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Liebe Fachfrau fürs Ausmisten!

Marie Kondo gilt als Entrümpel-Guru und hat das Ausräumen zur Kunst gemacht. Ein offener Brief an die japanische Bestsellerautorin, die Ordnung schafft.

© imago/UPI Photo

Es gibt ja viele Möglichkeiten, Socken zu falten. Aber Sie machen daraus eine Kunst. Sie können Pullover in stapelbare Würfel verwandeln, und das schafft wohl nur jemand, der als erstes Wort nicht Mama sagte, sondern Origami. Ich gehöre zur Mama-Fraktion. Deshalb bin ich für Ihr neues Buch dankbar, liebe Frau Kondo. Endlich kommt Ordnung in die Bude. Ich werde ab heute kondon, wie Ihnen zu Ehren das Verb im Englischen heißt, das Schrankaufräumen bedeutet.

Denn Sie haben ja recht. Wir haben viel zu viel Müll angesammelt, wir halten an Sachen fest, die wir nicht mehr brauchen, und bringen es nicht mal übers Herz, den Aschenbecher mit der angeschlagenen Ecke wegzuwerfen. Wir haben zwar aufgehört mit dem Rauchen, aber man könnte beispielsweise Reißzwecken darin sammeln. Oder wo bewahren Sie Ihre Reißzwecken auf?

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Wahrscheinlich verzichten Sie ganz darauf. Ihre Methode besteht im Weglassen, im Ausmisten und Fortschmeißen. Verzicht kommt im Osten nicht richtig gut an. Minimalismus hatten wir schon, aber das können Sie wohl nicht wissen. Weltweit verkaufen sich Ihre Bücher sieben Millionen Mal. Das ist ein ernstzunehmendes Argument. Da stapelt sich was zusammen. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn Sie es nicht weitersagen, verrate ich Ihnen, dass ich sogar Küchenschränke mit Büchern drin kenne. Und nein, es sind keine Kochbücher. Es sind Romane, Lyrikbände und Krimis, die leider alle einen entscheidenden Nachteil haben: Sie lassen sich nicht falten.

Manche werden tatsächlich gebraucht. Vielleicht nicht jetzt. Aber später. Wenn man sich mal einen Fuß bricht und dauernd stillsitzen muss, dann freut man sich doch bestimmt über eine kleine stromlose Lesereserve, oder? Ich freue mich jedenfalls darüber. Irgendwann wird die Zeit kommen für den Siebenteiler von Marcel Proust. Die Bände sind zwar schon etwas verblasst, das Papier changiert inzwischen ins Gelb, doch immerhin handelt es sich um die DDR-Erstausgabe von 1974 aus dem Verlag Rütten & Loening. War schwer zu kriegen. Wenn ich damals nicht einen Freund bei der Nationalen Volksarmee gehabt hätte, der im Kasernenbuchladen Sachen erwischte, die sonst keinen interessierten, wäre ich an diese Ausgabe nie gekommen. Von dem Freund hab ich mich längst getrennt.

Soll ich mich von Proust trennen? Von Kafka? Von Rilke? Was soll denn das Abendland von mir halten?

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Liebe Frau Kondo, Sie behaupten, dass uns das Ausräumen in selbstbewusste, zufriedene und ausgeglichene Menschen verwandelt. Ich finde, dass ich ein selbstbewusster, zufriedener und ausgeglichener Mensch bin. Denn ich beherzige Ihren Rat, der Sie laut Time Magazin zu einer der hundert einflussreichsten Frauen weltweit macht. Dieser Rat heißt: Behalte nur, was dir Freude bereitet. Ja! Genau das tue ich! Ich trenne mich von Ihrem Buch „Die KonMari-Methode“ und behalte alle anderen.

Ihre Karin Großmann