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Dippoldiswalde

Neues Leben in der LPG-Kantine

Die KAP Hartmannsdorf bietet nach der Sanierung eine gute Gelegenheit zum Feiern. Doch es entsteht viel mehr als nur eine Party-Location.

In der Küche der LPG-Kantine wurde zu DDR-Zeiten täglich für die Mitarbeiter gekocht.
In der Küche der LPG-Kantine wurde zu DDR-Zeiten täglich für die Mitarbeiter gekocht. © Repro: Bettina Klemm

Idyllisch. Der Blick fällt aus den großen Fenstern auf eine Wiese, dahinter ragen in der Ferne der Hisselberg und der Hohe Berg heraus. Alles wirkt so ruhig und friedlich, da stört nicht einmal der Traktor, der vom Nachbargrundstück fährt. Die Gegend um Hartmannsdorf im Osterzgebirge, unweit der Stadt Frauenstein, scheint für einen Urlaub wie geschaffen.

Das dachten sich wohl auch Gert Lutz und seine Frau Birgit Rau. Für ein Rentnerdasein fühlen sie sich noch zu jung. So wagten sie vor fünf Jahren einen Neuanfang und kauften bei einer Versteigerung Speisesaal, Küche und Bürotrakt der früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Das sind zwei, im rechten Winkel verbundene Flachbauten. 52 beziehungsweise 40 Meter lang und zwölf Meter tief. Darunter befindet sich ein 116 Quadratmeter großer Keller, in dem einst die Heizungsanlage stand und die Kohlen lagerten. Rund 5.000 Quadratmeter Fläche gehören zur Immobilie. „Die LPG hat früher solide gebaut, das glaubten wir jedenfalls“, erzählt der 67-jährige Gert Lutz.

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Das Autohaus Dresden bildet sowohl kaufmännisch als auch handwerklich aus - und kümmert sich im besonderen Maße um seine Schützlinge.

Die Flachbauten der alten LPG in Hartmannsdorf sind von einem Dresdner Ehepaar gekauft und ausgebaut worden. 
Die Flachbauten der alten LPG in Hartmannsdorf sind von einem Dresdner Ehepaar gekauft und ausgebaut worden.  © Bettina Klemm

Das böse Erwachen kam schnell, denn im Dach klaffte ein Loch, es regnete rein. Zudem waren einige Räume zugemüllt. Aber es lagen auch schon Baugenehmigungen für Wohnungen im einstigen Bürotrakt vor. „So haben wir zunächst die Wohnungen geschaffen. Eine ist vermietet, in der zweiten leben wir selbst, eine dritte am Westende des Gebäudes mit zwei Terrassen ist im Bau. Und vielleicht bald auch eine vierte“, sagt Lutz.

Unkomplizierte Nachbarschaftshilfe

Am Anfang pendelte das Paar von ihrem Wohnort Dresden nach Hartmannsdorf bis sie im Frühjahr 2018 endgültig ins Dorf zogen. Damals funktionierte noch keine Heizung. Die verschlissene alte Anlage hatten sie herausgerissen. Birgit Rau war anfangs häufig allein auf der Baustelle. Ihr Mann nennt sie liebevoll meine Chefin, denn sie organisiert zum großen Teil den Umbau. „Ich kümmerte mich um die groben Sachen, die jeder Depp machen kann“, stapelt die 64-Jährige tief und erinnert an riesige Heizungsrohre, die sich einst unter der Saaldecke befanden. Die Nachbarn hätten sich damals rührend um sie gekümmert, ihr heiße Holundersuppe zum Aufwärmen gebracht und immer unkompliziert geholfen.

Da das Paar nur mit Eigenkapital baut, ist viel Eigeninitiative erforderlich. „Banken nehmen einen wegen des Alters nicht zur Kenntnis und das Finanzamt beäugt einen kritisch.“ Dennoch wäre so ein großes Projekt nicht ohne Fachleute zu stemmen. „Wir haben auf die ortsansässigen Handwerker gesetzt und damit gute Erfahrungen gemacht“, sagt Lutz. Und wenn es schon reichlich Assoziationen zu früher gibt, dann richtig: In ihrem Internet-Auftritt gibt es eine „Straße der Besten“, in der sie die Handwerker aus der Region vorstellen.

Der Saal in der ehemaligen LPG in Hartmannsdorf ist saniert und kann gemietet werden.
Der Saal in der ehemaligen LPG in Hartmannsdorf ist saniert und kann gemietet werden. © Bettina Klemm

Inzwischen sind zwei Säle mit neuem Fußboden ausgestattet, dreifach verglaste Fenster wurden eingesetzt, die Wände sind hell gestrichen. In einem kleinen runden Ofen, aus dem beidseitig Rohre hinausragen und für eine gute Verteilung der warmen Luft sorgen, lodert das Feuer. Die Hersteller vergleichen ihre Kanuk-Öfen mit schwarzen Zwiebeln. „Gefüttert“ werden diese mit Holz. Um die Gäste bewirten zu können, gehören zum Speise- und Festsaal jeweils kleine Küchen. Sind es nur einzelne Gäste, brüht Lutz den Kaffee selbst auf. Zuvor mahlt er die Bohnen mit einer alten Handkaffeemühle.

Im einstigen LPG-Speisesaal haben sie trotz der Sanierung den ursprünglichen Charakter erhalten. Auch die Glassteinwände gibt es noch an den Gängen. Das kommt bei den Hiesigen gut an. Lutz: „Hier hat jeder Eingeborene eine Beziehung zu dem Haus, das für mehrere LPGs gebaut worden war. Er hat hier zum Mittag gegessen, im Büro gearbeitet, Jugendweihe, Polterabend oder einen runden Geburtstag gefeiert.“ 

Kurz nachdem Gert Lutz und seine Frau das Anwesen gekauft hatten, kamen Jugendliche und wollten im großen Saal mitten im Dezember eine Techno-Party feiern. Ihr früheres Objekt war als Unterkunft für Flüchtlinge benötigt worden. „So wuchs bei uns der Gedanke, das Haus für Feierlichkeiten herzurichten.“ Nun ist es so weit. Als drei Vereine im vergangenen Sommer wieder ein großes Dorffest gefeiert haben, hat die KAP-Hartmannsdorf seine große Bewährungsprobe bestanden. KAP stand einst für Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion.

Angeblich war auch Wladimir Putin schon hier

„Chapeau! Es ist bewundernswert, was die Beiden aus dem alten Gebäude gemacht haben“, sagt eine Nachbarin. Die 64-Jährige ist in Hartmannsdorf geboren und lebt, mit einer vierjährigen Unterbrechung in Dippoldiswalde, schon immer in dem Dorf. Sie zählt die Namen der Bauern auf, die einst und heute in der Gegend arbeiten. Sie hütet in ihren Mappen Fotos aus LPG-Zeiten und von ersten Feiern in der Neuzeit. Im Dorf hält sich das Gerücht, dass hier in den 1970er-Jahren auch Wladimir Putin genächtigt habe.

Die Kooperation pflegte eine rege Patenschaft mit einer Kaserne der „Freunde“. So halfen Soldaten beim Kartoffelnlesen und sicherten damit zugleich die eigenen Vorräte. Natürlich gab es dann auch immer trinkfeste Runden. „Dass Putin hier war, ist gut möglich“, bestätigt Steffi Reinhardt. Leider lebe der Brendel Paul nicht mehr, der perfekt Russisch gesprochen habe und die Kontakte mit den Russen hielt.

Gert Lutz legt im Kaminzimmer Holz nach. Auch hier sind Feiern möglich.
Gert Lutz legt im Kaminzimmer Holz nach. Auch hier sind Feiern möglich. © Bettina Klemm

Auch künftig soll in der einstigen LPG-Kantine gefeiert werden. Kürzlich hat Gert Lutz in Zeitungen annonciert: „Falls Ihr Wohnzimmer für die Gästeschar zu klein ist: Feiern Sie bei uns in der KAP im Saal oder im Kaminzimmer.“ Die Räumlichkeiten eignen sich für 20 bis 100 Personen besonders gut. Küche und Geschirr sind vorhanden, das Catering kann frei gewählt werden. Normalerweise kostet die Saalmiete 200 Euro plus Nebenkosten. Aber zum Kennlernen verspricht Lutz für dieses Jahr Schnupperpreise auf Vereinbarung. Erste Reservierungen hat er bereist.

Auf Wunsch bietet er auch Essen aus der Feldküche an. Mitte der 2000er-Jahre hatte er eine Gulaschkanone erworben und zog mit ihr hobbymäßig zu Festen, Polterabenden und Geburtstagen. Nun wartet die Gulaschkanone in der KAP auf den nächsten Einsatz.

Lutz hat selbst ein bewegtes Leben. Der gebürtige Dresdner schloss sein Studium an der Verkehrshochschule in Dresden als Diplom-Ingenieur-Ökonom ab. Er promovierte und machte bei der Post Karriere. „Nach dem Umsturz wurden unsere Deutsche Post und die Bundespost fusioniert. Am Ende blieb der Wessi, nicht der Ossi“, erzählt er. Danach war er zehn Jahre lang im Immobiliengeschäft in Berlin aktiv. Aber er wollte zurück nach Dresden. Da kam ihm 2003 eine Anzeige des Lohnsteuervereins gerade recht. Doch nun sei er Rentner und wollte eigentlich etwas kürzer treten. Eigentlich. 

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