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Notruf landet in der Warteschleife

Überfall-Opfer klagen, dass unter 110 eine Band-Ansage zu hören ist – minutenlang. Liegt das an Sparmaßnahmen?

Von Anna Hoben

Es ist schon dunkel, als Anja Müller* am 26. Oktober gegen 18.10 Uhr mit dem Schienenersatzverkehr aus Dresden am Busbahnhof in Meißen ankommt. Die junge Frau steigt aus und läuft in Richtung Ratsweinberg, drei Männer folgen ihr. An der Ecke Großenhainer Straße/Ludwig-Richter-Straße drängen die Männer sie in eine dunkle Ecke. Sie halten sie fest und fangen an, sie auszuziehen. Anja Müller wehrt sich heftig, dabei knallt sie mit dem Kopf auf die Straße. Dann fängt ein Hund an zu bellen. „Das war ihr Glück“, wird ihr Lebensgefährte Jörg Schmidt* im Nachhinein sagen. Die Männer lassen von der Frau ab und flüchten.

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Jörg Schmidt ist immer noch aufgewühlt. „Sie ist fast vergewaltigt worden“, sagt er. Als seine Lebensgefährtin zu Hause ankam, sei sie halb ausgezogen gewesen, die Kleidung teils zerrissen. Um 18.42 Uhr wählt er den Polizeinotruf 110 – und landet in einer Warteschleife. „Eine Stimme sagte, dass alle Leitungen besetzt sind.“ Schmidt legt auf und versucht es wieder. Mit dem gleichen Ergebnis. So geht es vier Mal. Dann endlich kommt er durch. Es ist inzwischen 18.49 Uhr, sieben Minuten später. Nachdem er geschildert hat, was passiert ist, treffen gegen 19.05 Uhr zwei Polizeibeamte vom Meißner Revier ein. Kurz darauf kommt ein Rettungswagen, der die Frau ins Krankenhaus fährt. Dort habe sich die Untersuchung und Bearbeitung bis 23.30 Uhr hingezogen, sagt Schmidt.

Er ist wütend. Vor allem auf die Polizei, weil es so lange dauerte, bis sie den Notruf entgegennahm. Am 31. Oktober schickt er eine Beschwerde an den Leiter der Dresdner Polizeidirektion Dieter Kroll. Die Antwort kommt einen Monat später, am 28. November. „Ich bedaure die ungewöhnlich lange Wartezeit“, schreibt der Polizeipräsident. „Diese ist für die Entgegennahme der Notrufe nicht typisch, jedoch in Schwerpunktzeiten nicht auszuschließen.“

Kein Streifenwagen zur Verfügung

Der Anrufer sei sogar selbst mit daran Schuld: weil er mehrmals auflegte und neu wählte. „So landet man jedes Mal wieder hinten in der Warteschlange“, erläutert der Leiter des Direktionsbüros Thomas Herbst. „Hätte er beim ersten Mal gewartet, hätte es vielleicht zwei, drei oder vier Minuten gedauert.“ Der erfolgreiche Notruf sei schließlich innerhalb von 18 Sekunden angenommen worden.

Der Fall von Anja Müller und Jörg Schmidt ist nicht der einzige in letzter Zeit. Wenige Tage zuvor war in Meißen die Inhaberin eines Weingeschäftes vor ihrem Laden brutal überfallen worden. Nachdem die Täter geflüchtet waren, wählte auch sie den Notruf – und landete in der Warteschleife, nach eigenen Angaben fünf bis sechs Minuten. Der Chef des Meißner Polizeireviers Hanjo Protze sagte damals auf Anfrage der Sächsischen Zeitung: „Die Zeiten sind vorbei, dass Sie sofort einen Disponenten erreichen.“ Als die Anruferin schließlich durchkam, sagte man ihr, es stehe kein Streifenwagen zur Verfügung. Sie solle selbst zum Revier kommen.

Alle Notrufe aus dem Landkreis Meißen landen zunächst im Lagezentrum auf der Stauffenbergallee in Dresden. Dort nehmen vier bis sechs Beamte die Notrufe aus dem Bereich Oberes Elbtal/Osterzgebirge entgegen, wie der Leiter des Direktionsbüros Thomas Herbst erklärt. Anschließend verteilen sie die zur Verfügung stehenden Fahrzeuge in dem jeweiligen Bereich.

Ein Beamter im Lagezentrum also pro 100 000 Einwohner, das sei die Regel, sagt Herbst. „Und normalerweise reicht die Besetzung aus.“ Manchmal aber eben auch nicht: etwa während des Tornados in Großenhain – oder an jenem Abend Ende Oktober, als Anja Müller vom Bahnhof nach Hause gehen wollte.

„Der Notruf ist hin und wieder Gegenstand von Beschwerden“, sagt Thomas Herbst. Meist gehe es dabei um überlange Wartezeiten. Alle Fälle würden geprüft – zwei Drittel der Beschwerden seien jedoch unbegründet. Dass es neuerdings eine Häufung gebe, kann Herbst nicht bestätigen. Die Wartezeiten seien auch nicht auf Personalmangel aufgrund der Polizeireform zurückzuführen. „Wir sind als Polizei handlungsfähig.“ Wie es sich auswirken wird, wenn der Personalabbau richtig begonnen hat, bleibt abzuwarten.

Keine unmittelbare Fahndung

An jenem Abend, als seine Lebensgefährtin knapp einer Vergewaltigung entkam, habe die Polizei keine Anstalten gemacht, nach den Tätern zu fahnden, klagt Jörg Schmidt weiter. Polizeipräsident Kroll entgegnet, das liege daran, dass die Befragung des Opfers nicht zu einer „erfolgversprechenden Personenbeschreibung und Fluchtrichtung der Täter“ geführt habe. Deshalb hätten sich die zwei Beamten auf die Sicherung der Beweismittel konzentriert, bevor die Kripo mit hinzugezogen wurde. Sie ermittelt noch immer in der Sache.

Jörg Schmidt will sich damit nicht zufriedengeben. Er hat einen Brief an die Landtagsabgeordnete Karin Strempel (CDU) geschrieben. „Wie kann es sein, dass wir von weiteren Sparmaßnahmen informiert werden, wenn nicht einmal die grundlegendsten Sicherheiten im öffentlichen Bereich abgedeckt sind?“, fragt er. Eine Antwort hat er bisher nicht.

*Namen von der Redaktion geändert.