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Nah dran am Meistertitel

Die BSG Aktivist Brieske-Ost gehörte zu den Spitzenteams der DDR-Oberliga – bis die Mannschaft nach Cottbus musste.

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© Schulze

Von Sven Geisler

Wir schreiben das Jahr 1949. „Aus dem Lausitzer Senftenberg hoppelt ein Sondertriebwagen über die Gleise nach Halle.“ Mit dieser Reise – beschrieben im Heft zum 70-jährigen Bestehen des Vereins 1989 – beginnt die Geschichte der BSG Aktivist Brieske-Ost in der DDR-Oberliga. Anfangs sind die Fußballer aus dem Bergarbeiterort als BSG „Franz Mehring“ Marga unterwegs, benannt nach der nahe gelegenen Braunkohlegrube. Ihr erster Gegner, ZSG Union Halle, ist der amtierende Ostzonen-Meister. Der Kumpelklub gewinnt mit 4:3, bezwingt am fünften Spieltag den haushohen Favoriten Dresden-Friedrichstadt vor 10 500 Zuschauern zu Hause sogar mit 4:0.

Klaus Stabach musste erst von Cottbus nach Brieske und durfte dann doch zurück. Beide Male hatte die Partei für den späteren Manager des FCEnergie entschieden.
Klaus Stabach musste erst von Cottbus nach Brieske und durfte dann doch zurück. Beide Male hatte die Partei für den späteren Manager des FCEnergie entschieden. © Robert Michael
„Kann der Favorit gefordert werden?“, heißt es im Programmheft zum Pokalspiel 1988. Die Antwort gab’s auf dem Platz: Erst in der Verlängerung gewann Jena mit 2:1.
„Kann der Favorit gefordert werden?“, heißt es im Programmheft zum Pokalspiel 1988. Die Antwort gab’s auf dem Platz: Erst in der Verlängerung gewann Jena mit 2:1.

Die Briesker verstehen sich damals als Schalke des Ostens, das Steigerlied wird immer noch vor jedem Heimspiel gesungen, obwohl Präsident Herbert Tänzer sagt: „Viele jüngere Zuschauer können damit sicher kaum etwas anfangen, die meisten wissen doch nicht mehr, wie ein Tagebau aussieht.“ Aus den Gruben werden Seen, doch vom Tourismus leben kann die Region nicht. Das Geld ist knapp – auch für die Fußballer, die vor dem letzten Spieltag in der Landesliga Brandenburg noch eine theoretische Aufstiegschance haben.

Das ist schade, aber nicht dramatisch. Der Verein, der jetzt FSV Glückauf Brieske/Senftenberg heißt, konzentriert sich auf den Nachwuchs. 35 Übungsleiter betreuen die 14 Jugendmannschaften. „Man braucht ein paar Verrückte“, sagt Tänzer und schließt damit alle Ehrenamtlichen ein. Jedes Jahr gehen drei bis fünf Talente an die Sportschulen in Dresden, Cottbus und Frankfurt/Oder. Mit Sebastian Schuppan hat bereits ein Briesker als Profi bei Dynamo gespielt, mit dem 18 Jahre alten Justin Löwe ist ein weiterer auf dem Sprung.

Früher stellte Aktivist sogar Nationalspieler und war einmal ganz nah dran am Meistertitel. Es ist der 4. November 1956, der vorletzte Spieltag in der Oberliga. Der Tabellendritte Brieske empfängt den SC Wismut, der auf politischen Beschluss für Karl-Marx-Stadt spielen musste, aber in Aue zu Hause war. Nur zwei Punkte trennen den Außenseiter vom Spitzenreiter. In der Elsterkampfbahn am Rande der 3 500 Einwohner zählenden Gemeinde drängeln sich 32 000 Zuschauer. Sie sehen, wie ihre Schwarz-Gelben gegen das Abwehrbollwerk der Gäste anrennen – aber kein Tor erzielen. Aue holt den Titel, Brieske wird Vizemeister.

Es bleibt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte, 1958 kommt ein dritter Platz hinzu. Doch in der Saison 1961/62 verbreitet sich plötzlich ein Gerücht, das bald zur Gewissheit wird: Die Aktivist-Fußballer werden nach Cottbus verlegt. Das kann Sektionsleiter Werner Riska mit seiner Eingabe an den Staatsrat der DDR nicht verhindern. Die Entscheidung habe große Verärgerung und Empörung hervorgerufen, schreibt er – und kritisiert offen die „in unserer Sportbewegung noch immer ausgeübte Methode des Kommandierens und Administrierens, die seit Jahren ein Haupthindernis für die kontinuierliche und zielgerichtete Entwicklung des Leistungssports in unserer Republik ist“. Für seine Kritik wurde Genosse Riska von der Staatspartei SED gemaßregelt, Brieske stieg sportlich ab, und die meisten Spieler gingen im Sommer 1963 tatsächlich mit zum neu gegründeten Sportclub Cottbus.

Für Klaus Stabach, der den FC Energie nach dem Mauerfall als Manager bis in die Bundesliga führte, war es die Rückkehr nach Hause. Das Verrückte daran: Er musste zuvor nach Brieske wechseln, obwohl er lieber weiter bei Dynamo Cottbus in der Bezirksliga gespielt hätte. „Ich bekam einen Parteiauftrag.“ So einfach war das. Der Abwehrmann passt zum Briesker Stil. „Die wollten einen Brecher haben“, meint Stabach. Er fühlte sich jedoch in dem neuen Umfeld nicht wohl. „Dort habe ich im Internat gelebt, hatte keine Bindung. Abends bin ich in die Kneipe gegangen, um nicht alleine zu sein. Das war keine Perspektive.“

Die „Alten“ in der Mannschaft um Kapitän Lothar Gentsch und Torjäger Heinz Lemanczyk hielten zusammen. „Da herrschte Zug, wehe, wenn du als junger Spund nicht gemacht hast, was die gesagt haben“, erinnert sich Stabach, damals 22, im September wird er 77. Er schießt 1973 das Tor beim 1:1 gegen Vorwärts Stralsund – zehn Jahre nach der Versetzung von Brieske/Senftenberg steigt Energie Cottbus zum ersten Mal in die DDR-Oberliga auf. Allerdings haben die Lausitzer zu dem Zeitpunkt ihren Club-Status bereits verloren, müssen selber als Betriebssportgemeinschaft die besten Spieler delegieren, erster Abnehmer war der BFC Dynamo in Berlin.

Bundesligist zum 100. Geburtstag

Die BSG Aktivist Brieske/Senftenberg spielte in den 1980er-Jahren meist in der zweitklassigen DDR-Liga und bis 1996 in der Amateuroberliga, der vierthöchsten Spielklasse. Wenn es diesmal noch nicht klappt, soll der Aufstieg in die sechste Liga aber bis zum nächsten Vereinsjubiläum 2019 gelungen sein, Präsident Tänzer würde gern einen Bundesligisten zur Party einladen. „100 Jahre wird nicht jeder“, sagt er. „Wir haben Tradition und Geschichte. Wir waren einfach wer.“

Damals, als es im ausrangierten Dieseltriebwagen auf Auswärtsfahrten ging. Der hatte zwar einige technische Macken und blieb manchmal auf freier Strecke stehen. Doch das störte die gute Stimmung im Team nicht, weil „der Mannschaftsleiter und der Sektionsleiter dicke, mit Butter und Wurst belegte Stullen verteilen“, wie es im Zeitzeugenbericht von 1949 heißt.

Ende der Serie. Vorher erschienen: Vereine zweiter Klasse (7.6.), Chemie Böhlen (8.6.), Stahl Riesa (9.6.), Chemie Buna Schkopau (10.6.), Fortschritt Bischofswerda (12.6.), Stahl Brandenburg (13.6.).