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Mit 75 noch den vollen Durchblick

Während viele Altersgenossen ihre Rente genießen, berät Hellmut Krause in seinem Laden die Kunden. Warum er davon einfach nicht lassen kann.

Von Eric Weser

Die Beantwortung der Frage ist komplizierter als gedacht. Welches Modell er da auf der Nase hat? Hellmut Krause streift sich das rot schimmernde Gestell vom Gesicht, blickt mit zusammengekniffenen Augen auf den Bügel . „Da brauch ich erst mal ’ne Brille!“ Schon ist der 75-Jährige von seinem Polsterhocker emporgeschnellt und ins Nebenzimmer geeilt.

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Dass Hellmut Krause bald verschwinden würde, das prophezeiten ihm nicht wenige, als er im Sommer des Jahres 1970 in Strehla in die Selbstständigkeit startete. Die Bedingungen waren wirklich alles andere als einfach und das damalige Geschäft auf der Hauptstraße so winzig wie der Kundenstamm. „Mein Vorgänger hat zwar auch Brillen verkauft, aber insgesamt war es eher ein Fotoladen“, erinnert sich Krause. Es dauerte einige Jahre, bis er sich einen Namen gemacht hatte.

Hochzeitsfeier gerettet

„Am Anfang gab es Tage, da fragte man sich, ob sich das Ganze überhaupt lohnt.“ Doch Krause gab nicht auf, schaffte sich Stammkunden mit Aktionen wie diesen: „Ein Riesaer Arzt hatte am Vorabend seiner Hochzeit eine Kissenschlacht veranstaltet. Dabei war ihm ein Brillenglas zerbrochen“, erzählt Krause mit großem Schmunzeln. Noch in der Nacht schliff der Strehlaer kurzerhand ein neues. Die Hochzeit konnte stattfinden. Wer der Arzt ist, verschweigt Krause noch immer diskret.

Es dürfte dieser Mix aus Servicebereitschaft, großem Fachwissen und dem ungezwungen freundlichen Umgang sein, den die Leute schätzen. Denn Krause weiß, wovon er redet. Das merkt jeder, der ihn schwungvoll über Augenanatomie, Brillentrends oder Gleitsichtgläser reden hört. Über die Jahre hat sich hinten im Laden zudem ein ansehnliches Instrumentarium angehäuft, das exakte Messungen ermöglicht. „Die Grundvoraussetzung für alles andere.“ Aber optische Expertise ist eben nur die halbe Miete. „Ohne zu reden, geht’s nicht“, weiß Hellmut Krause um eine wichtige Zutat für den Erfolg. Wichtig sei auch seine Frau, sagt er. „Ohne sie hätte ich das alles nie geschafft.“

Ursprünglich hatte Hellmut Krause ganz andere berufliche Pläne. „Ich wollte wissenschaftlicher Zeichner werden“, erzählt er. Mit seinem Vater fuhr er auf dem Motorroller 1957 nach Berlin, fuchste sich durch die dreitägige Aufnahmeprüfung an der Kunstschule. Es wurde aber nichts mit dem Illustrieren von Schul- und Fachbüchern. „Am letzten Tag wurde ich gefragt, was mein Vater von Beruf sei. Und da er als Pastor in einer freikirchlichen Gemeinde arbeitete, war klar, was das für mich bedeutet.“ Zurück in Riesa entschied sich Hellmut Krause kurzerhand dafür, bei der Firma Thiemann Optiker zu werden.

Seinen Meister machte Krause einige Jahre später in Jena, wo er auch knapp sechs Monate bei Carl Zeiss arbeitete. Dort lernte er, was Qualitätsarbeit heißt. „Jedes Glas wurde einzeln geprüft, deswegen hat es so lange gedauert, bis sie geliefert wurden.“ Die Ansprüche waren so hoch, dass nicht einmal der damalige Sowjet-Chef bevorzugt behandelt wurde. „Damals wurden gerade die Brillengläser für Chruschtschow gefertigt. Aber selbst er musste wie jeder andere warten, bis er sie bekommen hat.“

Viel hat sich seitdem verändert in der Branche. Die Modellauswahl ist nach der Wende geradezu explodiert, außer Bifokallinsen gibt es nun Gleitsichtgläser, das Glasschleifen übernehmen jetzt Automaten, Kontaktlinsen sind Brillenalternativen geworden. Fortschritte, die auch Hellmut Krause schätzt. Große Bedenken hegt er jedoch, was Laseroperationen am Auge angeht. „Das ist unverantwortlich, viele Menschen kennen die enormen Risiken nicht.“

Vertrieben aus Ostpreußen

Mit seiner Familie lebt Hellmut Krause seit vielen Jahren in Strehla. Dort wohnt Krause in der Nähe des Wasserturms und sagt, das sei wie Urlaub, so schön sei die Gegend. „Da braucht man nicht wegfahren.“ Wenn er aber dann doch einmal mit seiner Frau in die Ferien fährt, dann ist der Tegernsee seit vielen Jahren eines seiner Lieblingsziele. „Wir hatten nach dem Krieg ein Bild bekommen, auf dem diese Region zu sehen war. Ich mochte es sehr und wollte immer dorthin“, sagt Krause.

Nach Strehla verschlagen hat es den 1938 im Kaunas im heutigen Litauen geborenen Krause durch den Krieg. Seine Familie floh vor den Sowjets, kam über Rostock, Berlin zu ausgebombten Verwandten nach Dresden. Es folgten einige Jahre in Sebnitz, bevor es schließlich nach Riesa ging. Dort beendete Hellmut Krause auch die Schule mit dem Abitur – und blieb der Region fortan treu.

Noch heute ist er dem ehemaligen Strehlaer Bürgermeister Helmut Kühne dankbar, dass der sich für ihn stark machte und seine Gewerbeanmeldung ermöglichte. Seitdem ist Hellmut Krause mit seinem Geschäft viermal in der Stadt umgezogen. Mit dem jetzigen 142-Quadratmeter-Ladenlokal auf der Lindenstraße hat er sich gar einen Traum erfüllt. „Das ist ein Grund dafür, warum ich immer noch arbeiten gehe, um das auszukosten“, sagt er.

Nach über vier Jahrzehnten Selbstständigkeit sieht Hellmut Krause keinen Grund, aufzuhören. Dafür übt er seinen Beruf zu gern aus, dafür ist er zu gern unter den Menschen und zu gern bei seinem Team, zu dem auch sein Schwiegersohn und seine Tochter gehören; sie soll auch seine Nachfolgerin werden.

Wann für ihn Schluss ist, das „entscheidet der da“, sagt Krause und zeigt mit dem Zeigefinger nach oben. Bis es so weit ist, behält Hellmut Krause weiterhin in seinem Geschäft den vollen Durchblick.