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So irre war die Premiere der Staatsoperette

Die neue Dresdner Version von Offenbachs „Die Banditen“ verirrt sich in Regieeinfällen und endet in einer Flut von Buh-Rufen.

Nicht mal Gaststar Tom Pauls (Mitte) kann die verkorkste Inszenierung von „Die Banditen“ an der Staatsoperette retten.
Nicht mal Gaststar Tom Pauls (Mitte) kann die verkorkste Inszenierung von „Die Banditen“ an der Staatsoperette retten. © Pawel Sosnowski

Von Jens Daniel Schubert

Die Banditen sind da! Es ist der ganz große Coup vom aufgehenden Stern am Opernregiehimmel, dem designierten Bayreuth-Ring-Regisseur Valentin Schwarz und seinem Team. Erstmals in der Staatsoperette! Der Applaus für die Sänger-Darsteller, das Orchester und den Chefdirigenten Andreas Schüller hatte kaum eine Chance gegen das geballte Buh für das Inszenierungsteam, das es, den Gesten von Kostümbildner und Performer Otto Krause zufolge, gerne noch heftiger gehabt hätte. So gesehen und erlebt am Freitag.

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Zur Applausordnung, bei der Choreograf Radek Stopka fehlte, war das Stück, man gab Offenbachs „Die Banditen“, schon dreimal vorbei. Aber die Inszenierung hatte immer wieder keinen Schluss gefunden. Für den mussten dann die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz und der Bachchoral „Ich steh an deiner Krippen hier“ – wunderschön gesungen – herhalten. Den Reim darauf hatte der Regisseur in seiner eigenen Stückfassung zuvor Tom Pauls bei Wilhelm Busch suchen lassen. Einfälle hat der Mann!

Kopulierende Beziehungslosigkeit

Mehr als zweieinhalb Stunden erzählt das Team um Schwarz eine Paraphrase zu „Die Banditen“. Dabei dürften die Wenigsten das Opus im Original kennen. Es ist eine dieser typischen Opéra-bouffe mit der Jacques Offenbach und seine Texter Henri Meilhac und Ludovic Halévy ihrer Zeit den Eulenspiegel vor die Nase gehalten haben.

Das könnte auch heute gelingen, sollte man meinen. Zwar muss man die irrwitzige Geschichte der bankrotten Räuberbande, die vom bürgerlichen Heiratstrieb unterwandert an den Gaunereien einer Geldhochzeit zwischen Mantua und Granada scheitert, nicht mögen. Aber warum bringt man das Stück dann auf die Bühne?

Andrea Cozzi hat diese zunächst als eine wenig inspirierende Palisadenlandschaft gestaltet, auf der eine Wildwest-Banditen-Show gezeigt wird. Das ist nicht unbedingt naheliegend, aber vielleicht noch erklärbar. Egal, ob man die Offenbach-Geschichte kennt und die Personen dieser zuordnen kann, oder ob man davon losgelöst versucht, aus den Figuren und ihrem Verhalten zueinander eine Geschichte zu erkennen – man bleibt allein auf weiter Flur.

Die Möglichkeiten, als Zuschauer anzudocken, irgendetwas anderes als kopulierende Beziehungslosigkeit, witzelnden Klamauk und geschäftiges Hin und Her zu erkennen, ist gering. Geschichten anzuerzählen und endungslos baumeln zu lassen, Tabus zu brechen und gleich darauf zu relativieren, hat Methode. Ist das eine Aussage?

Mitleid mit den Darstellern

Schließlich wird, aus heiterem Himmel, die Vorstellung abgebrochen, die Bühne „baupolizeilich gesperrt“ und im Vorbühnenbereich rund ums hochgefahrene Orchester weitergespielt. Ist der Bezug zum Wasserschaden im Haus und die Spielzeit danach gewollt? So kommt allerdings die Musik besser zum Tragen. Die Texte der Sänger werden verständlicher. Man fragt sich, ob eine semiszenische Interpretation vor dem Vorhang bis hierhin nicht die bessere Lösung gewesen wäre. Allerdings rückt das Spiel, zumal mit überdimensionierten Pappmaché-Delikatessen und vordergründigem Männer-Sex, dem Publikum ziemlich penetrant auf die Pelle.

Irgendwann geht dann auch der Vorhang wieder auf, das Orchester taucht ab, die Palisaden leuchten als bunte Showtreppe, fahren als Bar-Rückseite nach vorne. Wir sind ja irgendwie immer noch im Wild-West-Milieu, auch wenn die Maskerade der Maskerade kein lustvolles Spiel, sondern nur verwirrend ist. Und wenn man hofft, es sei vorbei, kommt Tom Pauls in Jackett und bunten Boxershorts und memoriert Schwarz’ Kunstverständnis mit Busch, was noch immer zu keinem Ende führt …

Es kann ja ganz schön sein, wenn sich nicht alles, was auf einer Bühne passiert, zu einem klaren, eindeutigen Bild fügt. Auch, wenn Theater zu aufgeregten Diskussionen führt.

Aber wenn das Mitleid mit den Darstellern überwiegt, die über Wochen und Monate probiert und gearbeitet haben, sich mit ihrer Stimme und ihrem Körper präsentieren, ohne ihr Publikum damit zu erreichen, dann ist das dahinterstehende Konzept inakzeptabel. 

Wieder am 7., 8.3. sowie am 18., 19. und 21.4.; Kartentelefon: 0351 32042222

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