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Nehmt Karl May endlich ernst

Die Querelen im Radebeuler Museum sind typisch für die Erinnerungskultur um Sachsens Kult-Autor. Es wird Zeit, dass sich vieles ändert. Ein Gastbeitrag.

Karl May (1842 - 1912)
Karl May (1842 - 1912) © Wikimedia

Von Andreas Brenne

Was in den letzten Wochen in der Karl-May-Stadt Radebeul passiert ist, hat nicht nur die Region aufgestört, sondern auch bundesweit Resonanzen erzeugt. Dies zeigt zum einen, dass Karl May vielen noch etwas zu sagen hat. Zum anderen zeugen die Geschehnisse von einem manifesten Kulturkampf, der nicht allein durch einen Generationsbruch zu erklären ist.

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Es geht um den Erhalt von liebgewordenen Sichtweisen und Gewohnheiten, die man ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Diskurse und die öffentliche Meinung zu erhalten sucht. Als Außenstehender fühlt man sich an die esoterischen Praktiken einer Glaubensgemeinschaft erinnert, die sich jegliche Einmischung in interne Angelegenheiten verbittet und nur Eingeweihten eine Mitsprache gestattet.

Die Karl-May-Stiftung, ursprünglich eine von Mays Witwe initiierte Organisation, trat Jahrzehnte als dessen Sachwalterin auf und suchte das Andenken an den „Volks-Schriftsteller“ zu erhalten. Sie fungiert heute jedoch als Statthalterin vergangener Sichtweisen, die dem geschätzten Autor und damit dem „schönen Lößnitzgrund“ einen Bärendienst erweist. Die Geschehnisse haben mittlerweile den Charakter einer May’schen Kolportage angenommen. Man wünscht sich sehnlichst einen Old Shatterhand herbei, der sich den Intrigen entgegenstellt, Ross und Reiter nennt und den Weg frei macht für einen zeitgemäßen und frischen Umgang mit dem vielgelesenen Schriftsteller. Doch wie kam es zu dieser Misere und welches Geistes Kind sind die Apologeten einer antiquierten Heiligenverehrung?

Ein schwer zu kompensierender Schaden

Eigentlich hatte alles hoffnungsfroh begonnen. Der ambitionierte und profilierte Museologe Christian Wacker war vor zwei Jahren angetreten, das Karl-May-Museum aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, wodurch nicht nur die stagnierenden Besucherzahlen erhöht, sondern auch eine zeitgemäße Darstellung des Phänomens „Karl May“ ermöglicht werden sollte. Dabei spielte auch eine bauliche Erweiterung eine wichtige Rolle. Denn jedes Museum benötigt Platz, um zugkräftige Wechselausstellungen zu inszenieren.

Wackers Aktivitäten waren in jeder Hinsicht vielversprechend und lobenswert. Er bearbeitete aktuelle Themenfelder rund um Karl May, erprobte neue Präsentationsformen und experimentierte mit innovativen Vermittlungskonzepten. Dass er nun genötigt wurde zu gehen, ist nicht nur für die Karl-May-Szene schockierend, sondern erzeugt einen Markenschaden, der nicht leicht zu kompensieren ist.

Karl May ist ein komplexes literarisches Phänomen. Er wird aber immer noch vornehmlich als Verfasser abenteuerlicher Geschichten für die „reifere Jugend“ begriffen, die derart nachwirken, dass auch in die Jahre gekommene Enthusiasten den Zauber der frühen Jahre zu erhalten suchen. May transzendierte landeskundliche Quellen und Reisebeschreibungen Dritter mittels seiner unbändigen Fantasie und inszenierte Sehnsuchtsorte, deren beständige Redundanzen gerade ihren Reiz ausmachen. Diese Lesart führt aber auch dazu, dass aus heutiger Sicht problematische Elemente des May’schen Narrativs wie etwa kulturelle Stereotypen und nationale Chauvinismen gerne übersehen werden und man sich vor einer übertriebenen „political Correctness“ abzuschotten sucht.

Eine andere Perspektive ist die Stilisierung Mays zum Friedensstifter und visionären Pazifisten. Diese Lesart setzt eine Verteidigungsstrategie fort, mit der die Anhänger Mays den ab 1900 als „Schundliteraten“ und „Verderber der Jugend“ diskreditierten Autor (man hatte seine prekäre Vergangenheit offengelegt und entdeckt, dass seine Reiseerlebnisse fiktionaler Natur waren) rehabilitieren wollten. Man betonte seine lauteren Absichten, die vor allem im Spätwerk hervortreten („Friede auf Erden“, „Ardistan und Dschinnistan“). Aber auch hier werden die mannigfaltigen Brüche und Ambiguitäten ausgeblendet.

Prof. Dr. Andreas Brenne, geboren 1966, ist Professor für Kunstdidaktik und Kunstpädagogik an der Universität Osnabrück und Mitglied der Karl-May-Gesellschaft.
Prof. Dr. Andreas Brenne, geboren 1966, ist Professor für Kunstdidaktik und Kunstpädagogik an der Universität Osnabrück und Mitglied der Karl-May-Gesellschaft. © privat

All diese Perspektiven finden sich im Karl-May-Museum wieder. Im Zentrum steht die Villa Shatterhand, die Mays Ambitionen in Vollendung dokumentiert. Es war dem Autor aus dem Landproletariat des Osterzgebirges gelungen, sich durch erfolgreiche Kolportageliteratur und abenteuerliche Reiseerzählungen in das wilhelminische Bürgertum einzuschreiben. Er setze sich in Radebeul ein bauliches Denkmal. Der interessierte Besucher des Museums findet dort viele Ansatzpunkte, sich mit Leben und Werk des Autors auseinanderzusetzen.

Doch das Areal bietet auch noch anderes, allem voran eine umfangreiche Indianistik-Sammlung, die im Blockhaus „Villa Bärenfett“ gezeigt wird. Einstmals von Klara May und dem Artisten, Kosmopoliten und Museumsdirektor „Patti Frank“ (Ernst Tobis) zusammengetragen, mit dem Ziel, die Authentizität der May’schen Texte zu belegen. Diese Sammlung enthält eine durchaus beeindruckende Fülle an indigenen Exponaten. Allein, mit Karl May haben diese wenig zu tun.

In den Zeiten der DDR wurde aus dem Karl-May-Museum ein „Indianer-Museum“. Die Indianistik-Sammlung dokumentierte die Reichhaltigkeit einer indigenen Kultur, die durch die imperialistischen und kolonialistischen Ambitionen des Monopolkapitalismus vernichtet wurde. Die heute noch legendären Defa-Indianerfilme, mit Gojko Mitic als zentralem Protagonisten, spiegeln diese Sichtweise idealtypisch wieder. Diese Sammlung war aber auch ein Impuls für die Entwicklung einer Indianistik-Hobby-Szene der DDR, die als eskapistische Subkultur von der Staatssicherheit argwöhnisch beobachtet wurde.

Das heutige Karl-May-Museum ist somit eine Art Zeitkapsel, die eine bestimmte Sichtweise auf das Phänomen May konserviert hat, was sich allerdings nur dem Informierten erschließt. Eine Zukunftsperspektive hat dies nicht, da Mays Werke nicht mehr im Zentrum der heutigen Jugend- und Popularkultur stehen. Auch ist die Sammlung in hohem Maße restaurationsbedürftig, und es mangelt bei sinkenden Besucherzahlen an Geld und Rücklagen. Die Entwicklung einer zukunftsorientieren musealen Konzeption ist unabdingbar.

Warum May auch Avantgarde war

Das Museum hat nur dann eine Perspektive, wenn die Sammlung im Brennglas heutiger Diskurse und Theorien betrachtet und neu justiert wird. Das bedeutet auch, dass die bereits begonnene Herkunftsforschung fortgesetzt werden muss. Dazu gehört etwa die Auseinandersetzung mit den gezeigten Bildwerken des nationalsozialistischen Propagandakünstlers Wilhelm „Elk“ Eber, der unter anderem der Urheber des Panoramabildes über die Schlacht am „Little Big Horn“ ist. Dabei soll nicht einem Bildersturm das Wort geredet werden, es geht vielmehr um eine noch kritischere Dekonstruktion der Sammlung.

Karl May muss als kulturhistorische Figur ernst genommen werden. Dazu gehören auch gern verschwiegene Themen wie seine sublime Homosexualität oder die Darstellung des Fremden. Hier lässt sich zeigen, dass sich im Werk ein Wandel von Stereotypen hin zu einer transkulturellen und interreligiösen Perspektive vollzieht. Hier war May durchaus Avantgarde.

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All diese Perspektiven gilt es umzusetzen. Das Museum muss als lustvoller Bildungsort ernst genommen werden und sollte nicht etwa zu einem Ort des Infotainments und der leichten Familienunterhaltung mutieren. Der 27. Juni am nächsten Sonnabend ist für die Karl-May-Szene weltweit ein Datum von historischen Dimensionen: An diesem Tag entscheidet das Kuratorium der Karl-May-Stiftung nicht nur über die Existenz eines regionalen Museums, es kann obendrein dazu beitragen, die Marke Karl May zukunftsfähig auszugestalten. Es gilt zu hoffen, dass das Gremium sich dieser Verantwortung bewusst ist und sich nicht im Satzungsgeplänkel verliert. Dadurch würde man das Feld den restaurativen Kräften überlassen und einen larmoyanten Schwanengesang einleiten. Das hat Karl May nicht verdient!

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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