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Verlorener Sohn verzweifelt gesucht

Seit über 20 Jahren hat Christa Pfeiffer aus Oderwitz keinen Kontakt. Jetzt löst sie sogar Preisrätsel, um sich eine Reise zum Sohn leisten zu können. 

Christa Pfeiffer mit dem Hochzeitsbild ihres Sohnes.
Christa Pfeiffer mit dem Hochzeitsbild ihres Sohnes. ©  Rafael Sampedro

Ein rissiges und vergilbtes Hochzeitsfoto - das ist das einzige, was Christa Pfeiffer seit über 20 Jahren von ihrem Sohn gesehen hat. "Am Gerold habe ich gerade so gehangen", sagt die 83-Jährige. Und beim Blick auf das alte Foto vom September 1985 spricht aus Christa Pfeiffer das Herz einer verletzten und besorgten Mutter. Denn der Gerold ist so weit fort - und will scheinbar gar nichts von seiner Mutter wissen. Aber Christa Pfeiffer hat in ihrer Verzweiflung gegen ihren Trennungsschmerz gehandelt.

Ein Leben voller Arbeit und Entbehrungen hat Christa Pfeiffer geführt. "Mit 14 Jahren habe ich im Kunstlederwerk Spitzkunnersdorf angefangen", erzählt sie. Das war im Gründungsjahr der DDR. Im Betrieb lernt sie ihren mittlerweile verstorbenen Mann kennen. Acht Kinder, fünf Jungen und drei Mädchen, hat Christa Pfeiffer geboren und einst in Spitzkunnersdorf großgezogen.

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"Später habe ich noch in der Schule geputzt und bis zu meiner Rente 1992 im Oderwitzer Altenheim gearbeitet", erzählt Christa Pfeiffer. Sieben ihrer Kinder sind in der Heimat geblieben. Vor wenigen Jahren zog Christa Pfeiffer nach Oderwitz in die Nachbarschaft ihrer Tochter, lebt in einem Haushalt mit ihrem ältesten Sohn Peter. Ihre Kinder kümmern sich um sie - aber den verlorenen Sohn, den vermisst Christa Pfeiffer eben besonders.

Den Enkel nur einmal gesehen

Warum der Kontakt abbrach, die Mutter kann es gar nicht genau sagen. "Es gab keinen Streit", sagt Christa Pfeiffer. Einst hatte ihr Gerold in Neugersdorf Fleischer gelernt. Irgendwann in den 90er Jahren suchte er dann sein Glück im Westen - ohne Abschied. "Ich habe dann nur irgendwann gehört, dass er in der Nähe von Heilbronn lebt und bei einem Autohändler arbeiten soll", erzählt sie. Aber auch diese Angaben blieben vage. "Das hat mir eine Frau aus dem Dorf erzählt, die dort Verwandschaft hat", sagt Christa Pfeiffer. Doch ihr Sohn selbst habe sich nie gerührt.

"Ich habe immer gewartet und so gehofft, dass er mal schreibt", sagt Christa Pfeiffer traurig. Ein einziges Mal hat Christa Pfeiffer ihren Enkel gesehen. Kurz bevor ihr Sohn die Heimat verließ. "Da war der Junge noch ganz klein. Heute ist er selbst schon Vater", sagt sie. Aber all diese Dinge erfährt sie mit der Zeit nur zufällig von Dritten. Auch in Löbau soll Gerold immer mal wieder gewesen sein. "Aber bei mir hat er sich nie blicken lassen", sagt sie.

Christa Pfeiffer weiß, dass ihr nicht mehr unendlich viele Jahre geschenkt sind. "Ich bin schon so alt. Wenn mir was passiert, weiß er gar nicht was los ist", sagt Christa Pfeiffer. Und sie wollte auch endlich Gewissheit: "Ich habe solche Angst um Gerold gehabt, ob er überhaupt noch lebt. Man macht sich ja Sorgen." 

In ihrer Not griff sie nach einem Strohhalm. Sie kauft sich regelmäßig im Zeitschriftenladen die "Frau mit Herz", eines dieser bunten Klatschblätter. "Da habe ich gesehen, dass die auch Suchanzeigen veröffentlichen und mir gedacht: Das versuche ich jetzt auch mal", erzählt Christa Pfeiffer. Sie wandte sich an die Redaktion und die Zeitschrift veröffentlichte in ihrer jüngsten Ausgabe eine kleine Such-Annonce - mit den winzigen Angaben, die Christa Pfeiffer überhaupt vom neuen Leben ihres Sohnes kennt.

Treff bei der Blumenausstellung

Und: Es hat geklappt! "Am 20. August hat mein Bruder bei mir angerufen", sagt Peter Pfeiffer. Tatsächlich hatte eine Frau aus dem Bekanntenkreis seines Bruders die Annonce in der Zeitschrift entdeckt und ihn darüber informiert. Aber sonderlich begeistert sei dieser Anruf nicht gewesen. 

"Er hat gesagt: ,Wenn Ihr was wollt, ruft mich an, Ihr habt ja jetzt meine Nummer. Aber macht nicht mehr so einen Blödsinn mit der Zeitung. Ich lebe noch.'", schildert Peter Pfeiffer den Anruf. Seine Mutter wollte Gerold wieder nicht sprechen. "Ich habe noch ins Telefon gerufen: ,Warum denn nicht?'" erzählt Christa Pfeiffer. Aber Gerold habe nur gesagt: "Meine Adresse bekommt ihr nicht."

Doch immerhin: Ganz zugeschlagen hat der verlorene Sohn die Tür nicht. "Er hat gesagt, dass wir uns treffen können, bei der Blumenausstellung in Heilbronn, Ende September", erzählt Peter Pfeiffer. In Heilbronn läuft derzeit die Bundesgartenschau. Seitdem schlägt Christa Pfeiffers Mutterherz wieder ein bisschen höher vor Hoffnung, ihren geliebten Sohn mal wiedersehen zu können.

"Wenn's nicht so teuer ist, fahren wir hin", sagt sie. Ihre Rente reicht ihr knapp zum Leben. "Ich habe schon Kreuzworträtsel gelöst, um etwas zu gewinnen, damit ich mir die Reise leisten kann. Aber bisher hatte ich kein Glück", erzählt Christa Pfeiffer. So gerne würde sie ihren Gerold mal wieder in ihre Arme schließen: "Ich würde mich so wahnsinnig freuen und so feste drücken, dass er keine Luft mehr bekommt."

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