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Mit dem Rad zum Deutschunterricht

Dank Anwohnerspenden sind für Familie Kajtazi lange Fußmärsche passé. Doch sie hat Angst, wieder in den Kosovo zurückzumüssen.

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© Sven Ellger

Von Tobias Hoeflich

Als Peter Burkhardt an diesem Nachmittag die Klingel am Reichenauer Weg betätigt, bittet er Elvis Kajtazi herunterzukommen. Das Oberhaupt der neunköpfigen Roma-Familie macht sich auf den Weg ins Treppenhaus des Plattenbaus und begrüßt unten den 80-jährigen Tolkewitzer. „Hat deine Frau ein Fahrrad?“, will Burkhardt wissen. „Jetzt hat sie eins“, sagt er und übergibt dem 33-Jährigen ein rotes Diamantrad. Seine Frau würde es nicht mehr brauchen. „Vielen, vielen Dank“, sagt Kajtazi und lächelt verschüchtert. Nachdem das Netzwerk Laubegast ist bunt und der Dresdner Verein Arbeit und Lernen sechs Räder spendeten, hat nun fast jedes Mitglied der Flüchtlingsfamilie eines.

Seit Februar wohnen die Kajtazis in einer Fünfraumwohnung am Reichenauer Weg. Die teilen sich die Eltern von sieben Kindern noch mit Elvis Kajtazis Schwägerin und deren Kind. Sicher geht es beengt zu, wenn elf Leute in einer Wohnung leben, davon acht Kinder zwischen drei und 15 Jahren. Doch klagen will Elvis Kajtazi nicht. Im spärlich eingerichteten Wohnzimmer berichtet er in gebrochenem Deutsch bei einer Tasse löslichem Kaffee von der Hilfsbereitschaft der Anwohner, für die er und seine Familie so dankbar sind. „Er macht alles für uns“, sagt Kajtazi und deutet auf Senior Werner Schnuppe, der gemeinsam mit Peter Burkhardt zu Besuch ist. „Er ist wie ein Vater für uns.“

Die beiden Tolkewitzer arbeiten seit Jahren ehrenamtlich für die Volkssolidarität. Schnuppe hat sogar die Patenschaft für die Familie Kajtazi übernommen, ist im Schnitt zweimal pro Woche vor Ort. Schon einen Tag, nachdem die Flüchtlinge ihre Wohnung bezogen, standen er und ein paar Anwohner mit Blumen vor der Tür. Während in Stadtteilen wie Laubegast gegen Asylheime protestiert wird, wollen Schnuppe und Mitstreiter lieber anpacken. „Die haben nicht einen Flüchtling, wir haben 80. Aber brüllen tut hier keiner.“

Die Fluchtgeschichte der Kajtazis beginnt in der kosovarischen Stadt Pec, wo sich die Familie nicht mehr sicher fühlt. Montenegriner, Bosniaken und Roma haben als Minderheiten unter den Kosovo-Albanern täglich mit Repressionen zu kämpfen. Die Kajtazis haben es besonders schwer: „Mein Vater war bei der serbischen Armee“, berichtet das Familienoberhaupt. Während des Kosovokrieges Ende der 90er-Jahre kämpft er gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region, die zwar Teil der Provinz Serbiens innerhalb Jugoslawiens, mehrheitlich aber von Albanern bewohnt war.

Während Elvis Kajtazi die Geschichte erzählt, holt er ein Schreiben aus der rustikalen Anbauwand, die er im Prohliser Sozialkaufhaus günstig erworben hat. Dort bescheinigt der Verein der Kosovo-Roma, dass die Familie verfolgt wurde. „Auch das Haus der Familie von Elvis wurde niedergebrannt, weil sein Vater Mitarbeiter der serbisch-slawischen Polizei und Militärkräfte war“, ist dort zu lesen. „Aus diesem Grund könnte die Rückkehr der Familie in den Kosovo lebensgefährlich sein.“ Per Lkw fliehen die Kajtazis im vergangenen Herbst schließlich nach Deutschland. Über Chemnitz und Schneeberg gelangen sie nach Dresden – wo sie gern bleiben würden.

Nur: Noch hat nicht mal eine Anhörung stattgefunden. Ein Entscheid, ob der Asylantrag genehmigt wird, ist weit weg. Die Ungewissheit lähmt die Familie, die sich nicht ausmalen will, wieder in den Kosovo zu müssen. Hohe Ansprüche stellen sie nicht. Bloß ein normales Leben würde Elvis Kajtazi mit seiner Familie gerne führen: „Ich will nur arbeiten. Nix Probleme machen, nur arbeiten.“

Nicht nur er will bei den wöchentlichen Kursen, die das Netzwerk Laubegast ist bunt anbietet, seine Deutschkenntnisse verbessern. Auch die Kinder lernen inzwischen die Sprache. Drei der sieben besuchen die Oberschule in Gruna, zwei die Grundschule in Prohlis, zwei den Kindergarten. Dort steht überall Deutsch auf dem Plan. Auch das Fahrradfahren muss bei manchem, vorerst mit Stützrädern, noch gelernt werden.

Derzeit drehen die Kinder meist in dem großen Hof zwischen den Plattenbauten ein paar Runden. Bald aber wollen sie auch zu ihrem Unterricht radeln. Wie die Kleinen durch den Hof flitzen, erfüllt auch die Ehrenämtler der Volkssolidarität mit Freude. „Wir haben so viele in der Nachbarschaft, die sich kümmern und anpacken“, sagt Werner Schnuppe. „Wir wollen eine andere Botschaft übermitteln als das, was montags manche Leute auf der Straße brüllen.“