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PLUS Zittau

Notstand in der Gastronomie

Immer öfter bleiben Restaurants und Biergärten in der Region Löbau-Zittau zu, weil Mitarbeiter fehlen. Die Nachbarn sollen es richten.

© Matthias Weber

Thorsten Egg-Selonny betreibt das Restaurant „Kultuhr“ in der Zittauer Fleischerbastei. Am Mittwoch ist er zwei Stunden eher gekommen, weil er ein Vorstellungsgespräch vereinbart hat. Eine junge Frau von der Hotelfachschule in Ceská Lípa (Böhmisch Leipa) hat sich um eine Stelle als Kellnerin beworben. Egg-Selonny wartet allerdings vergebens. „Vielleicht hat sie Zittau nicht gefunden“, sagt er nicht ohne Sarkasmus. Das Jobcenter informierte ihn in dieser Woche über vier Bewerber, die sich bei ihm vorstellen sollten. „Keiner von denen ist erschienen“, so Egg-Selonny.

Im Juni blieb die „Kultuhr“ drei Wochen lang mittags geschlossen, weil zwei Mitarbeiter krank waren. Zwanzig Jahre lang ist der Wirt ohne Ruhetag ausgekommen, jetzt bleibt das Lokal am Sonntag zu. „Anfragen für Feiern und Gesellschaften kann ich nur noch annehmen, wenn genügend Leute da sind“, sagt er. Vier Mitarbeiter beschäftigt er, gern würde er zwei zusätzliche Kräfte einstellen, aber der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Auch Jens Claus, Inhaber der Zittauer Musikkneipe „Vinyl“ und des „Wirtshauses Zur Weinau“ treibt das Personalproblem um. Er kommentiert die Lage so: „Es bewerben sich nicht mal mehr schlechte Leute.“ Die Gäste der Musikkneipe bekamen das am Jahresanfang zu spüren, denn seither ist das Lokal nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet.

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Andreas Becker, der die Baude auf dem Oderwitzer Spitzberg betreibt, hat in den vergangenen Monaten ebenfalls die Misere zu spüren bekommen. Dabei sah es anfangs noch recht vielversprechend aus: „Zwei Kellner sollten sich für eine Arbeit in der Spitzbergbaude vorstellen. Einer der beiden ist gar nicht erschienen, der andere war nach drei Tagen Arbeit wieder weg“, sagt Becker. Die zurückliegenden Wochen habe er nur dank der Unterstützung von Bekannten oder der Oderwitzer Feuerwehr gastronomisch absichern können, erklärt der Baudenwirt und fügt hinzu: „Das geht auf längere Sicht nicht.“ Besucher der Baude haben für die Notlage des Baudenwirts nicht immer Verständnis. „Als wir den Ruhetag getauscht haben, gab es Leute, die sich darüber beschwerten“, so Becker. Er braucht fünf bis sechs Festangestellte, dazu Aushilfen für Spitzenzeiten. Der Gastronom bemüht sich, neue Arbeitskräfte zu finden, steht mit der Arbeitsagentur, der Industrie- und Handelskammer und dem Branchenverband Dehoga in Verbindung.

In Löbau scheint die Lage nicht ganz so prekär. „Wir sind nicht direkt betroffen, aber qualifiziertes Personal zu finden, ist schwierig“, so ein Mitarbeiter des Restaurants „Zur Guten Quelle.“

Carla Liebisch, Inhaberin des „Alten Kurhauses Lückendorf“ mietet sich in Spitzenzeiten Kellner und Köche bei einer Agentur in Dresden. Die „Mitarbeiter auf Zeit“ kommen tageweise, um in Lückendorf zu arbeiten. Am Sonnabend, wenn in der Wellness-Pension „Midsommar“ gefeiert wird, fährt sie am Nachmittag zum Bahnhof in Zittau, um den gemieteten Kellner abzuholen, der mit dem Zug aus Dresden kommt. Das ist für die Unternehmerin zwar doppelt so teuer, aber sie sieht derzeit keinen anderen Ausweg.

Conrad Siebert vom Regionalverband Dresden des Branchenverbandes Dehoga betreibt das Hotel „Am Berg Oybin“. Den Restaurantbetrieb in seinem Hotel gab er mangels Fachkräften schon vor zwei Jahren auf und stellte auf „Hotel Garni“ um. Das sind Hotels, die nur Frühstück, Getränke und höchstens kleine Speisen anbieten, während der klassische Restaurantbetrieb fehlt. Siebert weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Fachkräfte wegen der Arbeitszeiten am Abend, an Wochenenden und Feiertagen in andere Branchen wechseln. Er fordert von der Politik gegenzusteuern und verlangt, dass der Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie auf sieben Prozent gesenkt wird, so wie bei den Beherbergungsbetrieben. „Das würde den Gastronomen finanzielle Spielräume verschaffen, um den Mitarbeitern mehr zu zahlen“, sagt er. Außerdem beklagt der Branchenvertreter, dass der Abstand bei den Einkommen zwischen Empfängern von Sozialleistungen und denen, die jeden Tag arbeiten, viel zu gering ist. Eine Chance sieht der Oybiner in Kooperationen mit Hotelfachschulen in Polen und Tschechien. Fachkräfte aus den Nachbarländern könnten die Lage mittelfristig entspannen, wenn es gelingt, die Absolventen für die Region zu gewinnen. In einigen Häusern arbeiten bereits Kellner und Köche aus Tschechien. „Eine kurzfristige Lösung wird es aber nicht geben“, so der Hotelier.

Diese Auffassung teilt Thomas Tamme von der IHK-Geschäftsstelle in Zittau. Er berichtet von den Bemühungen der Kammer, Praktikanten aus Liberec (Reichenberg) oder Ceská Lípa (Böhmisch Leipa) in die Region zu holen. Das funktioniere allerdings nur, wenn die Gastronomiebetriebe auch Praktikumsplätze anbieten, so Tamme.

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