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Die Frau, die Cindy von Marzahn war 

Ilka Bessin erzählt in ihrer Autobiografie ein holpriges Leben. Ihren Auftritt in Dresden verschiebt sie erst einmal.

Ilka Bessin hat sich abgeschminkt und ihr schrilles Kostüm abgelegt. Die „Cindy aus Marzahn“ gibt es längst nicht mehr.
Ilka Bessin hat sich abgeschminkt und ihr schrilles Kostüm abgelegt. Die „Cindy aus Marzahn“ gibt es längst nicht mehr. © dpa/Henning Kaiser

Von Oliver Seifert

Niedlich? Hübsch? Brav? Fleißig? Nee, beim besten Willen, nichts davon trifft zu. Was sie bieten kann: dick, frech, bockig und eine einseitig abgeklebte Brille mitten im kugeligen Gesicht. Viel Zuneigung bekommt eine wie sie damit nicht. Weder von den autoritären Eltern, die den Teppichklopfer immer wieder umfunktionieren, wenn sie überfordert sind, noch von anderen Kindern, die keine Gnade kennen und ihr Opfer schnell ausgemacht haben. Essen tröstet, viel Essen tröstet noch mehr, und je breiter das Kreuz wird, umso größer wird auch die Klappe. Sehr früh beschließt das Mädchen, das kein „richtiges Mädchen“ ist, weil es ja nicht wie ein „richtiges Mädchen“ daherkommt, wenigstens die Zeit und die Art der Gags auf ihre Kosten, weitgehend selbst zu bestimmen.

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Wer Ilka Bessins Autobiografie „Abgeschminkt“ liest, versteht schnell, wie sie nach vielen Irrungen und Wirrungen mit Mitte Dreißig zur Cindy aus Marzahn wird. Das schrille, rosafarbene Prinzessinnen-Plüschkostüm als weithin sichtbare Rüstung, die laute Berliner Proll-Schnauze als weithin hörbare Waffe. Diese Mittel der doppelten Abschreckung sind ein massiver Schutzmechanismus für das eigentlich sehr verletzliche, anlehnungsbedürftige, allzeit von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen gepiesackte XXXL-Persönchen dahinter. Denn in Cindy steckt beim ersten Auftritt 2005 auf der Talentebühne vom Quatsch Comedy Club mehr Ilka, als es viele wahrhaben wollen. Und weil diese Figur so viele schwierige menschliche Erfahrungen enthält, wird sie zum persönlichen Problem und 2016 nach der Tour zum letzten, vierten Programm „Ich kann ooch anders“ konsequenterweise wieder abgeschafft.

Arbeitslos und Suizidgedanken

Diese große Sehnsucht nach etwas Anerkennung und ein bisschen Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch ein frappierend schonungsloses Buch, das tief hineinleuchtet in ein Leben, welches lange eher auf der Schattenseite geparkt ist. Ihre Biografie ist die eines Ost-Kindes, das nach der Wende im Westen erst einmal vor sich hin stolpert: Ausbildung als Köchin, Umschulung zur Hotelfachfrau, Jobs als Kellnerin, Animateurin, Telefonsexarbeiterin, Komparsenbetreuerin. Mit dreißig wird sie arbeitslos, lebt in den Tag hinein, Hartz IV, keine Termine, keine Zwänge, tagelang in der kargen Wohnung mit sich allein. 200 Bewerbungen und doch keine Chance. Suizidgedanken. Vier lange Jahre sucht sie nach Sinn und Aufgaben und landet beim Quatsch Comedy Club, wo sie sich eigentlich als Kellnerin bewerben will, aber an den Talentescout gerät. Nach einem Kurzauftritt als dicke Arbeitslose halten sich die Zuschauer die Bäuche. Ihr Erfolgsprinzip ist erprobt: „Ich kompensierte meine Unzulänglichkeiten mit Komik und Humor – und es funktionierte.“ Die Kunst des Scheiterns halt.

Realität wird zur Fiktion, Fiktion zur Realität. Beides kann bald nicht mehr auseinandergehalten werden, vermischt sich, Cindy ist Ilka, Ilka ist Cindy. Wird die eine beleidigt, ist die andere direkt getroffen. Sehr anschaulich beschreibt Bessin, 1971 im brandenburgischen Luckenwalde geboren, diesen schmerzhaften Prozess des Ilka-Cindy-Identitätsdilemmas. Je größer der Erfolg, umso größer sei auch das Problem, nur noch als „arbeitslose Unterschichtenschlampe“ wahrgenommen zu werden. Die Rolle verselbstständigt sich total, als die unberechenbare Comedy-Queen Cindy zur ebenso unberechenbaren Drama-Queen Ilka wird: „Ich war ein pinkfarbenes Riesenbaby, das Gott spielte“. Zum Höhepunkt der Karriere liegt einiges im Argen: Nach gefloppten Beziehungen und zerbrochenen Freundschaften hockt sie einsam und traurig auf ihrem Spaß-Thron, dicke im Geschäft zwar, aber beinahe verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich „geliebt zu werden“.

Neues Motto: abgeschminkt

Danach geht’s steil bergauf: Auftritt bei „TV Total“, Deutscher Comedypreis, Co-Moderation von „Wetten dass ...?“, als es mit der Sendung allerdings schon steil bergab geht. Ein Porträt von ihr in der New York Times, Auftritt am Broadway. Doch Cindy ist bald nur noch stressiger Job von Ilka. Als der Vater an Demenz erkrankt, werden Mensch und Kunstfigur nachdenklicher, reifer, kritischer. 

Bei einem TV-Talk Ende 2014 sitzt zwar noch Cindy aus Marzahn als Gast herum, es spricht aber schon sehr engagiert Ilka aus Luckenwalde. Das Ende des Alter Egos ist schließlich gekommen, und das Kostüm landet in einem Karton. „Abgeschminkt“ lautet das neue Motto der Unterhalterin – als Buch-Titel, als Comedy-Programm. Nach vielen Umwegen und Sackgassen hat die 47-Jährige den richtigen Weg gefunden, wenn sie schreibt: „Heute bin ich in meinem Leben angekommen.“ Eine tröstliche Wendung einer extremen Lebensgeschichte.

Update: Die Komikerin Ilka Bessin verschiebt ihre Tournee mit dem neuen Soloprogramm und hat die aktuellen Termine abgesagt, auch den in Dresden. Sie wolle ihre Tour inhaltlich neu ausrichten, heißt es in der Mitteilung dazu vom Donnerstag. "Der große Erfolg ihrer Biografie hat den Ausschlag dazugegeben, auch in Ilkas Debüt Soloprogramm Inhalte daraus zu verwenden und zu vertiefen." Die Erarbeitung dieser Texte brauche dementsprechend mehr Zeit.

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Ilka Bessin hat sich die Cindy aus Marzahn abgeschminkt. Jetzt zeigt sie, wer sie wirklich ist. Auch in Dresden. 

Ilka Bessin: Abgeschminkt. Das Leben ist so schön – von einfach war nie die Rede. Heyne, 288 S., 15 Euro.

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