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Nervt uns nicht mit „Lügenpresse“

Alexandra Borchert erklärt, was auch Corona wieder bestätigt: Die Gesellschaft wünscht sich einen starken Journalismus.

1977 führte der Journalist David Frost mit US-Präsident Nixon ein Interview. Für Richard Nixon führte es in den Watergate-Skandal. Vor 12 Jahren wurde die Geschichte mit Michael Sheen und Frank Langella als „Frost / Nixon“ verfilmt.
1977 führte der Journalist David Frost mit US-Präsident Nixon ein Interview. Für Richard Nixon führte es in den Watergate-Skandal. Vor 12 Jahren wurde die Geschichte mit Michael Sheen und Frank Langella als „Frost / Nixon“ verfilmt. © Universal Pictures/dpa

Von Beatrice Fischer

Da war es wieder, das Feldgeschrei. Aus dem Grüppchen von der Anmut eines Bollerwagenausfluges tönte erneut die alte Mär von der „gesteuerten Lügenpresse“ über den Dresdner Neumarkt, kaum dass die ersten Reporter an ihren Kamera-Objektiven schraubten. Dass Journalisten während des zweihundertsten Treffens von Pegida am 17. Februar diesen Jahres vor Ort waren, um schlicht ihrer Arbeit nachzugehen und zu dokumentieren, wie Pegida-Anhänger es mit der Freiheit anderer Meinungen halten, dürfte zwar selbst rechten Kundgebungsbeteiligten klar gewesen sein. Geändert hätte das an deren Feindbild leider nichts.

Für Journalisten ist Sachsen laut dem Europäischen Zentrum für Pressefreiheit (ECPMF) das gefährlichste Bundesland. Seit 2015 gab es hier 55 tätliche Angriffe auf Reporter. Verbale und gewalttätige Attacken scheinen in eine beschämende Normalität übergegangen.Dass insbesondere Verschwörungstheoretiker die vermeintlich „gleichgeschalteten Massenmedien“ auch an der Ausbreitung des Coronavirus beteiligt glauben, überrascht schon fast nicht mehr.

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Allerdings: Solchen Intermezzi mit einer blühenden Phantasie steht derzeit ein gewaltiges Interesse der Bevölkerung an möglichst verlässlichen Fakten gegenüber. Das hat auch der Onlinebranchendienst Meedia mit jüngst veröffentlichten Zahlen belegt. Sowohl Zeitungen als auch öffentlich rechtliche TV- und Rundfunkanstalten verzeichnen einen phänomenalen Anstieg der Nutzerzahlen. Die Bereitschaft, sich Informationen über digitale Bezahlmodelle einzuholen, stieg überdurchschnittlich stark an. Selbst der klassische Zeitungsverkauf über den Einzelhandel vervielfachte sich deutlich.

Freiheit der Presse zwingend notwendig

Will und kann sich die Zivilgesellschaft eine zunehmende Bedrohung der Pressefreiheit also wirklich leisten? Zu Herausforderungen des Journalistenberufes, nicht zuletzt hinsichtlich eines reanimierten Rechtsradikalismus, macht sich Alexandra Borchardt seit vielen Jahren Gedanken. Diese hat sie in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Mehr Wahrheit wagen. Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht“ zusammengefasst. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Als Anlehnung an einen Slogan der AFD ist der Buchtitel nicht zu verstehen. „Bei der Wahl des Titels dachten wir an Willy Brandts, „mehr Demokratie wagen“, keinesfalls an die AfD…. ich persönlich wäre sehr dagegen, wenn die AfD den schönen Begriff Wahrheit für sich reklamieren könnte.“

Alexandra Borchardts klarer Appell im Buch: Für den Fortbestand von Demokratie und öffentlicher Ordnung bleibt die Freiheit der Presse zwingend notwendig und ihre Errungenschaft ist auch in Deutschland nicht hoch genug einzuschätzen. 

Alexandra Borchardt, die unter anderem sechs Jahre lang als Chefin vom Dienst der Süddeutschen Zeitung fungierte, illustriert das in ihren Ausführungen mit nachvollziehbaren Beispielen, beruft sich auf international erfahrene, alltagserprobte Reporter und Medienschaffende.

„Wir können alle unseren eigenen Account in den sozialen Netzwerken haben. Aber wenn Lokalzeitungen ausgehöhlt oder ganz abgeschafft werden, verlieren die Menschen eine gemeinschaftliche Stimme. Sie empfinden Wut, fühlen sich nicht beachtet und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie bösartigen Gerüchten Glauben schenken.“, zitiert Borchardt beispielsweise den britischen Kommunikationsforscher Martin Moore.

Debattenbeherrschend auch im Netz

Journalisten werden in Borchardts Buch diskutierbare Anregungen finden, wie diese gemeinschaftliche Stimme in Zukunft zu gewährleisten ist. Aufschlussreich sind die Schwächen, die die Autorin in der von vielen Rezipienten wohl als „elitär und abgehoben“ empfundenen Presselandschaft ausgemacht hat.

So ergründet sie etwa, ob sich sogenannte „bildungsferne Schichten“ von Medienmachern verstanden fühlen. Sie hinterfragt Sinn und Widersprüchlichkeit von Datenanalysen zum Leserverhalten ebenso wie die Existenz etwaiger Filterblasen. Und sie erörtert den Einfluss von Algorithmen finanzmächtiger Plattformen, wie sie bei Facebook oder Google zur Anwendung kommen.Die Digitalisierung, die in allen Redaktionen der Welt neue Ideen in der Arbeitsweise erforderlich machte, mag die Autorin nicht verdammen. 

Mit der Geschwindigkeit, in der Informationen heute vom Publikum abrufbar sind, könne es der gute, alte Journalismus nicht mehr aufnehmen und auch die erwünschte Pluralität der Nachrichten im Netz sieht Borchardt positiv. „Allerdings unterschätzen viele, die von neuen Kommunikationsformen verunsichert sind, welchen Einfluss traditionelle Medien noch immer haben. Die Forschung hat ein ums andere Mal ergeben: In den sozialen Netzwerken beherrschen sie nach wie vor die Debatte.“ Aktivismus, Tempofalle, Vertrauenskrise, Burnout und natürlich: die Krise der Geschäftsmodelle.

Es gibt wohl keinen Nachrichtenkanal, der mit diesen Hürden nicht schon konfrontiert worden wäre oder schlimmstenfalls an ihnen scheiterte. Und damit nicht genug. Auch auf künstliche Intelligenz und Roboter-Journalismus geht Borchardt ein, wenn sie die wackligen Schollen beschreibt, auf denen Journalisten heute und zukünftig die Balance und ihre berufliche Verantwortung nicht verlieren dürfen. Vermutlich wird sich jede reflektierende Redaktion also in irgendeiner Weise in Alexandra Borchardts Buch verorten können.

Pressefreiheit ist nicht verhandelbar

Die Autorin erinnert gleichwohl daran, welchen Interessen ein Redakteur gewissermaßen als Gutachter des Gemeinwesens verpflichtet ist. Das Publikum sei als mündiges Gegenüber zu verstehen, Reporter müssten zuhören und investigativer arbeiten. Dass sie dabei Haltung zeigen sollten, wenn Freiheitsrechte- und Demokratie, also auch die Grundlagen der Pressefreiheit bedroht sind, ist für die Autorin nicht verhandelbar. „Das Buch soll idealerweise dazu beizutragen, das Vertrauen zwischen Bürgern und Journalisten zu stärken, so dass sie sich als Verbündete, nicht als Gegner verstehen.“

Als kleines, tägliches Leitbild jedenfalls dürfte die Lektüre in den Redaktionen ganz sicher dafür sorgen, den Beruf des Journalisten wieder als das zu sehen, was er ist: ziemlich großartig. Und dass Leser und Nutzer die Vertrauensbildung dann auch jenseits von Corona wohlwollend quittieren, ist unserer Demokratie und uns allen nach wie vor sehr zu wünschen.

Alexandra Borchardt: Mehr Wahrheit wagen. Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht. Duden- Verlag, 224 S., 18 Euro

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