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Letzte Blicke in die Herrenmode

Am Sonnabend konnte die alte Fabrik besichtigt werden. Walter Reichelt verbindet damit ganz besondere Erinnerungen.

Von Romy Kühr

Ein bisschen aufgeregt ist Walter Reichelt, als er die Einfahrt zum alten Fabrikgebäude der Herrenmode hinunterläuft. Schließlich ist er lange nicht mehr hier gewesen. Bedächtig wandert sein Blick nach oben am Turm entlang zum Dach der Fabrik. Er lächelt verschmitzt. „Dort hinten auf dem Flachdach sind wir als Kinder herumspaziert“, erzählt der Rentner lachend. „Dass wir uns dabei in Lebensgefahr begaben, war uns nicht klar. Das war ein großes Abenteuer.“

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Hier wurde bis 1990 genäht und gewebt, heute sind die Werkhallen der Herrenmode komplett leer.
Hier wurde bis 1990 genäht und gewebt, heute sind die Werkhallen der Herrenmode komplett leer.
Ein letztes Mal besichtigte Walter Reichelt (vorn) aus Oderwitz am Sonnabend den Betrieb der ehemaligen Herrenmode in Neugersdorf. Er verbindet damit besondere Erinnerungen: Reichelt wuchs quasi im Betrieb auf. Vor der Enteignung in der DDR gehörte die Fa
Ein letztes Mal besichtigte Walter Reichelt (vorn) aus Oderwitz am Sonnabend den Betrieb der ehemaligen Herrenmode in Neugersdorf. Er verbindet damit besondere Erinnerungen: Reichelt wuchs quasi im Betrieb auf. Vor der Enteignung in der DDR gehörte die Fa

Das ist jetzt viele Jahrzehnte her. Damals gehörte der Textilbetrieb, der auch bekannt war als Hosen-Reichelt noch seiner Familie. Nach vielen ereignisreichen Jahren mit Enteignung, Produktion als VEB, Schließung, Versteigerung und Ankauf durch die Stadt soll der einstige Familienbetrieb nun abgerissen werden. Es gibt keine Verwendung mehr für die riesigen Hallen. Bevor es im nächsten Jahr so weit ist, hat die Stadt am Sonnabend Einwohnern aber die Möglichkeit gegeben, noch einmal einen Blick in das Gebäude zu werfen. Gekommen sind neben Walter Reichelt und seiner Familie viele, die hier Jahrzehnte ihres Arbeitslebens verbracht haben. Die meisten haben kein so fröhliches Lächeln auf den Lippen wie Reichelt. Sie sind traurig und verärgert darüber, dass der Zustand ihres alten Arbeitsplatzes heute so miserabel ist. Dass es keine Möglichkeit gab, den Betrieb weiterzuführen. Dass so viele ihre Arbeit verloren haben, obwohl der Betrieb gute Ware produzierte: vor allem Hosen und Mäntel.

Heute sind die Hallen leer, Möbel und Maschinen ausgeräumt. Sie sind nach der Wende noch fix zu Geld gemacht worden. Vereinzelte Relikte erinnern noch daran, dass hier Hunderte Menschen ihr Geld verdient haben. Neben der Eingangshalle ist in der Wand noch die Nische zu sehen, in der die Stechuhr stand. Im Speisesaal stehen ein paar vergessene Schüsseln auf dem Fensterbrett, ein Alulöffel liegt auf dem Boden, ein Schild an der Wand weist daraufhin, dass zu den Mahlzeiten nicht geraucht werden soll. Möbel gibt es hier keine mehr, nur noch verstaubte Gardinen. Eine Zeitung vom Juni 1990 hat auf der Fensterbank überlebt. Es wird eine der letzten Ausgaben gewesen sein, die hier gelesen wurden. Schon kurz nach der Wende schloss der Betrieb. Die Erinnerungen, die Walter Reichelt an seine Kindheit in den großen Fabrikgebäuden hat, sind weniger wehmütig. Er erzählt von viel Unsinn, den er hier getrieben hat. Sein Urgroßvater, Friedrich Wilhelm Reichelt, hatte den Betrieb in den 1860er Jahren als Handweberei gegründet. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Reichelts Fabrik in Familienhand. Bis 1930 wurde ständig erweitert. Walter Reichelts Elternhaus steht direkt daneben. In der Backsteinvilla an der Ernst-Thälmann-Straße ist er aufgewachsen. Von dort waren es nur ein paar Schritte über den Hof in die Fabrik. In deren Gängen und Hallen konnte man wunderbar herumtoben und sich verstecken, erzählt der 88-Jährige. Dabei passierte auch so manches Malheur. Reichelt erinnert sich daran, dass er beim Rumalbern einmal in eine Färbergrube fiel. Dort wurde die Farbe aufbewahrt, mit der man die Kleidung einfärbte. „Ich rannte schreiend nach Hause und tropfte dort die ganze Farbe auf die Teppiche. Das gab einen Aufruhr.“ Obwohl die Familie nach dem Krieg enteignet und der Betrieb Volkseigentum wurde, blieb Reichelt der Textilindustrie treu. Er heiratete eine Nachfahrin der Oderwitzer Frottierfabrik Augustin und leitete mit ihr den Betrieb. In Oderwitz lebt er bis heute. Der Besuch am Wochenende in Neugersdorf wird der Letzte in der elterlichen Fabrik gewesen sein. Aber er ist glücklich, dass er den Abenteuerspielplatz seiner Kindheit noch einmal gesehen hat. Walter Reichelt lächelt verschmitzt, als er wieder ins Auto steigt.