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Mit Alkoholvergiftung auf die Kinderstation

Jeder zweite Jugendliche im Landkreis trinkt regelmäßig Alkohol,  die meisten schon mit zwölf zum ersten Mal. Ein Besuch im Zittauer Krankenhaus.

© Foto: Matthias Weber

Der Junge, den die Rettungssanitäter in einer Sonntagnacht bringen, ist kaum noch bei Bewusstsein. Er ist völlig unterkühlt, er hat sich übergeben und eingenässt. Die Schwestern auf der Kinderstation des Zittauer Krankenhauses geben ihm eine Glukose-Infusion, hängen ihn an die Kreislaufüberwachung, versuchen langsam, den unterkühlten, schmächtigen Körper wieder zu erwärmen. Der Junge ist gerade erst 14. Am nächsten Tag wird ihm das fürchterlich peinlich sein. Noch nie in seinem Leben, wird er ihnen versichern, habe er sich derart betrunken.

Für Heike Reck, die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Zittau, ist der 14-Jährige kein Einzelfall. 26 Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren sind im letzten Jahr mit einer Alkoholvergiftung auf die Station eingeliefert worden. Im ganzen Landkreis waren es 80, in ganz Sachsen mehr als 1.000. Während die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich bewusstlos trinken, laut Statistik bundesweit sinkt, ist sie in Sachsen gestiegen. Aber das kann Zufall sein, sagt Dr. Reck. Zudem hätten diejenigen, die mit einer Alkoholvergiftung in ihrer Klinik eingeliefert werden, eher weniger regelmäßige Erfahrungen mit Alkohol. Eine ausufernde Party, ein schlimmer Liebeskummer, das erste mal mit Freunden allein gefeiert - es könne in diesem Alter schnell passieren, dass sie sich dann nicht mehr im Griff haben, sagt die Chefärztin. "Weil der Körper noch nicht ausgewachsen ist, wirkt Alkohol bei Minderjährigen ja viel intensiver als bei Erwachsenen", erklärt Dr. Reck. "Schon geringe Mengen können zu Rauschzuständen führen." Auffällig sei aber, dass die Patienten, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen, immer jünger werden, sagt sie. In der Zittauer Klinik sind die meisten zwischen 14 und 15. Im vorigen Jahr musste aber auch ein Zwölfjähriger behandelt werden.

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Diejenigen, die mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus landen, mögen Einzelfälle sein. Aber sie sind auch die Spitze eines Eisbergs: 12,9 Jahre ist das durchschnittliche Einstiegsalter, in dem die meisten Kinder in der Region zum ersten Mal Alkohol trinken. So haben sie es selbst 2016 in einer großen, anonymen Schülerbefragung des Präventionsnetzwerks Ostsachsen angegeben. In der Umfrage, an der sich 20.000 Jugendliche aus den Kreisen Bautzen und Görlitz beteiligt haben, gibt jeder zweite Schüler aus den Klassenstufen 8 bis 10 an, regelmäßig Bier oder Wein zu trinken. Unter den angehenden Abiturienten sind es sogar 75 Prozent.

Jeder dritte Schüler aus den Klassen 8 bis 10 gibt auch an, öfter mal bis zum Rausch zu trinken. In der Abiturstufe sagt das sogar knapp die Hälfte. Jeder dritte Acht- bis Zehntklässler sagt in der Umfrage von sich, in den letzten beiden Wochen an mindestens drei Abenden mehr als fünf alkoholische Getränke zu sich genommen zu haben. Viele Jugendliche unterschätzen die tatsächliche Gefahr von Alkohol, vor allem den Alkoholgehalt in den modischen Mixgetränken. Wenn sie ihn schätzen sollen, geben ihn die Allermeisten als viel zu niedrig an.

Und noch eine Tatsache macht die Umfrage deutlich: Im Gegensatz zu illegalen Drogen gilt Alkohol als salonfähig und ist gesellschaftlich akzeptiert. Jeder dritte Schüler sagt, dass seine Eltern es akzeptieren würden und nichts dagegen hätten, wenn er Alkohol trinkt. Einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gibt es dabei nicht.

"Alkohol ist ja leider auch eine Droge, an die Jugendliche ganz einfach herankommen", sagt Chefärztin Heike Reck. Ihre Patienten, die mit Alkoholvergiftung eingeliefert werden, kommen aus allen sozialen Schichten. 

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