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Ostern wird eine Eierei

Freiheit kann eine Opfergabe für Gesundheit sein, doch die Sachsen bleiben fichelant: Teil 14 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Martin Schutt/dpa/SZ

Am Morgen laufe ich ein Stück draußen durch den nahe gelegenen Park. Jeder entwickelt in diesen Tagen seine eigene Technik der Selbstaufrichtung. Dabei entdecke ich in vielen Vorgärten Bäume, die voller Ostereier hängen. Die bunte Dekoration der Auferstehung grüßt mit Hoffnung, dass wir die verordnete Abstandshaltung bald überwinden. Noch weicht jeder einer Begegnung bereitwillig aus, viele behelfen sich damit, online zu sein. Wir skypen, facetimen, flüchten in Videokonferenzen oder traktieren als Kontaktbörse das Festnetztelefon, das noch funktioniert, weil die Eltern darum baten, es nicht abzumelden. Jedes Mal, wenn ich im Moment mit jemandem ins Gespräch komme, beginnt die Kommunikation beidseitig mit einer Art Prüfprogramm, ob der andere noch gesund sei, ob ihn die Melancholie schon erwischt oder die geistige Prohibition bereits nachhaltige Entzugserscheinungen in der Hirnrinde hinterlassen habe.

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Gleich um die Ecke haben Nachbarn einen Brunnen mit einer Pyramide voller Hasen und Eier aus Holz geschmückt. Wer eine kleine Spende in eine Box wirft, bringt das kunstvolle Gerät zum Drehen. „Hase am Spieß“, sagt einer, der vorbeiläuft. Mich erinnert es eher an Weihnachten, wenn sich Räuchermänner, Schafe und Engel etagenweise im Kreis drehen. Ein Oster-Karussell für diese Feiertage zu bauen, finde ich eine großartige Idee.

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Zurück an meinem Schreibtisch suche ich neue Geschichten aus dem Buch „Der große Gogelmosch - das Wörterbuch der Sachsen“ heraus. Jeden Tag lese ich ein Kapitel, dabei entsteht ein Video, das auf saechsische.de zu sehen ist. Diesmal geht es um die sächsische Fichelanz, die bei der Heimarbeit mehr denn je gebraucht wird. Fichelant zu sein heißt für die Sächsinnen und Sachsen, schlau seine Chancen entdecken, wach sein und wachsam, eifrig, aber nicht eifernd, drängend, aber nicht aufdringlich, bescheiden, ohne sich zu bescheiden. Oder Sächsisch: Mir wurschdln uns durch, um ni rammdössch zu wärn.

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Am Mittag bekomme ich eine Mail mit einem Text von Richard David Precht. Im August 2017 sprachen wir gemeinsam beim öffentlichen Palais-Gespräch vor dem Japanischen Palais in Dresden über die digitale Revolution und die Massenarbeitslosigkeit als mögliche Folge sowie die Notwendigkeit des bedingungslosen Grundeinkommens. 4.000 vor allem junge Leute saßen damals vor der Bühne auf der Wiese und hörten der gut dreistündigen Debatte interessiert zu. Heute sind solche Massenaufläufe verboten. Precht schreibt jetzt: „Politiker reißen Schutzzäune der Individualität ein und stellen Schutzzäune der Seuchenbekämpfung auf, wo man beim Anblick der drohenden Klimakatastrophe nicht mal ein Löchlein für einen Pfosten graben würde.“ Freiheiten würden als Opfergaben dienen, um sie im Ablasshandel gegen Gesundheit zu tauschen. 

„Das Fenster, in Alternativen zu denken, steht sperrangelweit offen. Doch wie lange?“ Ich erinnere mich an die Zeit Ende 1989 / Anfang 1990, als ich mit Freunden eine eigene Zeitung gründete. In diesen Monaten spürte ich echte Freiheit, weil Feigheit nicht gesetzlich erzwungen werden konnte, denn es gab kaum Gesetze oder wir erkannten sie nicht an. Schon wenige Monate später grub ich mich erneut durch den Tunnel bürokratischer Dekrete. Das Fenster, in Alternativen zu denken, hatte sich schnell wieder geschlossen.

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Der Dresdner Christoph Pötzsch grüßt per Mail von Stubenarrest zu Stubenarrest. Da seine Stadtteil- und Friedhofsführungen zurzeit ausfallen, habe er umgestellt auf virtuell erzählte Geschichten. Besonders in Alten- und Pflegeheimen würden Seniorinnen und Senioren die Texte zur täglichen Abwechslung nutzen, immer ab 17 Uhr wechsle das Programm.

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Irgendwann bekomme ich Hunger, gehe in die Küche. Die hat sich in eine Art Manufaktur verwandelt. Der Rest der Familie färbt Eier. Fünf Farbtabletten und zwei Esslöffel Essig kommen in einen Topf, gefüllt mit einem Viertel Liter kaltem Wasser. Gekochte Eier landen darin, um in fünf Minuten rot, gelb, grün blau oder lila auszusehen. In der Tüte befinden sich als Extra-Bonus Klebesticker, die allerdings keinen Schönheitspreis bekommen. Ein Korb voller Eierbuntware ziert jetzt den Esstisch. Wir werden das Fest gemeinsam zu Hause verbringen. Gern würden wir zu unseren Eltern fahren, um wenigstens von Ferne zu winken, ist aber verboten. Auf jeden Fall wünsche ich allen trotzdem frohe Ostern!

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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