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Weißwasser

„Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut“

Günter Zech kämpft um Erhalt seiner von Abbaggerung bedrohten Heimat Mühlrose.

Günter Zech (80) und seine Frau Else Zech (80) kämpfen für den Erhalt ihrer Heimat Mühlrose. Sie haben viel erlebt und ertragen mit dem Tagebau Nochten. In dritter Generation wohnen sie heute auf dem Hof der Großeltern.
Günter Zech (80) und seine Frau Else Zech (80) kämpfen für den Erhalt ihrer Heimat Mühlrose. Sie haben viel erlebt und ertragen mit dem Tagebau Nochten. In dritter Generation wohnen sie heute auf dem Hof der Großeltern. © Foto: Andreas Kirschke

Mühlrose. In dritter Generation lebt die Familie auf dem Dreiseitenhof. Auf Großvater mütterlicherseits Hans Rulka und Vater Paul Zech folgte Günter Zech. „Meine Kinder und meine Enkel sollen weiter in Mühlrose leben. Es ist unsere Heimat. Wir fühlen uns stark mit ihr verbunden und verwurzelt“, meint der 80-Jährige. Aus seinem Vorgarten wurde jetzt ein Protestschild abgebrochen und gestohlen. Über die Folgen und Reaktionen sprach Tageblatt mit ihm.

Herr Zech, was genau stand auf dem Protestschild?

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Darauf stand: „Kein Teilfeld Mühlrose! Keine Umsiedlung von Mühlrose! Keine 2. Störung der Totenruhe auf dem Friedhof! Erhalt der Straße nach Mühlrose! Rettet unser schönes Mühlrose!“ In der Nacht vom 21. zum 22. Oktober wurde das Schild abgebrochen und gestohlen. Wir erstatteten sofort Anzeige bei der Polizei.

Wie empfinden Sie so einen Vorfall?

Ich war natürlich perplex. Eine solche Handlung ist einfach nur feige und intolerant. Mein erster Gedanke war: Das kann nur jemand aus dem Dorf tun, der Angst davor hat, dass die Umsiedlung von Mühlrose nicht stattfindet. Ich meinerseits habe nie etwas gegen Schilder getan im Dorf, die die Umsiedlung befürworten. Deshalb bin ich mehr als enttäuscht. Ein solcher Vorfall ist erbärmlich. Er hat mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. Wir, die bleiben wollen, werden praktisch erpresst.

Wie reagieren Ortsvorsteher, Bürgermeister und Gemeinde?

Auch sie schütteln nur mit dem Kopf. Auch sie sind fassungslos und geschockt. Der Bürgermeister will den Vorfall in der Gemeinderatssitzung offen mit ansprechen.

Was werden Sie selbst tun?

Ich lasse zügig ein neues Schild anfertigen. Und zwar mit dem Zusatz am Ende: „Wir wollen BLEIBEN. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.“ Sehr positiv ist: viele wollen das Schild mitfinanzieren. Dafür sind wir dankbar.

Mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages am 28. März zwischen den Gemeinden Trebendorf, Schleife und Leag sind für viele die Weichen auf Umsiedlung von Mühlrose gestellt. Warum kämpfen sie trotzdem weiter?

Fakt ist, es gibt noch keinen fortgeschriebenen und genehmigten Braunkohlenplan Tagebau Nochten. Die Umsiedlung steht auf rechtlich unsicheren Füßen. Fakt ist ebenfalls: Niemand kann zu einer Umsiedlung gezwungen werden. Dazu meine ich: Wer umsiedeln will, und das ist die große Mehrheit, kann umsiedeln; wer bleiben will, sollte bleiben dürfen. Meines Wissens gibt es mindestens 20 Häuser, deren Bewohner bleiben wollen. Darunter sind auch junge Mühlroser. Darunter sind auch Zugezogene. Leider traut sich keiner, offen zu sagen, dass er bleiben will.

Warum wollen SIE mit ihrer Familie bleiben?

Ich will bleiben, weil ich hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Mit eigener Kraft und Mühe habe ich den Dreiseithof und die Häuser mit Scheune aufgebaut. Damit fühle ich mich verwurzelt. Hinzu kommt jetzt: Der Tagebau Nochten liegt östlich von uns. Da wir zu drei Viertel der Zeit im Jahr vor allem Westwind haben, spüren wir im Moment kaum noch Kohlestaub. Ebenso treibt es den Krach eher weg vom Ort. Über Jahrzehnte haben wir hier in Mühlrose so viel Staub und Lärm geschluckt. Wir haben so lange ausgehalten, dass wir jetzt auch noch bis zum Ende des Tagebaus (ohne Abbaggerung) aushalten wollen. Mühlrose in dieser Kompaktheit und Ursprünglichkeit wird es bei einer Abbaggerung nie wieder geben. Der Riss geht mitten durch die Dorfgemeinschaft, mitten durch die Familien, mitten durch jeden Einzelnen. Das geht sogar bis zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und Misstrauen.

Woher schöpfen Sie den Mut, weiter zu kämpfen?

Mut schöpfe ich aus der Solidarisierung und Vernetzung mit anderen Betroffenen. Vom 25. bis 27. Oktober traf sich in Proschim die bundesweite Initiative „Alle Dörfer bleiben“. Sie verbindet insgesamt 13 von Abbaggerung bedrohte Dörfer und Regionen im Rheinischen Revier, im Leipziger Land und in der Lausitz. Mit betroffen sind Proschim in der Niederlausitz und Mühlrose in der Oberlausitz.

Was sind die zentralen Forderungen?

Die zentralen Forderungen sind: Erhalt aller vom Braunkohle-Abbau bedrohten Dörfer; schnellstmögliche Planungssicherheit zur genauen Umsetzung des Kohle-Ausstiegs; die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob wir in unseren Dörfern bleiben oder umsiedeln wollen. Wir fordern, den Strukturwandel unserer Regionen mitzugestalten. Für die Revitalisierung unserer Dörfer müssen Mittel aus dem Strukturwandel-Fonds zur Verfügung gestellt werden. Notwendig ist unserer Meinung nach eine Novellierung des Bundesberggesetzes, um zukünftige Tagebau-Erweiterungen und Grundabtretungsverfahren zum Zwecke des Braunkohle-Abbaus auszuschließen. Notwendig ist die Einhaltung des 1,5-GradZiels von Paris, damit alle von der Abbaggerung bedrohten Dörfer bleiben können.

Wie ermutigend ist so eine Unterstützung?

Sehr ermutigend. Das Initiativbündnis „Alle Dörfer bleiben“ kann uns zuallererst moralisch unterstützen. Es kann uns ermutigen, solidarisch mit anderen betroffenen Orten zu handeln. Zum anderen geht es auch um organisatorischen und rechtlichen Beistand. Das Bündnis kann uns in Fragen juristischer Beratung und Aufklärung zur Seite stehen. Das ist gut zu wissen.

Sie sprachen von der Anzeige bei der Polizei infolge des Diebstahls. Kamen schon erste Ergebnisse zutage?

Nein. Die Ermittlungen laufen. Wir haben noch keinen Bescheid.

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