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Feuilleton

Eine große Revue mit vielen großen Fragen  

Die Dresdner Staatsoperette liefert zum Saison-Auftakt ambitionierte Unterhaltung auf hohem Niveau.

An der Staatsoperette Dresden hatte die Revue "Hier und Jetzt und Himmelblau" Premiere.
An der Staatsoperette Dresden hatte die Revue "Hier und Jetzt und Himmelblau" Premiere. © Pawel Sosnowski

Von Jens Daniel Schubert

Sie wollen wissen, was die neue Intendantin der Staatsoperette, Kathrin Kondaurow, will, sich aber nicht mit langwieriger Lektüre aufhalten? „Hier und Jetzt und Himmelblau – Eine Revue“ bringt es auf die Bühne! Jedenfalls viel davon. Sehr viel. Die programmatische, extra gefertigte Theatershow hatte am Wochenende Premiere.

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Die Zuschauer sehen sich, die Besucher eines Revue-Theaters. Kurz bevor die Show losgeht, kann man ganz unterschiedlichen Gästen über die Schulter, in die Augen, oft hinter die Stirn und ins Herz schauen. Weil jede dieser kleinen, weltbewegenden, oberflächlichen oder tiefschürfenden, ganz persönlichen und gesellschaftspolitischen Episoden in eine musikalische Nummer mündet, werden aus den letzten fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn schnell mal knapp drei Stunden Bühnenshow. Treffsicher endet die mit „Musik sein“, dem mitreißenden Bekenntnis zum Genre, von dem sich auch das Premieren-Publikum zu langanhaltendem Beifall animieren ließ.

Der Star des Abends ist das Theater. Präsentiert wird es in vielfältigen Facetten von Bryan Rothfuss, der als Platzanweiser eine Conférence der besonderen Art liefert. Manchmal überleitend, manchmal mitwirkend, manchmal als Magier des Theaters die Zeit anhaltend, verdrehend. Knapp ein Dutzend Solisten, Chor und Ballett spielen in einer sich immer neu verwandelnden Bühne ganz unterschiedliche Szenen. Von schenkelklopfender Klamotte über kabarettistischen Wortwitz bis zu nachdenklichem Kammerspiel werden die Sänger meist sehr präzise durch die Dialoge geführt, Zwischentöne hörbarmachend, die selten im Musiktheater zu finden sind. Jeder dieser Solisten, auch Chor und Ballett, selbst Orchester und Bühnentechnik inklusive Licht und Ton hat seine große Nummer. So können Andreas Sauerzapf und Silke Richter ihre bekannten Stärken ausspielen und Jeannette Oswald die ihren vom Souffleurplatz aus mit mehreren großen Auftritten in Erinnerung rufen. Für Ingeborg Schöpf ist ein Stück Marschallin aus Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ integriert und Herbert G. Adami singt beeindruckend „Wenn ich mir was wünschen dürfte“.

Inhaltlich wird am ganz großen Rad gedreht. Was ist Glück, was ist Liebe, was ist Treue? Kann man sich die Meinung sagen, ohne sich nur „anzuplärren“? Was kann Musiktheater leisten, wie kann man mit dem musikalischen Erbe der Operette, Stichwort Nazi-Verfemung, umgehen? Welche Rolle hat der Kitsch und wie nah ist ihm der Wunsch, Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens zu geben.

Jan Neumann hat die Texte geschrieben. Die Intendantin als Dramaturgin war spürbar ganz dicht dran. Doch mit der Inszenierung seiner Texte beraubt Neumann sie der Chance, auch hinterfragt zu werden. Manches wirkt so sehr didaktisch, manches zu breit, manches privat. Vorgänge statt Text hätten manche Länge vermieden.

Die musikalischen Nummern, die zwischen den Szenen standen, waren nicht immer inhaltlich zwingend. Manch aktuelles Problem wird in den gesungenen Texten von vor 60, 70 Jahren eher banalisiert. Zeitlich schlagen sie den großen Bogen von der Operette zum Revuefilm, lassen Oper und Chanson nicht aus, landen schlussendlich bei heutigen Kompositionen, ohne dass eine historische Linie entsteht. Auch szenisch blieben die Musiknummern oft unterbeleuchtet. Radek Stopka löst sie oft choreografisch auf, bringt Ballett und Chor ins Spiel oder wenigstens in Arrangements. Gerade als „Revue“, und was der durchschnittliche Theaterbesucher mit diesem Begriff verbindet, hätte der Abend mehr vom Ballett in seiner Vielfalt vertragen.

Cary Gayler hat ein wandelbares Bühnenbild angelegt, Nini von Selzam die Kostüme irgendwo zwischen Abendgarderobe und Revue-Glitzer-Fummel. Das ist situationsbezogen, bunt, charakterisierend. Musikalisch mischen sich eine Drei-Mann-Combo am Bühnenportal und das Operettenorchester. Gerade am Anfang blieben manche exponierte Sängertöne im Ungefähren, im Laufe des Abends gelang die Abstimmung besser. Die sichere Leitung der breit gefächerten Musik lag in den Händen von Chefdirigent Andreas Schüller.

„Hier und Jetzt und Himmelblau“ will viel. Das ist ein Versprechen, das in der Spielzeit eingelöst werden muss. Es zeigt die Potenzen auf, die das Haus hat und die die neue Leitung nutzen will. Für einen Abend ist es vielleicht etwas zu viel gewollt. Aber der Wille ist spürbar, die Gestaltungskraft da und lieber zu viel Tatendrang als Stillstand. Man kann gespannt sein, was man auf der Bühne erleben wird von dem, was die Operette unter neuer Leitung will.

Nächste Aufführungen am 10., 11., 12., 14. und 15. September sowie am 9., 26. und 27. Oktober. Kartentelefon: 0351 32042222

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