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Öko und fair gehandelt – so boomen regionale Produkte

Im Landkreis Görlitz ist die Solidarische Landwirtschaft auf dem Vormarsch. Wie es abläuft, wenn sich eine Gruppe einen Bauernhof teilt.

Odilia Jarman und Florian Schneider befassen sich auf dem Heckenhof mit der Ente vor der Auslieferung.
Odilia Jarman und Florian Schneider befassen sich auf dem Heckenhof mit der Ente vor der Auslieferung. © SZ-Archiv / Pawel Sosnowski

Die „Japanischen Auberginen“ kommen aus Südeuropa. Beim mit Biosiegel versehenem Mini-Romana-Salat in Plastikhülle ist auf dem Etikett Spanien als Herkunftsland angegeben. Einkaufen im Supermarkt: Der Verbraucher verliert immer mehr den Überblick hinsichtlich der Produktionsabläufe. Lebensmittel legen teils tausende Kilometer zurück, bis sie auf dem Teller landen.

In der großen Politik ist darüber eine große Diskussion entbrannt. Tausende Bauern demonstrierten in Berlin und Dresden, Kanzlerin Angela Merkel spricht am Montag mit den großen Lebensmittelhändlern.  Im Kleinen allerdings zeigen sich erste Modelle, wie es anders geht. Im Landkreis Görlitz gibt es Alternativen die transparent, ökologisch sinnvoll, oft biologisch und nachhaltig sind.

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Produziert wird regional. Und das kommt an. „Bei den Leuten hat ein Umdenken stattgefunden“, schätzt etwa Anne Ritter-Hahn ein. Die Vierkirchenerin rief im vergangenen Jahr eine „Schwärmerei“ ins Leben. Das ist eine Kombination zwischen Online-Shop und Bauernmarkt, die Erzeuger und Verbraucher an einem Ort zusammenbringt. „Gestartet sind wir mit 200 Mitgliedern“, erzählt sie.

Innerhalb weniger Monate wuchs die Zahl auf aktuell 447 Mitglieder. Tendenz steigend. Vorbestellt wird im Internet. Da finden Konsumenten Milchprodukte, Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und mehr von im Durchschnitt zwölf bis 15 regionalen Produzenten. Die kommen unter anderem aus Hilbersdorf, Pfaffendorf, Rothenburg oder Tetta. Einmal wöchentlich wird von den Käufern die bestellte Ware zu festgelegten Terminen beim Görlitzer „Nostromo“ abgeholt.

Die Mitgliedschaft kostet nichts

Das Besondere: „Die Erzeuger sind mit vor Ort. Die Kunden können mit ihnen ins Gespräch kommen“, erklärt Anne Ritter-Hahn. Die Mitgliedschaft selbst kostet nichts. Es gibt auch keine Mindestabnahme und keinen Zwang, jede Woche neue Lebensmittel zu kaufen. 66 solcher Schwärmereien gibt es deutschlandweit – mehr als 50 befinden sich dazu in Gründung. Das Konzept kommt an, wie die Melaunerin weiß. „Der Bedarf nach dieser Form des Einkaufens steigt weiter“, sagt sie.

Das erlebt auch die Solidarische Landwirtschaft – kurz SoLaWi – beim Sohländer Heckenhof. Das Prinzip der SoLaWi beruht darauf, dass eine Gruppe einen Bauernhof mit freiwilligen, monatlichen Beiträgen unterstützt. Dafür bekommen die Mitglieder ihre Lebensmittel aus 1. Hand und wissen, wo und wie produziert worden ist. Den Hof lernen die Mitglieder in der Regel selbst kennen, machen bei freiwilligen Arbeitseinsätzen mit und sehen, wie alles wächst und gedeiht.

Anne Ritter-Hahn kommt aus Melaune. Sie bringt Lebensmittelproduzenten aus der Region wie die Arnsdorfer Gärtnerei Jung, die Brotschmiede aus Görlitz, den Lindenhof in Pfaffendorf, die Mühle in Rennersdorf und weitere zusammen.
Anne Ritter-Hahn kommt aus Melaune. Sie bringt Lebensmittelproduzenten aus der Region wie die Arnsdorfer Gärtnerei Jung, die Brotschmiede aus Görlitz, den Lindenhof in Pfaffendorf, die Mühle in Rennersdorf und weitere zusammen. ©  SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

Sachsenweit gibt es nach Angaben vom Netzwerk SoLaWi 19 solcher Zusammenschlüsse sowie eine SoLaWi in Gründung. Im Landkreis Görlitz sind es zwei. 2,5 Hektar Ackerland werden in Sohland so bewirtschaftet. „50 Verbraucher haben dafür Anteile erworben, davon 19 aus Görlitz“, sagt Odilia Jarman vom Heckenhof. Die Anteile kosten Geld – monatlich waren das im Vorjahr durchschnittlich 63,50 Euro. Manche zahlen etwas mehr, manche etwas weniger – je nach Geldbeutel.

„Feldversuch“ mit Süßkartoffeln

Das ist dann Teil des solidarischen Gedankens. Mit dem durch die Mitglieder bereit gestellten Budget stemmen die Betreiber – Odilia Jarman und Florian Schneider - Betriebskosten, Saatguteinkauf, Lohnkosten und andere feste Ausgaben. Dafür erhalten die Unterstützer ökologisch angebautes, regionales und saisonales Gemüse und Obst. In diesem Jahr soll erstmals ein „Feldversuch“ mit Süßkartoffeln (Batate) starten, der Melonenanbau 2019 war bereits von Erfolg gekrönt. Das Prinzip der SoLaWi ebenfalls wie Odilia Jarman bestätigt.

„Es gibt viele Interessenten“, sagt sie. Noch weiter wachsen kann die Sohländer SoLaWi derzeit nicht. Wer mitmachen möchte, darf sich trotzdem gern melden. „Es gibt eine Warteliste“, sagt Odila Jarman. Die zweite solidarische Landwirtschaft im Kreisgebiet betreibt der Lindenhof in Pfaffendorf seit 2017. Neben Gemüse können die Mitglieder Anteile für Brot, Milcherzeugnisse und Fleisch erwerben. Der Fleischanteil beispielsweise kostete 50 Euro im Monat.

Vorbestellungen übers Internet

Dafür gab es 2,5 Kilogramm Fleisch und Wurst. Bei der Görlitzer „Schwärmerei“, im Hofladen und auf Wochenmärkten werden die Lindenhof-Produkte ebenfalls vermarktet und auch beim Verein „Sohland lebt“. In der ehemaligen Bäckerei an der Dorfstraße werden einmal im Monat regionale Erzeugnisse – unter anderem Nudeln, Honig, Tee – von aktuell sieben Produzenten aus der Region verkauft. Die Vorbestellungen laufen über ein „Openfood-Netzwerk“ über das Internet.

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Die GeLaWi – eine gemeinsame Landwirtschaft – ist ein Projekt der „Pfaffenhüttchen Zittau“. 5000 Quadratmeter ist das Feld groß. „Wir bauen unser Gemüse komplett frei von Chemie an“, sagt Lukas Stöckmann, Vorstandsvorsitzender vom Kraut & Rüben e. V. Zittau. Zum Verein gehört die aktuell noch kleine Gruppe der Gemüseproduzenten, die den Acker in Eigenregie und ohne schwere Technik bearbeiten. Ein solidarisches Prinzip steckt auch dahinter: Gemeinsam wird gesät, gepflanzt und geerntet. Eine Handvoll Leute machte im vergangenen Jahr mit. Das sollen gern mehr werden, wie Stöckmann sagt. „Bei uns hat das Ganze vorerst einen experimentellen Charakter. Die Erträge teilen wir untereinander auf“, erklärt er.

20.02.2020 – offene Verkostung 17.30 Uhr bis 18.30 Uhr bei der „Schwärmerei“ Görlitz, im Nostromo

Auch in Pfaffendorf gobt es ein Projekt, bei dem die Verbraucher über den Anbau mit entscheiden können. Jungbauer Milo Ennenbach ist dort am Lindenhof tätig.
Auch in Pfaffendorf gobt es ein Projekt, bei dem die Verbraucher über den Anbau mit entscheiden können. Jungbauer Milo Ennenbach ist dort am Lindenhof tätig. ©  SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

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