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Lok ist anders

Fußball in Leipzig ist nicht nur Rasenball. Aufgestiegen sind auch die Herren von Lok Leipzig – in die vierte Liga. Die Loksche dampft.

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© WORBSER-Sportfotografie

Von Thilo Alexe

Zahlen sagen mehr als Tore, also bitte: Mehr als 30 Millionen Euro dürfte der Etat der Leipziger Rasenballsportler in der kommenden Saison betragen. Damit könnten – legt man den vorvergangenen Etat von etwas mehr als einer Million Euro zugrunde – die Leipziger Lokomotivsportler etwa 30 Spielzeiten bestreiten.

Wer kriegt den Ball – Olaf Marschall (r.) oder Frank Rijkaard? 1987 stehen sich im Europapokalfinale Ajax Amsterdam und Lok gegenüber. Ajax gewinnt.
Wer kriegt den Ball – Olaf Marschall (r.) oder Frank Rijkaard? 1987 stehen sich im Europapokalfinale Ajax Amsterdam und Lok gegenüber. Ajax gewinnt. © ullstein bild

Doch egal, die Loksche, wie sich der Traditionsverein Lokomotive Leipzig nennt, dampft. Zwölf Jahre nach dem pleitebedingten Neustart in Staffel zwei der dritten Leipziger Kreisklasse hat die Mannschaft zumindest wieder den Vorhof des Profifußballs erreicht. Wie die Rasenballer stieg sie auf – aber aus der fünften in die vierte Liga.

Lok Leipzig, das ist die Geschichte eines trudelnden Traditionsvereins, der sich wieder aufrappelt. Eine Geschichte voller Erfolge, Skandale, Randale und, ja, auch von unerschütterlichem Optimismus. Die Schlagworte dazu: erster Deutscher Meister (es war der Vorgängerverein VfB) 1903, Europapokalfinalist 1987 gegen Ajax Amsterdam, Zuschauerrekord mit 12 400 Fans in der niedrigsten Klasse 2004. Und jetzt eben mal wieder ein Aufstieg. Darüber muss man reden. Mit wem? Mit den Fans.

Es ist frühsommerlich heiß in der Sparkassenarena Bernburg. Die Wiese rund um den ambitioniert gestalteten Fünftligaplatz leuchtet in Gelb und Blau, den Lok-Farben. Rund 2 000 Leipziger sind am vergangenen Samstag angereist, um den Aufstieg gegen Askania Bernburg am besten mit einem zünftigen Platzsturm zu feiern. Dass der schon vorher durch Punkte am grünen Tisch im Zusammenhang mit einer anderen Partie klar war, trübt die Vorfreude nicht. Die Lok-Familie trifft sich. Kinder spielen Ball. Rentner zwängen Bäuche in Shorts. Bier fließt.

Es kommt zum verabredeten Treffen mit Tom und Ulli. Die beiden sind Lok-Ultras. Normalerweise reden solche Fans nicht mit der Presse. Tom und Ulli heißen anders. Doch sie sind bereit zu einem Gespräch. Sie wollen zeigen, wie lebendig der Verein ist. Dass er eine veritable, anerkannte Jugendarbeit leistet, kurzum, dass Lok kein Problem ist, sondern anders: einfach ein starker Club.

Die erste Frage könnte nicht schlechter gestellt sein: „Warum geht ihr zu Lok?“ Man könnte auch fragen, warum Katzen miauen oder Vögel fliegen. Tom und Ulli sind höflich, überspielen die Irritation und antworten mit einer Gegenfrage: „Waren Sie schon einmal im Bruno-Plache-Stadion?“ Die Heimstätte im Leipziger Stadtteil Probstheida entwickelt ihren Charme dadurch, dass sie das Gegenteil einer neumodischen Arena aus Glas und Stahl ist. Aber so etwas gibt es woanders auch.

Dann erzählen beide ihre Geschichten. Tom ist 28 Jahre alt. Er lebt in Brandenburg und reist zu jedem Spiel an. In der Aufstiegssaison war alles dabei: Auto, Bus, Bahn und Flugzeug. Flugzeug in der Oberliga? Ja klar, auch im Trainingslager in der Türkei muss der Verein unterstützt werden. Toms Großvater nahm ihn als Kind mit ins Plache-Stadion. Tom ist geblieben. Gelernt hat er den Beruf des Kaufmannes. Seine Freundin hat ihn, sagt er, bereits als Lok-Fan kennengelernt. Sie akzeptiert seine Passion. Anders ginge es vermutlich auch nicht.

Ulli ist fünf Jahre jünger. Über seinen Vater kam er zu Lok. Der Leipziger arbeitet als IT-Berater für eine Bank. Wie viele Spiele er bereits gesehen hat, weiß er nicht. „Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.“ Und warum geht er nicht zu Rasenball? In der Red-Bull-Arena, dem ehemaligen Zentralstadion, gastieren in der kommenden Erstliga-Spielzeit Schalke, Bayern München, Borussia Dortmund.

Die Gegner von Lok kommen aus: Neustrelitz, Nordhausen, Meuselwitz. In Rasenball sieht Ulli ein Kommerzprodukt. Er glaubt, dass die Fans weg sind, falls der Erfolg verschwindet und der Geldgeber, der österreichische Getränkeproduzent Dietrich Mateschitz, die Finanzströme drosseln sollte. „Tradition schlägt jeden Trend“, sagt Ulli mit Blick auf den 2009 gegründeten Verein.

Ulli und Tom sind, wenn man so will, fitte, sympathische Typen. Sie widerlegen das Klischee, wonach Fußballfans rechte Vollrausch-Randalierer sind. Die beiden wirken smart, ihre Antworten sind mit Bedacht gewählt. Auf die Frage, ob sie Ultras sind, wollen sie erst die Definition von Ultras klären. Die geht so: Ultras geben alles für die Mannschaft, lautstark, mit Fahnen und Transparenten. Sie reisen zu jedem Spiel, organisieren eine selbstbewusste Gemeinschaft, die sich allerdings nicht jedem öffnet. Es braucht mehr als Sympathie für den Verein – und eben auch die Bereitschaft anzupacken. Am kommenden Samstag steht wieder ein Arbeitseinsatz im „Bruno“ an: Rasen mähen, Unkraut abbrennen, Türen im Funktionstrakt einbauen.

„Wenn man das so sieht, dann sind wir Ultras.“ Ulli und Tom gehören jedenfalls einer Szene an, die es nicht in jedem Verein gibt. Lok, sagen beide, zählt zu ihrem Leben. Einen anderen Verein zu unterstützen – außer die Fans des befreundeten Halleschen FC – ist für sie nicht vorstellbar.

In Bernburg geht es los. Der sportliche Aspekt ist schnell erzählt. Lok schießt fünf Tore, Askania keins. Mehr braucht es fürs Drumherum. Es ist unglaublich laut. Leipziger Fans singen beinahe ohne Pause. „Erster Deutscher Meister VfB“ ist ein Klassiker. Fahnen klirren im Wind. Gelber und blauer Rauch steigt auf.

Die Vereinsführung von Askania Bernburg ist so weitsichtig, nicht einzuschreiten. Nach dem Abpfiff lassen die Ordner die Leipziger den Platz stürmen. Spieler werden mit Bier begossen, auf Schultern getragen. Es kommt zu Rangeleien mit der Polizei. Randale bleibt aber aus. Die gab es am Vortag. Rund 20 mit Leipzig verbundene Halle-Fans wurden in Bernburg von etwa 40 gewalttätigen Anhängern des 1. FC Magdeburg ohne Vorwarnung, wie die wegen Landfriedensbruchs ermittelnde Polizei berichtet, attackiert. Sechs Hallenser zogen sich dabei Verletzungen zu.

Doch jetzt wird gefeiert. Es ist ein vielschichtiges Publikum, das zur Loksche steht. Großmütter im gelben Trikot sind darunter, Väter mit Söhnen, Ultras. Aber eben auch Männer, für die Rechtsaußen offenkundig nicht zuerst eine Position auf dem Spielfeld ist.

Sie tragen verschnörkelte Tattoos in Fraktur und Kleidung von Labels, die bei Rechtsextremisten beliebt sind. Das sind noch keine Beweise für die Mitgliedschaft in der braunen Bewegung. Klar ist aber: Zumindest in der Vergangenheit hatte der Verein ein Problem mit Neonazi-Fans. 2006 hatten 30 von ihnen ganz offensichtlich versucht, im Zuschauerblock ein menschliches Hakenkreuz zu formen. Vor vier Jahren machte Sachsens Innenministerium öffentlich, dass die Fangruppen Scenario Lok und Blue Caps vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Der Verein hat sich gegen Rechtsextremismus positioniert. Beide Gruppen sind heute auch nicht mehr im Stadion aktiv. Doch frühere Scenario-Hooligans sollen nach Erkenntnissen des sächsischen Verfassungsschutzes am Jahresanfang bei Ausschreitungen in Connewitz mitgemischt haben. An dem Tag hatte die rechtspopulistische Legida-Bewegung ihr einjähriges Bestehen gefeiert.

Klar ist aber auch: Neonazis sind bei Lok nicht mehrheitsfähig. Es mag gelegentlich ungehobelt zugehen. Doch Raues ist auch herzlich. Heiko Scholz etwa muss eine Bierdusche über sich ergehen lassen. Der 50-jährige Trainer, der als Spieler unter anderem für Dynamo Dresden auflief und sieben Länderspiele für die DDR sowie eines für die BRD machte, ist Garant des sportlichen Erfolges – auch wenn er die Mannschaft lobt. „Ich habe eine richtig gute Truppe dieses Jahr gehabt“, sagt er Journalisten nach dem Abpfiff in Bernburg.

Und worauf freut er sich in der neuen, vierten Liga? Scholz muss nicht lange überlegen. Er spricht von den „alten Schlagern“, die ihn reizen. Das sind die Partien gegen Carl Zeiss Jena und BFC Dynamo Berlin. Die DDR-Oberliga trifft sich wieder. Resonanz ist garantiert.

Andere Gefühle dürften vor dem Derby gegen Rasenball herrschen. Irgendwann in der kommenden Saison trifft die zweite Mannschaft von RB auf Lok. Man könnte auch sagen: Polohemd trifft Kettenhemd, eine gepflegte auf eine verschwitzte Fankultur. Scholz sagt, das mittelfristige Ziel sei die dritte Liga, der bezahlte Fußball also. „Erster Deutscher Meister“ skandieren die Lokisten. Der nächste deutsche Meister, der aus Leipzig stammt, trägt vermutlich nicht Blau-Gelb.