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Die überraschende Meisterin aus Dresden

Dreispringerin Maria Purtsa musste wegen Corona auf einem Feldweg trainieren. Bei den nationalen Titelkämpfen springt sie trotzdem zu Gold.

Maria Purtsa konnte während der Corona-Zwangspause nur auf einem Feldweg trainieren. Jetzt ist die Dresdnerin zum deutschen Meistertitel gesprungen.
Maria Purtsa konnte während der Corona-Zwangspause nur auf einem Feldweg trainieren. Jetzt ist die Dresdnerin zum deutschen Meistertitel gesprungen. © Eibner-Pressefoto

Von Stefanie Naumann

Braunschweig statt Tokio. Nationale Titelkämpfe statt Olympische Spiele. Die Bedingungen für die individuelle Vorbereitung an den Stützpunkten waren coronabedingt sehr unterschiedlich. Für die Leichtathleten sind die deutschen Meisterschaften plötzlich der Höhepunkt in dieser Saison – und eine Dresdnerin sorgt für eine Überraschung: Maria Purtsa gewinnt den Titel im Dreisprung. Die 24-Jährige, die seit 2014 für Erdgas Chemnitz startet, bleibt im sechsten Versuch nur zwei Zentimeter unter ihrer Bestweite von 13,67 Metern, acht Zentimeter weiter als die bis dahin führende Jessie Maduka aus Düsseldorf.

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Purtsa ist danach zu Tränen gerührt, als sie im Interview fürs Fernsehen denen dankt, die sie unterstützen. „Corona hat für jeden von uns eine andere Dynamik gehabt, für mich hat es bedeutet, sieben Wochen auf einem Feldweg in Cossebaude zu trainieren“, erzählt die Tochter einer Bulgarin und eines Griechen. Wegen der Auflagen durfte sie in der Zeit nicht zum Stützpunkt nach Chemnitz, wo sie zur Gruppe von Bundestrainer Harry Marusch gehört.

Sie zählt zu den Athleten, die in der Krisen-Situation eine Chance sahen. „Es war mir möglich, an meinen Defiziten zu arbeiten, für die ich sonst manchmal weniger Zeit habe“, sagt die Psychologie-Studentin – und was ihr genauso wichtig war: „Du kannst noch mal dein ‚Warum‘ stärken, also warum Leistungssport?“ 

Ihr Freudenschrei nach dem Überraschungssieg: Die Dresdnerin Maria Purtsa ist neue deutsche Meisterin im Dreisprung.
Ihr Freudenschrei nach dem Überraschungssieg: Die Dresdnerin Maria Purtsa ist neue deutsche Meisterin im Dreisprung. © dpa/Michael Kappeler

Ihre Antwort: „Klar, in erster Linie trainiert man für Wettkämpfe, aber wenn sich die Gegebenheiten so drastisch ändern, musst du in der Lage sein, das anzunehmen und auch das Beste daraus zu machen.“ Mit dieser positiven Lebenseinstellung startete Purtsa auch bei der Meisterschaft, die ohne Zuschauer und unter Hygieneauflagen ausgetragen wurde. So durften nur 999 Personen gleichzeitig ins Stadion, bei allen wurde vorab Fieber gemessen. Trainer, Betreuer und Funktionäre hatten einen Mund-Nasenschutz zu tragen und die Sportler waren angehalten, das Stadion direkt nach ihren Wettbewerben wieder zu verlassen.

Die Liebsten fehlen vor Ort

In erster Linie wollte Purtsa das Wettkampfgefühl genießen. „Es ist schon etwas anderes, wenn du ein Publikum im Rücken hast“, gibt sie zu „aber für ein bisschen Stimmung sorgten wir gegenseitig – wir klatschten mit und motivierten so“, erzählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich springe ja nicht allein für die Zuschauer, sondern weil ich einfach Spaß habe.“ Es sei alles etwas stressiger abgelaufen als gewohnt, aber die Motivation trotz der veränderten Bedingungen hoch gewesen. „Ich hätte mich allerdings mehr gefreut, wenn in dem Moment meine Liebsten da gewesen wären, die vor Ort mitfiebern und mit denen ich meinen Titel feiern kann“, räumt die neue Meisterin ein.

Trainer Marusch war im Vorfeld nicht ganz sicher, wie die Athleten das Event annehmen würden, aber er war froh darüber, dass in dieser Saison überhaupt noch Wettkämpfe stattfinden. Nach anfänglicher Schockstarre über geschlossene Hallen im März und eine ungewisse Planung, zieht Marusch eine positive Bilanz der Corona-Zeit: „Meine Sportler hatten auch zu Hause Spaß, ihre Sachen zu machen, und ich war schon erstaunt, als wir in Chemnitz wieder ins Training eingestiegen sind, dass das doch ganz gut funktioniert hat.“

Purtsa gehört schon lange zur nationalen Spitze der Dreispringerinnen, aber sie hofft, dass ihre Weite von 13,65 Metern „noch nicht das letzte Wort war“. Auch Marusch sieht ihre Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen: „14 Meter und mehr. Das wird auch notwendig sein, wenn sie international an den Start gehen will“, meint er und betont, wie wichtig Purtsa zudem für seine Trainingsgruppe sei, weil sie vor allem Emotionen mitbringt. Für ihr Ziel, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, hat sich die Dresdnerin der Trainingsgruppe in Chemnitz angeschlossen. Dort trainiert sie mit Kristin Gierisch, die im vorigen Jahr den deutschen Rekord auf 14,67 Meter verbesserte, und dem ehemaligen Europameister Max Hess, der sich bei den Männern in Braunschweig mit mäßigen 16,58 Metern souverän durchsetzte.

Ein optimales Umfeld, in dem sich die Besten der Besten auf hohem Niveau gegenseitig pushen, „weil sie sich auch privat gut verstehen“, meint Purtsa. „Wir können uns auch mal aus einem Loch holen, jeder partizipiert von den Stärken des anderen.“ Für sie hat zum Höhepunkt alles gepasst. „Ich habe mir gesagt: Vertraue dir einfach, du hast hart gearbeitet. Dein Trainer sagt immer: Du kannst es, also glaube doch an dich und lass dich vom Erfolg einholen.“

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Dafür hatten sie vor allem an technischen Aspekten gearbeitet: Der Übergang vom Step in den Jump – Sprung zwei und drei dieser Disziplin – sollte optimiert werden. Weil das im Training schon gut klappte, ging sie selbstbewusst in den Titelkampf. „Ich hatte das Vertrauen, dass ich wieder die 13,60 oder 13,70 Meter springen kann.“ Sie landet genau dazwischen, ihre 13,65 Meter sind Gold wert.

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