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Nicht ohne meine Antennen

Der Niederauer Karl-Heinz Gottschalk pflegt besondere Kontakte. Über Funk, bis nach Sizilien. Ganz legal.

So wird’s was mit der Funkerei. Karl-Heinz Gottschalk aus Niederau arbeitet an der Antennenanlage, hier an der Reflektorwandantenne, auf dem Garagendach seines Grundstücks.
So wird’s was mit der Funkerei. Karl-Heinz Gottschalk aus Niederau arbeitet an der Antennenanlage, hier an der Reflektorwandantenne, auf dem Garagendach seines Grundstücks. © Norbert Millauer

Niederau.  Du Omi, ist das hier die Armee? Der Junge auf dem Beifahrersitz des Kleinwagens staunt. Über einen Garten auf der Grenzstraße in Niederau mit hohen Masten und langen Drähten. Die Omi weiß damit auch nicht so richtig was anzufangen, schaut trotzdem noch mal genau hin. Was das wohl alles für einen Sinn haben mag?

Karl-Heinz Gottschalk (60) kennt die fragenden Blicke. Einst lebte er mit seinen Eltern in dem Haus am Ortsrand. Seit sie verstorben sind, wohnt der gelernte Teilezurichter allein hier. Mit seinem Hobby, dem Bau von Antennen. 22 solcher Sende- und Empfangseinrichtungen stehen am Haus. Darunter vier aktive Sendeantennen für CB-Funk, auch eine Marconi-Antenne, jüngst beim Sturm umgekippt.

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Bei Guglielmo Marconi kommt der 60-Jährige ins Erzählen. Mit dem Radio-Pionier und Erfinder der drahtlosen Telegrafie kennt er sich ebenso aus wie mit Heinrich Hertz, der vor etwa 130 Jahren erstmals Radiowellen im Experiment nachwies. Und damit zu den Grundlagen beitrug, ohne die es auch die Kurzwellen-Reusenantenne auf der Garage nicht geben würde, um im CB-Funk zu arbeiten. Dem hat sich der Niederauer nämlich ebenfalls verschrieben. Eine Jedermannfunkanwendung, für Sprechfunk im oberen Kurzwellenbereich, kostenfrei zu nutzen. Die Reflektorwandantenne aus Armeebeständen wiederum sorgt in ihrem zweiten Leben, nun ganz zivil, für Radio- und Fernsehempfang.

Alles Eigenbau, aber keine Eigenkreationen, sagt Karl-Heinz Gottschalk und verweist auf seine „Bibeln“, die Antennenbücher des in Fachkreisen bekannten Funkamateurs Karl Rothammel. Der Antennenbau: Gottschalks Passion seit Jugendjahren. Als zu DDR-Zeiten im Tal der Ahnungslosen um Leipzig und Dresden Westfernsehen begehrt war, aber nur inoffiziell zu empfangen, mit Westantenne. Der junge Gottschalk interessierte sich sehr dafür, wie sich mittels Ochsenkopfantenne – wegen des Senders auf dem oberfränkischen Berg – Fernsehsignale heranholen lassen. Der Grundwehrdienst als Wartungsmechaniker auf einer Radarstation kam dem Hobby ebenfalls zugute. Er könne jede militärische Antenne für den Zivilbereich umbauen, ist sich der Funkbegeisterte sicher.

Inzwischen flimmern ARD und ZDF legal auf dem Bildschirm, doch Gottschalks Antennen sind weiter ein Hingucker. Ihr Erbauer weiß, dass sich viele Gerüchte um sie ranken. Mancher Mitmensch deutet die Bastelleidenschaft auf seine Weise. Zum Abhören des Polizeifunks und artverwandter Sender seien die Antennen eingerichtet, sie dienten der Zusammenarbeit mit Landeskriminalamt und Verfassungsschutz, vor der Wende sei Gottschalk gar bei der Staatssicherheit gewesen.

Ins Gesicht habe ihm das noch niemand gesagt, zu Ohren gekommen sind ihm die Spekulationen schon, sagt der 60-Jährige und weist das alles energisch zurück. Damit habe er nie was im Sinn gehabt. Aber die bösartigen Unterstellungen führten sogar schon die Behörde zu ihm, ist sich der sportlich-schlanke Mann sicher. Vor nicht allzu langer Zeit klingelten zwei Herren von der Bundesnetzagentur. Wollten sich überzeugen, dass alles ordnungsgemäß zugeht bei Antennen, Amateur- und CB-Funk. Ihr Protokoll verzeichnet weder technische Mängel noch Gefahr für Leib und Leben, beispielsweise durch die elektromagnetische Strahlung, oder verbotene Technik.

Auch mobil unterwegs ist er mit seinem Hobby, hat eine CB-Funkanlage auf den Gepäckträger seines Fahrrads montiert.  
Auch mobil unterwegs ist er mit seinem Hobby, hat eine CB-Funkanlage auf den Gepäckträger seines Fahrrads montiert.   © Norbert Millauer

Obwohl der Hobbyfunker beruhigt ist, weil er es sogar von oben hat, nichts Unerlaubtes zu machen, ist ihm der Amtsbesuch Anlass, sich noch intensiver mit dem Rechtsrahmen für sein Tun zu beschäftigen. Er nimmt sich sämtliche Gesetze zu Funk und Amateurfunk vor. Einige hat er jederzeit zur Hand. Sie finden sich wie Basis-Literatur zur Funkerei in einem speziellen Raum. Gottschalks Augen leuchten, als er sich dahin aufmacht. In sein Allerheiligstes, das Funkerzimmer. Auch hier wieder Antennen, deutlich kleiner als vorm Haus. Funkgeräte, Rundfunkempfänger aus den 60er-, 70er-Jahren. Alles funktioniert, stammt wie das Material für die Antennen von Wertstoffhöfen und Recyclingfirmen.

Gottschalk schaltet das CB-Funkgerät ein, drückt die CQ-Taste. Bedeutet: Ein allgemeiner Anruf. Dann die direkte Anrede: Hier spricht die Schwarze Mamba, ist jemand QRV, also in Bereitschaft? Wie weit er mit seinem Ruf kommt, hängt auch von der Raumwelle ab. Die breitet sich bis in die Ionosphäre aus, wird reflektiert, führt zur Erde zurück, ermöglicht Sprünge bis 1.200 Kilometer. Erreicht sein Signal sie, trifft Gottschalk schon mal einen russischen oder lettischen Teilnehmer an. Vnimanie, Vnimanie, dorogie drusja. Achtung, Achtung, liebe Freunde. Hier ist Karl-Heinz. Die Vokabeln sitzen.

Über eine der Raumwellen, die sich von Mai bis Mitte September über Europa öffnen, ist er bereits im russischen Taxifunknetz gelandet, als in Sankt Petersburg eine Lena gerade eine Taxe anfordert. Auch Stationen in England, Mazedonien, Sizilien lassen sich auf diese Weise ansprechen. Im November eher nicht. Und heute Vormittag bleibt es sowieso ruhig im Äther.

Während Gottschalk im CB-Funk zu günstigeren Tageszeiten mit anderen Teilnehmern oft und gern redet, darf er beim Amateurfunk nur mithören, eine Amateurfunklizenz besitzt er nicht. Würde er trotzdem aktiv werden, drohen drakonische Strafen. Absägen der Antenne, Einziehen des Geräts. Deshalb hat er die Sprechtaste gleich entfernt. Die Amateurlizenz kostet so viel wie eine Fahrerlaubnis, verlangt noch viel mehr Theorie-Wissen.

Zuhören macht ebenfalls Spaß, fürs Reden hat er ja den CB-Funk. Auch wenn da im Moment keine Unterhaltung zustande kommt, das Krachen und Quietschen aus dem Gerät aufs Ohr drückt – in dem kleinen Funkerraum entsteht eine Anmutung von weiter Welt, von fast magischer Ferne. Die Freude darüber, über große Strecken Kontakte aufbauen zu können, ist Gottschalk allein beim Erzählen anzusehen.

Auch kleinere Reichweiten haben ihren Reiz. Doch die Deutschen kommen erst abends, nach der Arbeit, an ihre Funkgeräte, weiß Karl-Heinz. Und worüber reden sie dann? Natürlich über die Technik, die Funkerei. Ab und an über ganz Persönliches, über Zipperlein, Gesundheitsprobleme. Ist ihm etwas zu viel, schaltet der Niederauer schon mal ab. Wie jetzt – weil um diese Vormittagsstunde die Gesprächspartner ausbleiben. Und weil er noch seine neueste Errungenschaft vorstellen will: eine Fahrradantenne. Schnell schiebt er das Rad raus aus dem Schuppen. Hier ist alles dran. Funkgerät, Stromversorgung, Transformator. Damit war er schon weit über seinen Stammsitz hinaus unterwegs. So auf der Radeburger Straße in Gröbern, wo er sich durchs Elbtal bis nach Heidenau verständigt hat. Das Beste: Er kann auch im Fahren sprechen, sozusagen als Zweiradfunker.

Wer neugierig geworden ist und noch mehr wissen will über die Funkerei, der kann sich bei ihm melden: Karl-Heinz Gottschalk, 01689 Niederau, Grenzstraße 17

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