in Fächern, die er bei ihnen nicht unterrichtete. 

Aus heutiger Sicht schätze ich besonders an ihm, dass er uns Schülern Werte vermittelte, unabhängig vom damaligen System. Er sorgte für den Zusammenhalt der Klasse, was in unserem pubertären Alter bestimmt nicht einfach war. Mario Eisenbeiß war für mich ein Lichtblick an der Schule in der Cottbuser Straße, die damals in katastrophalem Zustand war. Nach der Wende verließ er Görlitz, Kontakt gibt es nicht mehr. Fotos: Lachnit, Schwarz, privat

Der Mann mit den langen Haaren in der Mitte der hinteren Reihe ist Mario Eisenbeiß. Der dritte Schüler von rechts in der gleichen Reihe ist Mathias Hoinkis.
Der Mann mit den langen Haaren in der Mitte der hinteren Reihe ist Mario Eisenbeiß. Der dritte Schüler von rechts in der gleichen Reihe ist Mathias Hoinkis. ©  privat

"Uns Mädchen gefielen ihre tollen Kleider"

Die Rauschwalderin Renate Schwarze ist Rentnerin. Die 74-Jährige kennen viele Görlitzer aus den 1990-ern als Bürgermeisterin mit SPD-Mandat. Renate Schwarze wurde 1953 in die Schule 2 in der Görlitzer Schulstraße eingeschult. „Ich kann mich an alle meine Lehrer erinnern“, sagt sie. 

Besonders an Gisela Berthold. Sie wurde 1958 Leiterin der Klasse 6b, in die Frau Schwarze ging. „Fräulein Berthold - damals war sie noch unverheiratet - kam frisch von der Lehrerausbildung. Deutsch, Russisch und eine kurze Zeit Englisch hatte ich bei ihr. Sie verstand es, uns Schülern Literatur und Sprache so nahezubringen, dass wir Freude daran hatten. Fräulein Berthold war eine schöne Frau. Wir Mädchen schauten ja immer auch darauf, welche Kleidung sie trug. Sehr modisch, sehr elegant war ihr Stil. Ihr Auftreten und ihre Herangehensweise ans Lernen haben mich geprägt. 

Trotz ihres jungen Alters schätzte sie gut ein, wie viele Forderungen ein Schüler erfüllen kann und wo Förderung notwendig war. Und das bei immerhin 36 Schülern in der Klasse. Fräulein Berthold war ein schönes Beispiel für die große Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit für die Entwicklung der Kinder. Hochbetagt lebt Frau Berthold, verheiratet Packert, jetzt in Bernau. Wegen der Gesundheit kam sie schon zum letzten Klassentreffen nicht mehr.“

Inmitten ihrer Schüler Fräulein Gisela Berthold. Rechts daneben Renate Schwarze.
Inmitten ihrer Schüler Fräulein Gisela Berthold. Rechts daneben Renate Schwarze. © privat

Erst angehört, dann geurteilt

Bernd Lange kam 1962 in die POS „Adolf Hennecke“ in Rothenburg. Heute ist der 64-Jährige Landrat (CDU) im Landkreis Görlitz. Gern erinnert er sich an seine langjährige Lehrerin Fräulein Irmgard Heisig: „Auf das Fräulein legte sie großen Wert. Sie war sehr anerkannt, Schüler zeigten Respekt. Sie achtete die Leistung anderer Menschen. Das hat mich sehr geprägt. 

Fräulein Heisig hatte einen hohen Gerechtigkeitssinn. Sie hörte sich alle Parteien an, bevor sie urteilte. Ich war kein Musterschüler, ehrlich gesagt, sogar ein Stückchen faul. Fräulein Heisig erkannte das, wirkte dagegen. Ihr Anteil an meiner Entwicklung ist groß. Als bekennende Katholikin half sie uns bei vielen Entscheidungen. 

Wir haben sie als Ansprechpartnerin bei Problemen geschätzt und fühlten uns unter ihrer Obhut wohl. Fräulein Heisig ist Ende der 1970er gestorben. Bei jedem Klassentreffen legten wir Blumen auf ihr Grab in Rothenburg, solange es existierte.“

Schulappell an der POS Rothenburg, im Hintergrund links die Grundschule Rothenburg.
Schulappell an der POS Rothenburg, im Hintergrund links die Grundschule Rothenburg. © privat

Ein Lehrer mit Theatermacke

Als Kind sang Nicki Schwarz unter dem Namen Nicki bei Volksmusikfestivals, später machte er Unterhaltungsmusik. Heute arbeitet der 23-Jährige am Theater Bautzen. 2003 kam er in die Grundschule Sohland a. R. Als die zwei Jahre später schloss, lernte die Klasse mit ihrem Lehrer Thomas Klose in Reichenbach weiter. 

Klose ist Deutschlehrer. „Klose ist ein guter Pädagoge, aber er hat eine Theatermacke – und hat mich damit angesteckt. Seit Jahren leitet er Theatergruppen. Schon in der ersten Klasse war ich dabei. In der zweiten war ich beim Sommertheater der Froschkönig im gleichnamigen Märchen. Klose ist sehr aufgeschlossen für seine Schüler. Er interessiert sich auch für das, was sie privat tun und fördert sie in diese Richtung. Noch heute habe ich privat Kontakt zu Thomas Klose, inzwischen sind wir per Du. 

Seit letztem Jahr leite ich eine Theatergruppe am Bautzener Schiller-Gymnasium. Dabei kann ich sehr von Thomas Kloses Erfahrungen aus der Theatergruppenarbeit profitieren. Andersherum unterstütze ich ihn, wenn es um Spezielles in Sachen Theater geht. Noch immer unterrichtet der 55-Jährige in Reichenbach.“

Lehrer Thomas Klose mit Nick Schwarz als Froschkönig in dem gleichnamigen Theaterstück.
Lehrer Thomas Klose mit Nick Schwarz als Froschkönig in dem gleichnamigen Theaterstück. © Foto: Uwe Schwarz

Lehrer mit England-Erfahrungen

SZ-Redaktionsleiter Sebastian Beutler (49) besuchte ebenso die Thälmann-POS an der Cottbuser Straße in Görlitz von 1977 bis 1987: „In den höheren Klassen war Herr Milius unser Klassenlehrer. Er kam täglich aus Horka und gab Chemie. Das war auch deswegen etwas Besonderes, weil der Klassenraum nach hinten anstieg und eher einem Vorlesungssaal entsprach. 

Bei Milius ging es aber nicht nur um die chemischen Elemente, mitunter erzählte er auch aus seinem Leben. Wie er die letzten Jahre im Krieg mitmachen musste und immer wieder dankbar dafür war, an der Westfront eingesetzt zu werden. So kam er in englische Gefangenschaft, musste in einem Bergwerk arbeiten - kam aber bald nach Kriegsschluss wieder nach Deutschland. England, das war für uns Heranwachsende in der DDR unerreichbar. Jemanden zu kennen, der dort war, faszinierte uns. Seine knorrige, vor allem warmherzige Art, sein verschmitztes Lachen bleiben in Erinnerung.“ 

Herr Milius mit seiner Klasse. Sebastian Beutler steht in der dritten Reihe ganz links.
Herr Milius mit seiner Klasse. Sebastian Beutler steht in der dritten Reihe ganz links. ©  privat

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