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„Ohne Afra wäre ich ein anderer Mensch geworden“

Was machen diejenigen, die am Landesgymnasium für Hochbegabte in Meißen lernten? Fünf Gespräche.

Von Kunst bis Technik – am Landesgymnasium St. Afra wird eine enorme Vielseitigkeit gefördert. Sie zählt zu den Exportschlagern Meißens.
Von Kunst bis Technik – am Landesgymnasium St. Afra wird eine enorme Vielseitigkeit gefördert. Sie zählt zu den Exportschlagern Meißens. © Claudia Hübschmann

Meißen. Das Abitur in Sankt Afra ist nicht billig. Wer das Sächsische Landesgymnasium für Hochbegabte mit dem Abschluss verlässt, hat womöglich schon ein „Frühstudium“ hinter sich, hat mindestens drei Sprachen gelernt, eine wissenschaftliche Arbeit abgeliefert, an Wettbewerben teilgenommen und vielleicht mal Schillers „Räuber“ inszeniert.

Das Abitur ist auch für den Steuerzahler nicht billig. In die Schule wurde und wird viel investiert, da guckt man von unten in der Stadt vielleicht skeptisch zu den „Kindern auf dem Berg“. Was wird eigentlich aus denen, wenn die mal fertig sind, lauter Akademiker? Anne Buhrfeind hat mit fünf von ihnen gesprochen.

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Miteinander reden statt einsam leben
Miteinander reden statt einsam leben

Was bleibt von einer Zeit, die sich weit über den gesellschaftlichen Rahmen hinaus verhängnisvoll in unser Leben schleicht? Pia Gursch bietet Hilfe.

Der Physiker: Nick Pawlowski 

Heute ist er zu Besuch bei seinen Eltern in Leipzig, sonst grübelt Nick Pawlowski in London an seiner Doktorarbeit. Das Thema: Maschinelles Lernen und medizinische Bildanalyse. Das muss man erklären. Auch, was das eigentlich mit Physik zu tun hat. „Ja“, sagt er, „maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz, da denkt man erst mal an Informatik. Aber als Physiker kennt man sich in der Mathematik eigentlich besser aus. Wahrscheinlichkeitsrechnung ist sehr wichtig für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz.“ Okay, und die Bildanalyse? „Da geht es um Röntgenaufnahmen, Computertomografien. Maschinen, die mit Millionen von Daten gefüttert sind, können solche Aufnahmen sehr gut auswerten.“

Besser als der Radiologe? Das nicht, sagt Nick Pawlowski, die Mediziner hätten ihm aber versichert: So eine Maschine sei quasi eine sehr gute automatisierte Zweitmeinung. In fünf Jahren macht er aber vielleicht was ganz anderes, sagt der Afra-Abiturient des Jahrgangs 2011. Irgendwo in der Forschung, an einer großen Uni – oder bei Google oder Facebook. Nick Pawlowski, 26, hört sich kein bisschen an wie ein Fachidiot. Er denkt nach über die Probleme, die durch die Automatisierung entstehen, durch den Umgang mit großen Datenmengen, das wirft moralische Fragen auf, und er möchte, dass die diskutiert werden. Vielleicht kommt das auch aus Afra, die Fähigkeit, das große Ganze im Blick zu behalten.

Auf jeden Fall ist sein Fokus in Meißen entstanden, dort hat er das Netzwerk Teilchenwelt kennengelernt, wo Forscher aus Dresden und aller Welt den Nachwuchs für die Teilchenphysik begeistern. Aber vor allem hat er von dort: „Weltoffenheit!“

Nick Pawlowski 
Nick Pawlowski  © privat

Die Kunstvermittlerin: Agnesa Schmudke

Was tut denn bloß eine Kunstvermittlerin? Agnesa Schmudke will, dass die Menschen nicht nur staunen, wenn sie im Berliner Bode-Museum an Renaissancebildern und mittelalterlichen Skulpturen vorbeigehen. Sie möchte, dass die alte Kunst etwas mit dem Leben von heute zu tun hat. „Da kommen Schulkinder, die haben keinen Kontakt zur Kirche, keinen Religionsunterricht. Die sehen da eine Skulptur, eine Mutter mit einem Kind auf dem Arm, und sie wissen nicht, was das bedeutet. Darüber reden wir dann.“ Oder über Gewalt. „Gewaltdarstellungen gibt es nämlich jede Menge im Bode-Museum.“ Oder über Musik. „Vielleicht haben die Kinder Lust auf Deutsch-Rap, dann können wir einen Workshop machen.“

Agnesa Schmudke, 25, hat nach dem Afra-Abitur 2012 und nach einem „kulturweit“-Freiwilligendienst in Chile Kunstgeschichte und Kulturanthropologie studiert, zwei großen Leidenschaften von ihr.

Der Bachelor ging relativ schnell, die Uni war im Vergleich zur Schule – „einfach“. Gerade hat sie ein Auslandssemester an einer Privatuniversität in Houston, Texas, absolviert, viele tolle Leute kennengelernt, weiter an ihrem Netz geknüpft. „Ich kann viele Chancen wahrnehmen. Und auf vieles gehe ich direkt und unvoreingenommen zu.“

Was bedeutete es ihr, Afra-Schülerin gewesen zu sein? Agnesa atmet tief durch. „Afra war im Grunde alles für mich“, sagt sie. Ihre Eltern sind Migranten, sie kamen aus der Ukraine, als Agnesa fünf Jahre alt war, sie lebten am Stadtrand von Leipzig und waren nicht wohlhabend. „Ich bin eine typische Tochter aus solchem Hause, ich wollte meine Eltern stolz machen, gute Noten haben. Ohne Afra wäre ich ein anderer Mensch geworden.“ In Meißen auf dem Berg hat sie Menschen kennengelernt, zu deren Kreisen sie sonst vielleicht nie Kontakt bekommen hätte. „Afra ist ein Ort, an dem du alles sein, dich ausprobieren kannst. Wo du auch lernst: Noten sind nicht das Wichtigste“.

Und der Ort hat ihr geholfen, Grenzen zu überwinden. So wie sie jetzt Schülern aus Brennpunkt-Schulen hilft, ihre Grenzen zu überwinden – und sich für byzantinische Kunst zu interessieren.

privat
privat © Agnesa Schmudke

Der Quereinsteiger: Marvin Machalett

Arzt werden, das stand nie zur Debatte, aber mit dem Gesundheitswesen müsste sich Marvin Machalett inzwischen ganz gut auskennen. Er hat die Vorabendserie „In aller Freundschaft – die jungen Ärzte“ mitentwickelt, in einem „writers Room“ haben sie sich gemeinsam Figuren und Plots ausgedacht und erste Folgen geschrieben. 

Machalett, 27, lebt heute in Berlin, schreibt immer noch Drehbücher und Storylines für die Serie, aber inzwischen arbeitet er allein und auch für andere Auftraggeber. Filme machen, das war’s, worauf der Abiturient des Jahres 2010 hinaus wollte. Und so bewarb er sich bei Produktionsfirmen als Praktikant. Berufsziel: Regisseur. Vom Praktikanten wurde er zum Assistenten – bei der Kinderserie Schloss Einstein – schrieb erste Folgen, erwarb den Status des Berufsanfängers, ganz ohne Studium. 

Quereinsteiger nennt er sich, unausgebildet. „Und ob ich das kann, weiß ich immer noch nicht so genau.“ Immerhin kann er inzwischen davon leben. Aber mit einer „fantastischen akademischen Bildung“ war er ja auch schon gut versehen, als Afra-Abiturient. Was hat er noch von dort mitgenommen? „Sozial war ich deutlich weiter als die meisten Gleichaltrigen.“ 

Die Intensität, der offene Umgang, auch mit Konflikten – eine Afra-Lektion, sagt Marvin Machalett. „Du kannst ja nicht mittags nach Hause gehen und was anderes anfangen, du bist mit den Leuten den ganzen Tag zusammen, also musst du an Lösungen arbeiten.“ Das kommt ihm jetzt zugute, obwohl er – endlich! – allein lebt und allein arbeitet. „Für meine Figuren brauche ich ja auch soziale Kompetenz.“

Irgendwann wird Marvin Machalett keine Drehbücher mehr schreiben, sondern einen Roman. Was Eigenes. Wo er nichts abstimmen, auf niemanden Rücksicht nehmen, sich nicht einfügen muss. Obwohl er das sehr gut kann, das Einfügen.

Marvin Machalett
Marvin Machalett © privat

Die Sopranistin: Alexandra Koch

Sie ist gleich durchgestartet, schon vor dem Abi. Singen, hieß das Ziel: Opern, Lieder, Oratorien. Parallel zu den Abiturprüfungen hat sich Alexandra Koch an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin beworben und mit ihrer Sopranstimme die Aufnahmeprüfung bestanden. Etwa 400 Bewerber habe es damals gegeben, sechs haben einen Platz bekommen. 

Sie hat bei Thomas Quasthoff und Brigitte Fassbaender studiert, Superstars der klassischen Musik. „Aber das garantiert einem später auch keinen Job“, sagt die 30-Jährige. Weil es für Solisten, Opernsängerinnen sowieso kaum noch feste Stellen gibt. Aber freie Engagements. Im Coriner Opernsommer singt Donata Alexandra Koch – als Sängerin benutzt sie ihren vollen Namen – in der „Fledermaus“, sie gibt Liederabende überall in Deutschland. Wer googelt, findet schnell ihre Internetseite, erfährt von Terminen und CDs.

Aus Afra, sagt sie, stammt eine gesunde Portion Selbstvertrauen, dazu Wagemut, Offenheit. Und ein gutes Netzwerk. Was machen eigentlich die anderen Altafraner? „Gefühlt macht jeder was anderes“, sagt Alexandra Koch. „Die übliche Quote an Juristinnen, BWLern und Medizinern gibt es bestimmt, aber die Vielseitigkeit ist enorm.

Alexandra Koch
Alexandra Koch © Martin Walz

Der Jungunternehmer: Thomas Kirchner

„Das Afra-Abitur ist bis heute mein einziger Bildungsabschluss,“ sagt Thomas Kirchner. Er hat vor vier Jahren in München Proglove gegründet, eine Firma, die einen „intelligenten“ Handschuh produziert und vertreibt. BMW benutzt ihn, Ikea auch, das Ding hilft in der Logistik beim Dokumentieren, überall, wo Sachen hin- und hergetragen werden. 140 Mitarbeiter, ein Büro in Chicago.

Kirchner hat in Sankt Afra zum Gründungsjahrgang gehört, er kam als Zehntklässler und hat 2004 Abitur gemacht. „An uns wurde vieles ausprobiert, und vieles, was ich heute mache, habe ich aus Afra. Freiraum zum Beispiel.“ In Sankt Afra, sagt er, müssen viele Menschen miteinander leben und lernen. So ist das in einer Firma ja auch. „Ich weiß, dass das funktioniert. Das lässt mich hier entspannter sein. Ich setze den Rahmen, und dann läuft das. Den Begriff Freiraum benutze ich hier einmal die Woche.“ Seine Mitgründer sind anders, sagt Kirchner, sind mehr auf Struktur bedacht. „Die haben manchmal Angst, es passiert was, wenn man sich auf die Persönlichkeiten verlässt.“ Es passiert aber selten was. Was hat er noch aus Afra mitgenommen? „Jedenfalls nicht das Durchsetzen.“ Aber Verantwortung: „Wir vom Gründungsjahrgang waren immer die Ältesten, wir mussten nach innen Verantwortung übernehmen, nach außen die Schule repräsentieren – das habe ich immer noch drauf.“ Und, dass es Spaß macht, von vorne anzufangen, auf der grünen Wiese.

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Eine nagelneue Schule, ein neuer Job oder ein neues Produkt: Das reizt Thomas Kirchner, 33, immer noch. Überhaupt scheint Afra eine gute Jungunternehmer-Vorbereitung zu sein. Perfekt für Start-up-Gründer, da beherrscht man auch die Grundlagen. „Wir haben zum Beispiel gelernt: Wenn jemand Fremdes auf dem Gelände ist, begrüßen wir den und fragen, ob wir weiterhelfen können. Das machen wir jetzt in meiner Firma auch so. Und ich weiß, wie man mit einer verdreckten Küche umgeht. Da kannst du Regeln aufstellen, so viel du willst. Es hilft nur eins: Selbstverantwortung und Vorbild sein…“Die Firma läuft, sie vergrößert sich. Und kürzlich haben sie sogar „einen Erwachsenen“ eingestellt. Einen Geschäftsführer, damit sich die Gründer wieder mehr ums Produkt kümmern können. Hat Thomas Kirchner eigentlich je den Druck verspürt, dass aus ihm was Besonderes werden müsste? „Nö, das haben wir alle nicht.“ Viele sind an der Uni geblieben, manche in der Wirtschaft, wenige Überflieger. Sagt Kirchner. „Einer ist Matheprof in Chemnitz geworden, aber der war schon in der zehnten Klasse Matheprof.“

Thomas Kirchner
Thomas Kirchner © Simon Kiefer