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Leipzigs Stadtwald verdurstet

Ein riesiger Auwald mitten in der Großstadt – was Leipzig hat, sucht in Europa seinesgleichen. Doch das Gebiet trocknet aus.

Mitten in Leipzig steht der Auwald - seine Bedeutung für das Stadtklima ist nicht zu überschätzen.
Mitten in Leipzig steht der Auwald - seine Bedeutung für das Stadtklima ist nicht zu überschätzen. © Hendrik Schmidt/dpa

Von Birgit Zimmermann, dpa

Leipzig. Der Leipziger Auwald kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Praktisch alle Umweltvereine kümmern sich um das 5700 Hektar große Landschaftsschutzgebiet. Die Stadt, das Land und der Bund geben Geld oder basteln an Konzepten. Denn um Leipzigs große Klimaanlage, die als einzigartig in Europa gilt, ist es nicht zum Besten bestellt. 

"Der Auwald ist ein sehr gut durchmischter Wald. Er ist auch sehr naturnah. Aber er ist kein Auwald mehr. Er ist ein gut durchmischter Laubwald", sagt René Sievert, stellvertretender Vorsitzender des Nabu Sachsen. Das Problem: Dem Auwald fehlt das Wasser.

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Altlast aus der Nazi-Zeit

Die größte Beeinträchtigung des Auwalds, der im Sommer zur Kühlung der Großstadt einen Beitrag leistet, stammt aus der Nazi-Zeit und heißt Neue Luppe. Das ist ein tiefliegender Kanal zwischen hohen Deichen, der sehr schnell sehr viel Wasser aus Leipzig abtransportiert. 

1934 lud der Reichsarbeitsdienst zum Spatenstich. Die Neue Luppe ist gut für den Hochwasserschutz, aber schlecht für das Fauna-Flora-Habitat- und Vogelschutzgebiet Leipziger Auwald. Denn seit Jahrzehnten wird das Areal nicht mehr überschwemmt, wie es für einen Auwald typisch und wichtig wäre.

Der Auwald ist ein Politikum - auch Sachsens Umweltminister Günther ist regelmäßig zu Gast.
Der Auwald ist ein Politikum - auch Sachsens Umweltminister Günther ist regelmäßig zu Gast. © Hendrik Schmidt/dpa

Noch erfülle das Gebiet die Kriterien, um Auwald genannt zu werden, sagt Christian Franke vom Landesumweltamt. "Der Bewuchs ist sehr konservativ. Eine 300 Jahre alte Eiche ist natürlich noch unter Auwald-Bedingungen aufgewachsen. Aber wenn jetzt über Jahrzehnte weiter keine Überschwemmung kommt, werden sich die Veränderungstendenzen fortsetzen." 

Schon jetzt breite sich etwa der Bergahorn aus - was nicht im Sinne des Auwaldes ist. Weil dieser Baum Überschwemmungen nicht so gut verträgt, würde sein Anteil wieder zurückgehen, wenn nur wieder Wasser da wäre.

Eine alte Eiche wird sich kaum an neue Umweltbedingungen gewöhnen.
Eine alte Eiche wird sich kaum an neue Umweltbedingungen gewöhnen. © Hendrik Schmidt/dpa

Franke zählt zudem gleich eine ganze Liste vom Aussterben bedrohter Arten auf, die zum Teil noch dort zu finden sind: Bei den Pflanzen gebe es die letzten sächsischen Vorkommen des Echten Haarstrangs und des Niederen Veilchens im Auwald, den Tagfalter Kleiner Maivogel finde man ostdeutschlandweit nur noch dort. Zudem sei der Auwald wichtig für den Erhalt vieler Vogelarten, etwa des Eisvogels, der Grauammer oder des Mittelspechtes.

Erarbeitung eines Konzepts - zu spät?

Bei der Beschreibung des Problems sind sich alle einig: die Stadt, das Landesumweltamt und die Naturschützer. Auseinander gehen die Meinungen allerdings bei der Frage, was jetzt getan werden muss und vor allem: wie schnell das gehen kann.

In Deutschland habe sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass mehr Platz für die Flüsse ein Beitrag zum Hochwasserschutz sei, sagt Nabu-Vizechef Sievert. "In Sachsen wird das aber nur höchst widerwillig realisiert." 

Eine Esche im Leipziger Auwald.
Eine Esche im Leipziger Auwald. © Hendrik Schmidt/dpa

Das Land hinke den Entwicklungen um Jahre hinterher, auch wenn es jetzt ein Auenprogramm gebe. Es gebe zwar kleine Projekte zur Auenrevitalisierung, aber für den Auwald fehle ein Gesamtkonzept. "Wir haben kein Erkenntnisproblem. Man müsste es einfach mal machen", sagt Sievert.

Rüdiger Dittmar, Leiter des städtischen Amtes für Stadtgrün und Gewässer, schätzt die Lage etwas positiver ein. Zum einen gebe es schon seit 2012 das vom Bund geförderte Projekt "Lebendige Luppe", in dem einige kleine Wasserläufe entlang des Problem-Kanals wieder nutzbar gemacht werden sollen. Zum anderen habe der Stadtrat im Mai die Erarbeitung eines großen Auenentwicklungskonzeptes beschlossen.

Ohne Kanal kein Hochwasserschutz

Dort müsse es darum gehen, alle Interessen abzuwiegen, sagt Dittmar: Die Interessen der Bürger am Hochwasserschutz, die des Tourismus und der Forstwirtschaft und auch die Naturschutzbelange. "Mittel- bis langfristig" soll dann ein Plan her, wie es im Auwald weitergeht. Generell sei das Bewusstsein der Menschen für das Gebiet gewachsen, findet der Amtsleiter. Dazu hätten die beiden Dürrejahre 2018/19 beigetragen. "Sie haben Verständnis gebracht, dass Wasser ein zentrales Element ist."

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Ist es denn realistisch, dass die Neue Luppe mit ihrem kritischen Grundwassersog irgendwann einmal komplett zurückgebaut wird? Die Landestalsperrenverwaltung betont zunächst einmal die Bedeutung des Kanals für den Hochwasserschutz: Ohne die Neue Luppe wären beim Hochwasser 2013 ganze Stadtteile Leipzigs sowie die benachbarte Stadt Schkeuditz überschwemmt worden. 

Aber auch den Gewässerexperten ist klar, dass es im Auwald einen "schwer gestörten Wasserhaushalt" gibt. Ihn zu sanieren sei aber nur "im Rahmen eines Gesamtkonzeptes" möglich. Die Gespräche dazu liefen. 

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