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Ein Millionär für Dynamo Dresden

Von der nächsten Saison an prangt der Schriftzug „All-Inkl.com“ auf den Trikots des Zweitligisten. Dahinter steckt ein Mann aus der Lausitz, dessen Fußball-Leidenschaft sich bislang in Grenzen hält.

© Robert Michael

Von Ulrich Wolf

Es war eine von tausend. Eine von tausend Mails, die jeden Tag an die Service-Adresse des Oberlausitzer Internetunternehmens Neue Medien Münnich geschickt werden. „Die habe ich zufällig gesehen, normalerweise landen solche Werbemails im Spam-Ordner“, sagt Firmenchef René Münnich. Der gebürtige Löbauer sitzt im Besprechungsraum seines Rechenzentrums in einem Dresdner Gewerbegebiet. „Ich bin da über einen Satz gestolpert: ,Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, den reichweitenstarken Fußball als Kommunikationsplattforum für All-Inkl.com zu nutzen?‘“

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Es ist der 22. März, als Münnich die Mail entdeckt. Abgeschickt hat sie die französische Agentur Lagardère, die Stars wie Bayern-Profi Robert Lewandowski vermarktet oder Klubs wie Borussia Dortmund. Oder Dynamo Dresden. „Na ja, an der Mail hing eine Datei mit einem Angebot für das Trikotsponsoring bei Dynamo. Das fand ich interessant, den Klub kennt ja jeder“, erinnert sich Münnich. „Uns aber nicht, zumindest nicht in der Region.“

Er schickt einen seiner Leute in die Spur, ein paar Telefonate und weitere Mails folgen. „Am 19. April stand ich dann im leeren Stadion. Das erste Mal übrigens, bis dahin wusste ich gar nicht, wo das liegt“, erzählt der 41-Jährige. „Ich habe das wirken lassen, die gelben Sitze, den Rasen, das weite Rund. Das fühlte sich gut an. Da habe ich gedacht, das mache ich.“

Zwei Tage später unterzeichnet Münnich den Vertrag im heimischen Neusalza-Spremberg. Mit rund einer Million Euro wird der gelernte Bürokaufmann aus der Oberlausitz den Fußballzweitligisten Dynamo Dresden fortan unterstützen. Bis zur Saison 2020/21. Vom „bisher größten Vertrag in der Geschichte des Vereins“ spricht Dynamo-Geschäftsführer Michael Born. Und der Dresdner Lagardère-Statthalter Maik Hägner schwärmt: „Herr Münnich wollte sein Unternehmen unbedingt auf der Brust des neuen Trikots sehen, das spürte man von Anfang an.“ Er habe den neuen Hauptsponsor als einen „Mann des Wortes“ erlebt, als „mega-angenehm“, als einen Unternehmer, der eher das Understatement pflege als das Showgeschäft.

Die Leidenschaft schläft noch

Tatsächlich? Münnich räumt ein, dass die große Leidenschaft für den Verein noch nicht da ist. „Das müssen jetzt die Verantwortlichen von Dynamo in mir wecken.“ Aber immerhin sei er ja im Dynamoland zu Hause.

Der Multimillionär wuchs im 100-Seelen-Weiler Neu-Friedersdorf auf, der Vater arbeitete als Radio- und Fernsehmechaniker, die Mutter als Einzelhandelskauffrau. Seinen Zehnte-Klasse-Abschluss machte Münnich an der polytechnischen Oberschule in Neusalza-Spremberg. Nach der Lehre in Bautzen, 1996, stieg er ins väterliche Elektrogeschäft in Friedersdorf ein. „Doch das Verkaufen war nicht mein Ding. Das habe ich gehasst. Das machte immer Arbeit, brachte aber nichts ein.“ Selbstständig zu werden, das sei schon immer sein Ziel gewesen, erzählt Münnich.

20 Jahre später spielt seine Internetfirma in einer Liga mit 1&1, Strato oder Hetzner-Online. Das sind Deutschlands führende Web-Hoster. Der Begriff „Host“ stammt aus dem Englischen und bedeutet Wirt. Münnichs Rechner fungieren als Gastgeber für Internetseiten, auf ihnen stellt er Speicherkapazitäten zur Verfügung. Mehr als 100 Millionen Internetseiten von 120 000 Kunden – darunter das Management von Formel-1-Pilot Sebastian Vettel – laufen über mittlerweile 10 000 Rechner. Sie verteilen sich auf drei Etagen und 3 000 Quadratmeter in dem gemieteten Dresdner Gewerbebau. Anschlüsse blinken, Klimaanlagen brummen. Die Rechner laufen rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Der monatliche Stromverbrauch entspricht dem von 2 500 Einfamilienhäusern. „All-Inkl.com“ steht hinten auf der Rückseite der Rechner.

Es werde „Allinkeldotcom“ ausgesprochen, sagt Münnichs Marketing-Mann Remo Krause. Als man begonnen habe, seien Web-Hoster in den einschlägigen Branchenportalen noch alphabetisch gelistet worden. „Also musste was mit A am Anfang her.“ Außerdem stehe die Marke für einen Alles-inklusive-Service rund um das Speichern der Internetseiten.

Krause hat seinen Arbeitsplatz in der Zentrale von Münnichs Firmengruppe in Friedersdorf, einem Ortsteil von Neusalza-Spremberg. Zentrale ist vielleicht zu viel gesagt. Die Kraftverkehrsgesellschaft Dreiländereck bezeichnet die Haltestelle vor dem Gewerbebau an der Bundesstraße 96 zwar als „Friedersdorf Fa. Münnich“; das ist aber so ziemlich das Einzige, was auf eine gewisse Bedeutung schließen lässt.

Das Gebäude ist nicht viel größer als ein stattliches Einfamilienhaus. Münnichs Vater hatte es Anfang der 1990er-Jahre bauen lassen, hier verkaufte er Fernseher, Radios, Waschmaschinen. Und überhob sich. „Mein Vater stand wenige Jahre später vor der Pleite“, erinnert sich der Sohn. „Langfristig gab es für das Elektrohaus keine Gewinnaussichten.“ Er gab das Erbe auf, da hatte er mit dem Aufbau der eigenen Firma bereits begonnen.

Schon zur Schulzeit habe er viel am Computer gezockt, berichtet er. Sein erster selbstgebauter Computer jedoch fing nach einigen Sekunden Feuer. „Ich hatte die Kühlpaste an der Kühlung des Zentralprozessors vergessen.“

Die Idee mit dem Webhosting sei ihm im Jahr 2000 gekommen. „Zu der Zeit war überall zu lesen, dass man mit dem Internet Millionen verdienen könnte. Also habe ich mir bei einer Firma im niedersächsischen Varrel einen ersten Server gemietet, für 400 D-Mark im Monat.“ Über den habe er dann eigene Web-Hosting-Tarife generiert, „als einer der ersten in Euro“. Das sei gut angekommen, „von da an ist es sukzessive nach oben gegangen“.

Mittlerweile arbeiten für Münnich rund 100 Leute in Dresden und Neusalza-Spremberg. Im ehemaligen Elektroladen seines Vaters sind rund 60 Arbeitsplätze verteilt: enge Buchten mit Computern, in denen meist jüngere Leute mit Headset sitzen und Kundenfragen beantworten. Offensichtlich machen sie einen guten Job. Die Branchenexperten des Berliner IT-Teams „Hosterz“ urteilen: .„Bei All-Inkl.com wird ein geringes Preisniveau mit hoher Flexibilität und üppigen Inklusive-Leistungen angeboten.“

Großer Erfolg auch in der Lausitz

Die Firmenadresse Dorfstraße 49 sei ihm anfangs peinlich gewesen, sagt Münnich. „Doch die Kunden fanden es offenbar gut, ihre Daten nicht einem Großkonzern mit einer Anschrift München, London oder San Francisco anzuvertrauen.“ Und so stieg Münnich in der Oberlausitz zu einem erfolgreichen Internet-Unternehmer auf. Nahezu unbemerkt. Selbst in sächsischen Wirtschaftskreisen ist er kaum bekannt. Keine Kredite, kein Risikokapital, keine Unternehmerpreiswettbewerbe, keine Neujahrsempfänge, keine Messen. Auch im IT-Netzwerk Silicon Saxony taucht seine Firma Neue Medien Münnich nicht auf. „Das ist nicht so mein Ding. Ich komme eben vom Dorf.“ Sein Deal mit Dynamo wurde nicht auf einer Pressekonferenz oder mit sonstigem Brimborium bekannt gegeben, sondern lapidar via Pressemitteilung. Es sei eine „besondere Ehre“, All-Inkl.com auf den Spielertrikots zu präsentieren, wird Münnich darin zitiert.

Sein bisheriges Sponsoring hatte sich auf einen Rennrodel-Weltcup in Altenberg beschränkt. Auf die Unterstützung der künftigen Landesliga-Kicker vom FSV 1990 Neusalza-Spremberg. Und auf den Moto-Auto-Cross-Klubs Dauban bei Hoyerswerda. Dort spendierte Münnich nicht nur den Sprit für die Motorsensen, dort kaufte er sogar ein paar Grundstücke, um den Betrieb der Crossstrecke zu erleichtern.

Denn seine wahre Leidenschaft gilt dem Rennsport. Mit großen Augen erzählt Münnich, wie der Vater früher auf der Crossstrecke in Weigsdorf-Köblitz am Matschenberg die Lautsprecheranlagen installierte. „Da war Auto-Cross, das hat mich fasziniert.“ 2004 baute er seinen privat genutzten Audi „zu einer Art Rennauto“ um. „Das Fahren macht mir einfach Spaß, auch das technische Drumherum.“

Inzwischen finanziert Münnich das einzige ostdeutsche Team im World Touring Car Cup (WTCR) sowie in der World Rallye-Cross Championship des internationalen Automobilsportverbands. An mindestens 50 Tagen ist er unterwegs, rund um den Globus, von Argentinien bis China. Erst am vergangenen Wochenende fuhr er selbst im norwegischen Hell um Punkte, am kommenden Wochenende steht ein WTCR-Rennen im portugiesischen Vila Real im Kalender. Jedes Mal sind rund 20 Leute der 2008 gegründeten Münnich Rennsport GmbH mit unterwegs: vom Koch über die Mechaniker bis hin zum Motorsportmanager Matthias Kastens.

Der hat seinen Job in einer ehemaligen Textilfabrikhalle in Neusalza-Spremberg. Auf dem großen Firmenparkplatz, gleich neben dem Döner-Imbiss „Taj Mahal“, brüten drei der sechs firmeneigenen Trucks in der Sonne. Alle sind lackiert mit dem Slogan „All-Inkl.com – alles einfach Internet“. An der Zufahrt ein Transparent: „Rennmechaniker gesucht“.

Die, die den Job schon haben, werkeln drinnen. Zwei Hondas sind in ihre Einzelteile zerlegt. „Große Revision“ nennt Kastens das. Weiter vorn stehen zwei Mercedes-SLS. Mit ihnen war das Münnich-Team 2012 Fahrer- und Teamweltmeister in der GT1-Serie geworden. Dahinter lauern zwei Lamborghini Murcilago. „René ist eben ein Autonarr“, sagt Kastens.

Zwischen vier und fünf Millionen Euro pro Saison steckt Münnich in sein Hobby. Zu den Rennen fliegt er meist mit einem Charterjet vom Flughafen Bautzen aus. All das läuft parallel zur Webhosting-Firma. „Mein Vater wollte immer alles selbst machen, hat sich nie auf jemanden verlassen. Das war mir eine Lehre. Also habe ich Leute gesucht, auf die ich zählen kann.“

Egal, wen man nach dem Menschen Münnich fragt: Bodenständig, zielstrebig und scheu sind die meist benutzten Vokabeln. Der fast 1,90 Meter große und rund 110 Kilogramm schwere Macher hat zwar einen Facebook-Zugang mit 3 300 Freunden, doch aktiv ist er in dem sozialen Netzwerk kaum. Dubai sei sein Wohnsitz, steht dort. „Na ja“, lacht Münnich. „Seit 2009 haben wir dort ein Haus, jetzt ist es ein Zweitwohnsitz.“ Die Heimat aber sei Neusalza-Spremberg.

Kontrast zum schnellebigen Job

Vor der Kulisse des Hänschebergs lebt er dort mit Lebensgefährtin und zwei Töchtern im ehemaligen Landschulheim. Nur Weiden und Wald ringsum. Münnich erwarb das Gebäude vor 14 Jahren. Eine Oase der Stille, ein Kontrast zur Schnelllebigkeit des Internets und des lärmenden Rennsports. Das Areal ist auf mehreren Hundert Metern Länge abgeschirmt durch verzinkte Gabionen, gefüllt mit Granitschotter. Der nächste Nachbar wohnt 300 Meter entfernt. Eine ältere Dame. „Manche sagen, René sei ein Großprotz. Aber das ist nur Neid“, sagt sie. „Der hat einfach aus dem Internetzeugs da wirklich viel gemacht.“

Ob er das bislang tadellose Image nicht riskiert angesichts möglicher Fernsehbilder wie beim Dynamo-Auswärtsspiel in Karlsruhe? „Wieso?“, fragt Münnich zurück. „Was war da?“ Dann googelt er erst einmal nach den Bildern vom martialischen Krieg-dem-DFB-Fanmarsch. „Das sieht nicht schön aus, aber das wird sich schon nicht wiederholen.“ Der Verein sei erwachsener geworden. „Eine längere Zusammenarbeit ist durchaus vorstellbar.“

Zunächst aber will Münnich den Firmensitz von All-Inkl.com von Friedersdorf nach Neusalza verlegen und ein neues Rechenzentrum in Dresden bauen. Im Motorsport ist ein WTCR-Weltmeistertitel möglich. „Danach höre ich mit dieser Rennserie auf, zugunsten von Dynamo. Wenn sie aufsteigen, ist ja ein höheres Budget fällig.“