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Neue Strahlentherapie macht Krebs-Patienten Hoffnung

Die Uniklinik Dresden ist eines von fünf Zentren, die Tumore mit Protonen behandelt. Die Kasse zahlt aber nicht für alle.

Wie geht’s? Klinikdirektorin Professor Mechthild Krause und Patient Kay Hochstetter treffen sich zwei Jahre nach der Behandlung im Bestrahlungsraum des OnkoRay-Zentrums des Dresdner Uniklinikums wieder.
Wie geht’s? Klinikdirektorin Professor Mechthild Krause und Patient Kay Hochstetter treffen sich zwei Jahre nach der Behandlung im Bestrahlungsraum des OnkoRay-Zentrums des Dresdner Uniklinikums wieder. © Jürgen Lösel

Früher, sagt Kay Hochstetter, war er ein anderer Mensch. Ungeduldig, aufbrausend, hart gegen sich selbst und immer da für andere. Heute sei er eher weich, reflektierend, dankbar. Auch Selbstliebe habe er gelernt. „Was eine Krankheit aus einem Menschen so machen kann“, meint der selbstständige Fotograf aus Bedburg, einer Kleinstadt bei Köln. Und wundert sich immer noch selbst darüber.

Die Krankheit, von der Hochstetter spricht, heißt Zungengrundkarzinom. Ein bösartiger Tumor im Mundrachen. Die Diagnose bekam er vor ziemlich genau zwei Jahren. Der Krebs hatte sich offenbar lange Zeit unbemerkt ausbreiten können. Bis der damals 61-Jährige bei einem Restaurantbesuch plötzlich ungewohnte Schluckbeschwerden bekam. Bei der Untersuchung war der Tumor bereits an die drei Zentimenter groß. Außerdem war die Stelle mit Humanen Papillomviren (HPV) infiziert.

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Die Ärzte in Neuss folgten der Leitlinie und empfahlen eine Kombination aus Photonenbestrahlung und Chemotherapie, wobei auch die Lymphknoten bestrahlt werden sollten. Doch der Patient scheute die Chemo und holte eine Zweitmeinung ein. An der Uniklinik Marburg riet man ihm zu einer Operation. Das wollte Hochstetter erst recht nicht: „Im Internet berichteten Patienten von einem schweren Leidensweg mit erheblichen Nebenwirkungen.“ Nach einer erfolglosen Anfrage in Essen versuchte er sein Glück schließlich in Dresden – und spürte sofort, dass er hier richtig war: „Da hat eine höhere Macht mein Schicksal bestimmt“, sagt er.

Die Experten des hiesigen Universitätsklinikums sahen die Chance, dem Mann mit einer vergleichsweise neuen Bestrahlungsmethode zu helfen – der Protonentherapie. Dabei wird ein gebündelter Strahl aus Protonen auf den Tumor gelenkt. Die Protonen zerstören die DNA des Tumors. „Im Gegensatz zur Photonentherapie wird das umgebende gesunde Gewebe geschont“, erklärt Professor Mechthild Krause, Leiterin der Klinik für Strahlentherapie.

Die Bestrahlung selbst dauert nur wenige Sekunden, aber die Vorbereitung jedes Mal eine halbe Stunde oder sogar länger.
Die Bestrahlung selbst dauert nur wenige Sekunden, aber die Vorbereitung jedes Mal eine halbe Stunde oder sogar länger. © Jürgen Lösel

Dresden ist eines von nur fünf Zentren in Deutschland, die die Protonentherapie anbieten. Das liegt vor allem an den immensen Kosten: „Die Technik ist teuer – in der Anschaffung und im Betrieb“, sagt Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums. Deshalb habe man fünf Jahre lang diskutiert, ehe man die Entscheidung für die Investition traf. Rund 50 Millionen Euro kosteten Geräte und Gebäude, ein Teil wurde mit Fördergeldern finanziert. Dazu kommen jedes Jahr mehrere Millionen Euro für Strom, Personal und Wartung.

Bereits 1.000 Patienten behandelt

Das Herzstück befindet im gut gesicherten Keller des OncoRay-Zentrums unweit der Elbe und macht einen ziemlich futuristischen Eindruck: Eine runde Kammer mit einer großen rechteckigen Box, die sich um den auf einer Liege platzierten Patienten bewegt. Ein Zyklotron erzeugt den Protonenstrahl, beschleunigt ihn und lenkt ihn gezielt auf den Tumor. Das Ganze dauert gerade mal 40 bis 60 Sekunden, die Vorbereitung jedoch ein Vielfaches länger. Alle 30 Minuten ist ein neuer Patient an der Reihe. Albrecht: „Die Abläufe müssen strategisch klug geplant werden.“ Zumal die Anlage nicht nur von Medizinern, sondern auch von Forschern des Helmholtz-Zentrums genutzt wird.

Physiker berechnen für jeden Patienten die Dosis und die Richtung der Strahlung. Um die Zielgenauigkeit zu erhöhen, befinde man sich weltweit in einem intensiven Austausch mit anderen Zentren, sagt Krause: „Bisher kann man leider noch nicht messen, wo der Strahl ankommt.“ Man sei aber dabei, eine Methode zu finden. Ein anderes Forschungsprojekt ist die Entwicklung kleinerer Gerätetechnik – „vielleicht in Schrankgröße“, wie Albrecht sagt.

Die Dresdner Anlage ging Ende 2014 in Betrieb. Seitdem wurden 1.000 Patienten behandelt, allein im vergangenen Jahr waren es 255. „Mehr geht nicht“, sagen die Mediziner, obwohl man schon in zwei Schichten arbeitet.

Für welche Krebstherapie ist die Behandlung geeignet?

In der Nacht wird die Technik gewartet. Deshalb denke man bereits über einen oder zwei weitere Behandlungsplätze nach, so Albrecht. Die Co-Direktorin des Therapiezentrums, Professor Esther Troost, berichtet von einem ausgeklügelten System, um möglichst viele Patienten bestrahlen zu können – von der Diagnostik über die Behandlungsplanung bis zur Bestrahlung selbst. Bisher habe man noch niemanden aus Kapazitätsgründen abweisen müssen, ergänzt Krause.

Doch ist die Protonentherapie überhaupt für alle Krebspatienten geeignet? Auch dieser Frage gehen die Mediziner und Forscher in Dresden nach. Deshalb würden nahezu alle Patienten mit Studien begleitet, sagt Krause. Und Albrecht betont: „Die Protonentherapie muss anderen Behandlungen überlegen sein, also bei gleichem Nutzen weniger Schaden anrichten.“

Für die meisten Krebserkrankungen liegen noch nicht genügend klinische Daten vor. Auch das Dresdner Protonenzentrum hat noch keine Studie abgeschlossen, sagt die Klinikdirektorin. Als Beispiel nennt sie klinische Studien zur Wirksamkeit bei Hirntumoren von Erwachsenen. In einer Untersuchung werden die Effizienz und die Nebenwirkungen bei klinischen Standarddosen überprüft. In einem anderen Projekt werden Effizienz und Nebenwirkungen von Protonen- und Photonentherapie miteinander verglichen. Weitere Studien beschäftigen sich mit der Anwendung der Protonentherapie bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich sowie bei Prostata-, Leber- und Bauchspeichelkarzinomen.

Die Behandlung funktioniert bei Hirntumoren, wie auf dem Bild zu sehen, gut, da das umliegende Gewebe weniger beschädigt wird als bei der herkömmlichen Bestrahlung.
Die Behandlung funktioniert bei Hirntumoren, wie auf dem Bild zu sehen, gut, da das umliegende Gewebe weniger beschädigt wird als bei der herkömmlichen Bestrahlung. © Wikimedia Commons

Auch wenn die Ergebnisse noch vorläufigen Charakter haben: Bei einigen Patientengruppen habe man bereits Vorteile nachweisen können – etwa bei bestimmten Tumoren in der Nähe der Schädelbasis und verschiedene Kinder-Tumoren, insbesondere im Hirn. Eher schwierig sei die Bestrahlung von Tumoren, die sich stark bewegen, beispielsweise in der Lunge, räumt Krause ein. Und keinen Sinn mache die Therapie, wenn die Krankheit nicht heilbar ist. Künftig wolle man auch ausgewählte Patientengruppen mit besonders aggressiven Erkrankungen in Studien einschließen, um den Tumor mit einer erhöhten Dosis der Protonenstrahlen zu bekämpfen.

„Auch nach gut fünf Jahren gibt es immer noch viele Fragen über die Chancen und Grenzen der Protonentherapie“, sagt Esther Troost. Die Strahlentherapeutin ist für die Hotline verantwortlich, die von dem Protonentherapiezentrum betrieben wird. Anfragen von Ärzten und Patienten würden in der Regel innerhalb von 24 Stunden beantwortet. Dabei gehe es nicht nur um die Eignung für die Therapie. Häufig steht auch die Frage der Bezahlung im Raum. Ein Behandlungszyklus mit 35 Bestrahlungen koste im Durchschnitt rund 30.000 Euro, sagt Michael Albrecht. Dies decke in etwa die Kosten. Aber: „Die Protonentherapie ist noch keine Regelleistung der Krankenkassen.“

Kostenübernahme zunächst abgelehnt

Aus diesem Grund habe das Uniklinikum Verträge mit der AOK Plus und dem Verband der Ersatzkassen (TK, Barmer, DAK u. a.) abgeschlossen. Damit könnten Versicherte der großen Kassen bei bestimmten schwerwiegenden onkologischen Erkrankungen auch diese Therapieform ohne aufwendiges Antragsverfahren in Anspruch nehmen.

Dass das in der Praxis nicht immer so glatt läuft, weiß Kay Hochstetter aus Nordrhein-Westfalen aus eigener Erfahrung. Seine Krankenkasse, die Barmer, hatte die Übernahme der Kosten zunächst abgelehnt: „Ich hatte den falschen Tumor.“ Um keine Zeit zu verlieren, zahlte Hochstetter die Hälfte – in diesem Fall 13.000 Euro – erst einmal aus eigener Tasche. Gleichzeitig unterstützten ihn die Dresdner Ärzte beim Widerspruchsverfahren. Mit Erfolg.

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Erfolgreich ist auch die Behandlung verlaufen. Im Frühjahr 2018 hatte sich Hochstetter sieben Wochen lang der Bestrahlung unterzogen. Jetzt kommt er noch alle drei Monate zur Nachuntersuchung nach Dresden. Alles in Ordnung, bescheinigten ihm die Ärzte in der vergangenen Woche. Keine Mundtrockenheit, keine Geschmacksirritationen. Und er sei mental gut drauf, sagt der Patient. Eben ein anderer Mensch.

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