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War Adolf Hitler ein Linker?

Der Historiker Brendan Simms meint, den Diktator neu bewerten zu müssen. Doch er taucht nicht tief genug in die Psyche des Nationalsozialisten ein.

Adolf Hitler mit seinem Hund
Adolf Hitler mit seinem Hund © UPI / dpa

Von Michael Bittner

Bei Lesern, die sich für die deutsche Geschichte interessieren, stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und nehmen oft ein ganzes Brett in Beschlag: die Hitler-Biografien. Da es inzwischen schon so viele von ihnen gibt, müssen Autoren, die eine weitere vorlegen, Neuigkeiten versprechen. Der irische, in Cambridge lehrende Historiker Brendan Simms kündigt sein Buch über Adolf Hitler vollmundig als „globale Biografie“ an, die eine umfassende Revision bislang herrschender Vorstellungen beinhalte. 

Nicht der Hass gegen die Juden und die Furcht vor dem Kommunismus seien es gewesen, die Hitler hauptsächlich angetrieben hätten, sondern vom Anfang bis zur Katastrophe der Wettstreit mit dem „anglo-amerikanischen Kapitalismus“. Simms beherrscht zweifellos seinen Stoff und befindet sich auf dem aktuellen Stand der Forschung. Er bleibt in seiner Erzählung eng bei seinem Protagonisten; Hauptquellen sind die Reden, Gespräche und Schriften Hitlers. Der zeitgeschichtliche Hintergrund wird nur skizziert, geistesgeschichtliche Zusammenhänge spielen fast keine Rolle. 

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Allerdings gelingt es Simms trotzdem nicht, tiefer in die Psyche Hitlers einzudringen. In der Sache konzentriert sich Simms auf die Außenpolitik, die Biografie zeigt sich auch deshalb oft als recht konventionelle Ereignisgeschichte. 

Hitler ahmte die USA auch nach

Der Auftakt des Buches ist bemerkenswert. Simms erzählt, wie der Gefreite Adolf Hitler im Ersten Weltkrieg von den frisch auf den Schlachtfeldern eingetroffenen amerikanischen Truppen beeindruckt wird. Mit zwei Gefangenen trifft er auch persönlich zusammen. Noch viel später wird Hitler von diesen „groß gewachsenen Menschen“ schwärmen, „Menschen unseres eigenen Blutes, die wir selbst jahrhundertelang abgeschoben hatten und die jetzt bereit waren, das Mutterland selbst in Grund und Boden hineinzutreten.“ Hitlers Verhältnis zu den USA und zum Vereinigten Königreich erweist sich immer wieder als „Hassliebe“: Er sah in den Briten und den Amerikanern germanische Blutsverwandte und bewunderte ihre ökonomische, technische und militärische Macht. In manchen Bereichen, etwa in der Filmindustrie und im Autobau, ahmte er die USA sogar nach. 

Seine Ostpolitik konzipierte er als deutsche Alternative zum britischen Kolonialismus. Hitler wollte aus dem niedergeschlagenen Deutschland zwar eine ebenbürtige Weltmacht formen, bemühte sich jedoch lange darum, einen Krieg mit den schon herrschenden „Angelsachsen“ zu vermeiden. Einzelne Nazi-Sympathisanten wie der amerikanische Industrielle Henry Ford oder der britische Faschist Oswald Mosley nährten solche Hoffnungen. Das Nazi-Regime versuchte, deutschstämmige Auswanderer und später sogar deutschamerikanische Kriegsgefangene zur Rückkehr ins Reich zu überreden – allerdings ohne Erfolg. 

Dass die Angelsachsen und sogar die Deutschamerikaner nicht der Stimme des Blutes gehorchten, sondern ihr Leben für die Demokratie einsetzten, konnte sich der im Rassenwahn befangene Hitler nur durch jüdische Manipulation erklären. 

Politische Schlagseite

Ärgerlich an Simms Buch ist die allzu deutliche politische Schlagseite. „Wer nicht über Hitlers Antikapitalismus reden möchte, sollte auch über seinen Antisemitismus schweigen“, schreibt Simms, um Max Horkheimers bekanntem Diktum zu widersprechen: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ 

Um sein Ziel zu erreichen, nimmt der Historiker leider Hitler beim Wort, statt seine Propaganda kritisch zu analysieren. Dass Hitler, wenn er gegen den „Kapitalismus“ wetterte, stets nur das „internationale Finanzjudentum“ meinte, wird aber schon dadurch bewiesen, dass er mit den deutschen Kapitalisten bestens auskam, wie Simms selbst nebenbei einräumt. Hitlers vermeintlicher „Sozialismus“ war tatsächlich nichts als Nationalismus und passte mit der Zerschlagung der Gewerkschaften und der Entrechtung der Arbeiter bestens zusammen, über die Simms sich ausschweigt. Die gewaltige Propagandaschlacht des Nationalsozialismus gegen „die bolschewistische Gefahr“ wird kaum einmal erwähnt. Sogar der Vernichtungsfeldzug im Osten soll sich „in erster Linie nicht gegen die Sowjetunion“ gerichtet haben, „sondern gegen das britische Empire“. Die dreißig Millionen sowjetischen Opfer Hitlers wären vielleicht anderer Meinung. 

Nicht nur der Antimarxismus, sondern auch der Antisemitismus wird von Simms kaum näher untersucht und zur Nebensache erklärt. Hitler sei erst „wegen seines Hasses auf die kapitalistischen anglo-amerikanischen Mächte zum Antisemiten“ geworden. Aber wie kann jemand „die Juden“ für den Kapitalismus verantwortlich machen, der nicht schon Antisemit ist? Und wenn Hitler tatsächlich nicht zuerst vom Antisemitismus, sondern von der Angst vor Angloamerika umgetrieben wurde, wieso hat er auf die brutale Verfolgung der Juden nicht einfach verzichtet, die der Hauptgrund dafür war, dass alle westlichen Staaten zu Feinden des Nationalsozialismus wurden, selbst jene, die durchaus mit dem Faschismus als Bündnispartner gegen den Bolschewismus liebäugelten?

Simms Buch beruht letztlich auf einem intellektuellen Anfängerfehler: Er betrachtet sein Objekt aus einem ungewohnten Blickwinkel und bildet sich darauf ein, den Gegenstand zum ersten Mal in wahrer Gestalt zu erblicken. Ein neues Hitler-Bild gewinnt Simms so in der Tat, aber kein vollständiges, sondern ein verzerrtes. Da seine Biografie zu vielen Phasen und Aspekten von Hitlers Leben außerdem überhaupt nichts Neues zu sagen weiß, gibt es keinen triftigen Grund, das eigene Bücherregal mit diesem Wälzer zu belasten.

Brendan Simms: Hitler. Eine globale Biografie. München: DVA, 2020, 1.056 Seiten, 44 Euro

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