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Mit 90 noch mal nach Shanghai

Der Langebrücker Peter Kahnt hat um die 500 Verse geschrieben und in einem Buch veröffentlicht. Neugierig ist er bis zum heutigen Tag.

© Thorsten Eckert

Von Thomas Drendel

Peter Kahnt ist ein Phänomen. Wo die meisten schon Schwierigkeiten haben, die erste Strophe von Goethes Osterspaziergang aufzusagen, ist sein Kopf voll von Versen. Einmal angefangen schnurren die Zeilen nur so aus ihm heraus, ohne Stocken, über mehrere Strophen. Er berichtet von Alltagserlebnissen, über die Liebe oder Gedanken beim Blick in den Spiegel. Der Mann ist 90 Jahre alt. Am heutigen Donnerstag hat er Geburtstag.

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Seine Frau ist von dieser Begabung nicht ganz so beeindruckt. „Die Gedichte hat er ja alle selber geschrieben, die kann er sich dann ja auch besonders gut merken“, sagt sie. Um die 500 hat er in seinem Leben geschrieben und in einem Buch zusammengetragen. Das hat er im Eigenverlag herausgebracht. In diesem Jahr ist die sechste Auflage erschienen.

Mit 16 Jahren eingerückt

Peter Kahnt wurde 1927 in Chemnitz geboren. Er hatte in seiner Jugend viel Glück, wie er sagt. „Ich war Radiobastler, das hat mir später das Leben gerettet.“ Mit 16 Jahren musste er als Flakhelfer einrücken. Dort bekam man Wind von seinen technischen Kenntnissen und steckte ihn in einen Hochfrequenzlehrgang. Damit fertig, kam er im Januar 1945 zu einer Radareinheit der Wehrmacht. „Viele meiner Klassenkameraden mussten an die Front und sind gefallen.“ Dort bei der Armee fiel er mit seinem Talent auf, Gedichte vorzutragen. „Als Soldaten wurden wir aufgefordert, etwas vor der Truppe vorzutragen. Jemand hatte Balladen von Lene Voigt dabei. Die habe ich auswendig gelernt und vorgetragen. Das gefiel denen offenbar ganz gut. Sie wollten immer mehr. Die ,Bürgschaft‘ und den ,Handschuh‘ von ihr kann ich noch heute aufsagen.“

Nach nur wenigen Wochen in der Wehrmacht kam er im April erst in amerikanische Gefangenschaft und wurde später dann den Franzosen übergeben. Doch auch das währte nicht lange: Der französische Kommandant erließ die Order, alle Gefangenen unter 19 Jahren freizulassen. Ohne Papiere schlug sich Peter Kahnt nach Hause durch, konnte bei Verwandten auf dem Land arbeiten, später in der Firma eines Onkels in Leipzig. 1948 schrieb er sich zum Studium in Chemnitz ein. „Hochfrequenztechnik. Das Thema ließ mich nicht mehr los.“ Der Abschluss verhalf 1951 ihm zu einer Anstellung in Radeberg. „Ich fing im Sachsenwerk an, erst in der Fernsehtechnik, später dann beim Richtfunk.“ Seine Frau Ursula kam ebenfalls mit nach Langebrück und fand eine Anstellung in der Radeberger Brauerei. Peter Kahnt verdankt seinem Beruf Reisen um die halbe Welt. Er wurde gefragt, ob er denn nicht für vier Wochen Funktechnik in China aufbauen will. Zu der Zeit regierte Mao Zedong das Land. „Ich sagte zu. Aus den vier Wochen wurden jedoch vier Monate.“ Zugute kamen ihm seine Englischkenntnisse. Damals schon verheiratet konnte er allerdings seiner Frau besondere Geschenke machen. „Er brachte mir wundervolle Seidenstoffe mit. Das hat ein wenig über die lange Zeit der Trennung hinweggeholfen“, sagt sie. Drei Jahre später ging es noch einmal für längere Zeit nach China. „Wir sind den Jangtse hoch geschippert. Auch Shanghai habe ich gesehen. Dort möchte ich noch einmal hin. Die Stadt muss sich ja enorm verändert haben.“ Mit 90 Jahren sagt er das.

Ein Buch für den Eigenbedarf

Neugier auf alles, das spricht auch aus seinen Versen. In ihnen geht es um eine junge Frau, die im Zugabteil alle Blicke auf sich zieht, über den überraschenden Rücktritt von Oskar Lafontaine als Finanzminister 1999 oder über die Vor- und Nachteile der Wende 1989. „Ich komme bei der Gartenarbeit drauf, beim Essen oder wenn ich morgens aufstehe. Das Thema muss mich interessieren. Meistens entsteht erst ein Satz. Um den herum baue ich die Verse.“ Das Buch hat er ausschließlich für den Eigenbedarf drucken lassen. „Verwandte und Bekannte fragten immer mal wieder nach ob sie meine Verse auch nachlesen könnten. Jetzt kann ich den Band verschenken oder zum Selbstkostenpreis verkaufen. Es ist ja nicht mehr teuer, ein solches Buch anfertigen zu lassen.“ Auch für die SZ hat er geschrieben. „Ich bin zur Chefredaktion gegangen und habe gefragt, ob meine Verse von Interesse sind. Sie waren. Bis die Seite dann eingestellt wurde sind einige Sachen veröffentlicht worden.“ Heute kann er besonders die Sonnabendausgabe kaum erwarten. „Dann erscheinen die Beiträge von Wolfgang Schaller. Die lese ich jedes mal mit Genuss“, sagt er. Von Gedichten will er in Bezug auf seine Arbeiten nicht sprechen. „Ich bin kein Dichter“ ist der erste Satz im Vorwort seines Buches. „Ich bin höchstens ein Hobby-Autor. Die Verse entstanden ja nebenbei.“ Überhaupt nehmen sich die Kahnts nicht allzu wichtig. An dem Tag als er und seine Frau 65 Jahre verheiratet waren, lag ein Brief vom Sächsischen Ministerpräsidenten im Briefkasten. „Wir sind erschrocken, fragten uns, was das zu bedeuten hat. Es waren Glückwünsche.“ Die werden auch am heutigen Donnerstag reichlich in seinem Briefkasten zu finden sein.