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Wer ist dieser Mann an Pechsteins Seite?

Matthias Große kämpft nach der Dopingsperre für die Olympiasiegerin. Jetzt ist er ihr Freund – und übernimmt den Verband. Der Mann polarisiert.

Der gemeinsame Kampf gegen ihre Dopingsperre hat Olympiasiegerin Claudia Pechstein mit dem Unternehmer Matthias Große zusammengebracht.
Der gemeinsame Kampf gegen ihre Dopingsperre hat Olympiasiegerin Claudia Pechstein mit dem Unternehmer Matthias Große zusammengebracht. © Robert Michael

Dresden. Er weicht nicht von ihrer Seite, und das jetzt bereits seit einem Jahrzehnt. Claudia Pechstein nannte ihn schon „meinen Bodyguard“. Medien betiteln Matthias Große wahlweise als General oder Kampfdrohne. Er kann mit diesen Begriffen nichts anfangen, mit dem Wort umstritten dagegen gut leben. Das ist der 52-Jährige gern, wenn es um den Kampf für Pechsteins Unschuld geht. 

„Ich habe 2009 in der Tagesschau von Claudias Sperre wegen Blutdopings erfahren“, sagt er im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Große meldet sich bei ihr, weil er nachempfinden kann, was sie durchmacht: „Ich habe in der Wendezeit erfahren, was es heißt, alles zu verlieren.“

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Große wächst im Spreewald auf, entwickelt sich von einem übergewichtigen Achtklässler zu einem Kraftsportler, unterschreibt nach dem Abitur für 25 Jahre als Berufsoffizier bei der Nationalen Volksarmee. 1986 beginnt er sein Studium an der Militärakademie in Minsk. „Ich bin Meister des Sports geworden – als einziger Auslandsstudent“, sagt der Lausitzer und erzählt von Duellen mit Weltklasseathleten.

„Die Armeesportvereinigung Vorwärts übernehmen und an die Spitze der NVA – da wollte ich hin.“ Mit dem General liegt man also nicht so falsch. Doch seine Offizierslaufbahn in der DDR endet mit der Wende. Am 13. Dezember 1989 ist für ihn Schluss. Große ist plötzlich außen vor, bewirbt sich bei der Interhotel AG – und beginnt als Toilettenmann. Ein halbes Jahr putzt er WCs. Dann folgen Zwölfstundenarbeitstage als Türsteher. Dabei lernt er einen Immobilienmakler aus Bonn kennen, bei dem Große sich melden soll, falls er mal in die Branche einsteigen möchte. Große macht erst mal ein Fitnessstudio auf und verkauft Versicherungen. „Ich wollte etwas aufbauen. Das ging gut. Ich lernte viel, hatte aber von Betriebswirtschaft keine Ahnung.“

Er erinnert sich an den Immobilienmakler, lässt sich von ihm ausbilden. Der Bonner macht ihn zum Niederlassungsleiter in Berlin und Große sich irgendwann selbstständig. Seine Unternehmensgruppe baut, entwickelt und kauft Objekte, „und wir behalten sie alle in unserem Bestand“. Einige Immobilien ragen heraus, etwa der Berliner Müggelturm. „An dem haben sich einige verhoben, ich nicht. Mein Team und ich haben ihn wieder zu dem Wahrzeichen gemacht, das er einmal war.“

„Zum Himmel schreiendes Fehlurteil“

Dorthin lädt er gerne  zu Pressekonferenzen ein – mit Pechstein an seiner Seite. „Ich habe ihr damals meine Hilfe angeboten.“ Die fünfmalige Olympiasiegerin wurde über Nacht aus dem Scheinwerfer- ins Zwielicht gestellt. Sie habe alles verloren, meint Große – und er berichtet: „Sie wollte sich sogar das Leben nehmen.“ Pechstein fühlte sich um ihre Lebensleistung betrogen. Große startet Unterschriftenaktionen für die Eisschnellläuferin, als sie von vielen als Dopingsünderin abgestempelt wird.

Ein weiterer Teilerfolg in einem ewigen Rechtsstreit: Claudia Pechstein gibt 2015 im Münchner Oberlandesgericht ein Fernsehinterview. Matthias Große bleibt im Hintergrund. Die Kammer nimmt ihre Schadenersatzklage gegen den Eislauf-Weltverband an. Es geht
Ein weiterer Teilerfolg in einem ewigen Rechtsstreit: Claudia Pechstein gibt 2015 im Münchner Oberlandesgericht ein Fernsehinterview. Matthias Große bleibt im Hintergrund. Die Kammer nimmt ihre Schadenersatzklage gegen den Eislauf-Weltverband an. Es geht © dpa/Andreas Gebert

Der Mann mit dem breiten Kreuz und der kräftigen Statur sagt damals allen, die Pechstein diskreditieren, mit Nachdruck ins Gesicht oder am Telefon, wie mies er ihr Verhalten findet. „Sollte ich mich dabei auch mal im Ton vergriffen haben, möge man es mir nachsehen angesichts dieses zum Himmel schreienden Fehlurteils.“ Der Kampf dagegen macht ihn zu Pechsteins umstrittenem Lebenspartner.

Mit der Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag liegt Große besonders im Clinch. „Ich habe damals 30-, 40- oder 50-mal im Büro von Dagmar Freitag angerufen und immer nur mit dem Leiter gesprochen – minuten- oder auch stundenlang. Sie hat sich jedes Mal verleugnen lassen.“ Anschließend habe er gesagt, dass er die Abgeordnete im Wahlkampf bei einem Termin zur Rede stellen werde. „Bei einem dieser Telefonate sagte ich, als es hieß, die Politikerin sei im Parlament: ,Dann marschiere ich jetzt in den Plenarsaal.‘ Dazu stehe ich.“

Hausverbot im Deutschen Bundestag

Der Kasernenton kommt nicht gut an. Große erhält Hausverbot, kommt auf die Liste der unerwünschten Personen. „Da stand ich direkt hinter Osama bin Laden.“ Als Gregor Gysi 2013 im Bundestag seinen 65. Geburtstag feiert, lädt er Große ein. Beide leben im selben Wahlkreis. „Da durfte ich erscheinen und mit Leuten wie Sigmund Jähn und Lothar de Maizière feiern.“

Zudem läuft die juristische Auseinandersetzung weiter – trotz Rehabilitierung Pechsteins durch den Deutschen Olympischen Sportbund mit Präsident Alfons Hörmann an der Spitze. „Es geht darum, dass Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin ihre Unschuld vor einem deutschen Gericht beweisen darf.“ Der Fall liegt beim Bundesverfassungsgericht.

Nach ihrem Rennen über die 5.000 Meter bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi küsst Matthias Große seine Lebensgefährtin Claudia Pechstein.
Nach ihrem Rennen über die 5.000 Meter bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi küsst Matthias Große seine Lebensgefährtin Claudia Pechstein. © dpa/Christian Charisius

Große will etwas verändern – auch im Verband, der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Seit zwei Monaten ist er als Präsident kommissarisch tätig, wartet aber nicht auf die für den 19. September geplante Wahl, sondern handelt. Nach Bundestrainer Erik Bowman, der nicht mit Pechstein zusammenarbeiten wollte, hat er nun Sportdirektor Matthias Kulik freigestellt und zum 31. Januar 2021 gekündigt.

Der Machtmensch will die DESG neu aufstellen, finanziell konsolidieren und sportlich zurück auf einen erfolgreichen Kurs bringen. Für seine Wahl hat er einen neuen Hauptsponsor versprochen und will sich mit seiner Immobilienfirma finanziell einbringen. So sollen Sportler für jeden Olympia-Startplatz 2022 und 2026 mit 5.000 Euro motiviert werden. Zudem wird es in seiner Initiative „Kufenträume“ pro Platz 4.000 Euro für den Klub und 1.000 Euro für den Landesverband geben. Das ist auch als Motivationsschub für den Nachwuchs gedacht.

Die NVA-Uniform hängt an der Wand

In Großes Büro hängen seine letzte NVA-Uniform und ein Poster von Pechsteins Buchcover an der Wand. Mit seiner Freundin, mit der er seit 2010 zusammen ist, lebt er in einer Villa am Wasser. Am weißen Kreml – Medien zufolge handelt es sich um einen Mix aus Weißem Haus in Washington und Kreml in Moskau – sei nichts dran. „Letzteren kenne ich gut. Damit hat unsere Villa nichts zu tun.“ Der blau-weiße Anstrich verrät eher den Schalke-Fan.

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Freunde äußern über Große, er sei erfolgreich, engagiert, einer, der anpackt und die Ärmel hochkrempelt, ein Macher, der nicht nur offen für das eintritt, was er denkt, sondern auch das erreicht, was er will. Neutrale Beobachter behaupten, er sei etwas hemdsärmelig, polarisierend, eckig, kantig im Auftreten und ungeduldig. Gegner kritisieren, er sei aggressiv, bein- und knallhart, cholerisch, einschüchternd und kompromisslos. „Das interessiert mich alles nicht. Wer mich kennen lernen will, kann sich sein eigenes Bild machen. Erfolg bringt Neid mit sich. Niederlagen erzeugen Mitleid. Letzteres brauche ich nicht.“ Ein Typ, der polarisiert.

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