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Pirna

Michaels letzte Reise

Michael Salomonovic überlebte mehrere Konzentrationslager, auch das in Pirna. Nun ist er mit 86 Jahren gestorben.

KZ-Überlebender Michael Salomonovic 2010 in Pirna: Die jungen Menschen sollen meine Geschichte hören.
KZ-Überlebender Michael Salomonovic 2010 in Pirna: Die jungen Menschen sollen meine Geschichte hören. © Archiv: Marko Förster

Im Februar 2010, 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, reist Michael Salomonovic noch einmal nach Pirna, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Josef. Beide waren schon mehrfach in der Stadt, das erste Mal unfreiwillig. Später kehrten sie regelmäßig zurück. Leicht fiel ihnen das nie, erlebten sie doch auch in Pirna die dunkelsten Stunden ihres Lebens. Es ist eine Geschichte voller Qualen, Verzweiflung, Tod und Ungewissheit, eine Geschichte von der Hölle auf Erden.

An diesem kalten Februarnachmittag 2010 steht Michael Salomonovic mit einer weißen Rose in der Hand auf einem Feld neben der Lohmener Straße, schräg gegenüber der Gaststätte „Weiße Taube“, es war einer jener Orte, an dem er einst durch die Hölle ging. Im Februar 1945 war er mit seinem Bruder und Mutter Dora hier in einem Barackenquartier interniert, die Behausung war schäbig, nur notdürftig eingerichtet, viele mussten auf dem Boden schlafen, die Decken reichten nicht für alle. Diese Baracken gehörten zum Konzentrationslager Mockethal-Zatzschke, ein Außenlager des bayerischen Konzentrationslagers Flossenbürg. Das Pirnaer Lager existierte von Januar bis Mitte April 1945, zwei Wochen lang waren Michael, Josef und Dora Häftlinge in diesem Lager.

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Als Pirna 2015 eine Gedenktafel für diese KZ-Außenstelle enthüllte, war Josef dabei, Michael schon nicht mehr. Und nun hat der ältere Bruder seine letzte Reise angetreten: Wie das Pirnaer Rathaus mitteilt, ist Michael Salomonovic am 15. Juni nach schwerer Krankheit gestorben. „Wir sind in großer Trauer, und unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie“, sagt der Pirnaer Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke.

Zeitlebens ruhte Michael Salomonovic nicht, als Zeitzeuge vor allem jungen Menschen seine Geschichte zu erzählen, damit sein Schicksal und das vieler anderer nicht in Vergessenheit gerät, die Geschichte seiner verlorenen Kindheit, die im Alter von acht Jahren jäh endete.

1941 wird die jüdische Familie aus Ostrau (Ostrava) – Vater, Mutter Dora, Michael und Josef – von den Nationalsozialisten in das Ghetto Litzmannstadt im polnischen Lodz deportiert. Michael und seine Eltern müssen dort Zwangsarbeit verrichten, Josef bleibt oft viele Stunden allein. Nach zweieinhalb Jahren im Ghetto schicken die Nationalsozialisten die Familie ins Vernichtungslager Auschwitz. Dort wird die Familie zunächst getrennt, Michael bleibt beim Vater. Nach einigen Wirren gelangt er aber zu seiner Mutter. Von Auschwitz aus wird die Familie wenig später in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert, wo der Vater ermordet wird. Im November 1944 werden Michael, Josef und ihre Mutter ins KZ Dresden auf der Schandauer Straße überstellt, ebenfalls eine Außenstelle des KZ Flossenbürg. Als im Februar 1945 dann Dresden bombardiert wird, kommen die drei für zwei Wochen ins Pirnaer Außenlager Mockethal-Zatzschke.

In diesem Lager mit dem Tarnnamen „Dachs VII“ sollten vor allem KZ-Häftlinge eingepfercht werden, die als Zwangsarbeiter für ein spezielles Projekt benötigt wurden: Der sogenannte „Geilenberg-Stab“ unter Aufsicht des Wehrwirtschaftsführers Edmund Geilenberg sollte zum Kriegsende die deutsche Treibstoffindustrie wieder in Gang bringen. In der Herrenleite zwischen Pirna und Lohmen sollte dafür eine Schmieröl- und Destillationsanlage errichtet werden. Doch daraus wurde nichts mehr: Bis zum Kriegsende waren nur 20 Prozent der Anlage fertiggestellt.

Am 13. April 1945 sind im Lager Mockethal-Zatzschke 131 Häftlinge registriert, drei Tage später räumt die SS das Lager und treibt die Häftlinge in das größere Flossenbürger Außenlager im böhmischen Leitmeritz. In Mockethal bleiben lediglich Kranke zurück. Wie viele Häftlinge in Mockethal gestorben sind, ist bis heute nicht abschließend geklärt, die Zahlen schwanken zwischen 13 und 53. In der Herrenleite sind heute noch einige Spuren des Treibstoff-Projektes zu sehen, das ehemalige KZ-Außenlager ist heute verschwunden. Auf dem Parkplatz gegenüber dem Gasthof „Weiße Taube“ erinnert seit 2015 eine Gedenktafel an diesen schrecklichen Ort.

Michael, seinem Bruder und der Mutter gelingt auf einem weiteren Todesmarsch die Flucht, ein Bauer versteckt sie, bis die Amerikaner den Landstrich befreien. Josef zieht später nach Wien, Michael kehrt in seine Heimatstadt Ostrau zurück.

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