merken
PLUS

Ottendorferin gründet virtuelle Ortsmitte

Martina Philipp wollte nicht auf den Bau des Marktplatzes warten. Sie schuf selbst eine Plattform. Mit Erfolg.

Von Marleen Hollenbach

Das Handy klingelt. Ein kurzer schriller Ton. Martina Philipp lächelt, entschuldigt sich, dann geht ihr Blick in Richtung Bildschirm. Mit raschen Bewegungen bedient sie das kleine Gerät. Nur eine Minute dauert das. Dann legt sie das Handy auf den Tisch, schaut wieder herauf.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Mehrmals am Tag ertönt das Gerät. Mittlerweile gehört dieser Klang zum Leben der 38-Jährigen dazu. „Natürlich fragt mich meine Familie, ob ich denn wirklich ständig auf mein Handy schauen muss“, sagt Martina Philipp. Diese Frage kann die Ottendorferin nur mit einem Ja beantworten. Sie muss. Zum einen, weil die moderne Frau auf dem Laufenden bleiben will. Doch das allein ist nicht der Grund. Seit elf Monaten fühlt sie sich verantwortlich. Beinahe ein Jahr ist es jetzt her, dass Martina Philipp aus einer Laune heraus eine Facebook-Gruppe für ihren Ort gründete. Leben in Ottendorf-Okrilla hat sie diese genannt. „Ich hatte gesehen, dass es solche Plattformen für andere Orte gibt und dachte, dass das auch etwas für Ottendorf wäre“, erklärt sie. Sich untereinander kennenlernen und gegenseitig helfen, dafür sollen die Mitglieder die Internetplattform hauptsächlich nutzen. „Seit sechs Jahren wohne ich in der Großgemeinde. Ich dachte, hier sei nichts los, dabei habe ich vieles einfach nicht gewusst“, sagt die Ottendorferin. Nicht jeder Organisator könne es sich leisten, für seine Veranstaltung zu werben. Das Risiko sei groß, gute Veranstaltungen zu verpassen.

Wer Mitglied der Gruppe ist, der hat alles im Blick, ist informiert. Die Ottendorfer wollen das sein. Mittlerweile hat die Gruppe 186 Mitglieder. Täglich werden es mehr. Martina Philipp ist der Administrator. Das heißt, sie bestimmt, was auf der Seite gelesen werden kann. „Wenn mein Handy klingelt, überfliege ich den Text der Mitglieder. Ich lösche den Mist, den Rest gebe ich frei“, sagt sie. Nur im Urlaub war das Handy stumm. Selbst den Laptop ließ die Ottendorferin daheim. Für ein paar Tage blieb die Seite, wie sie war. Doch kaum war Martina Philipp wieder zurück, aktualisierte sie die Seite, versorgte die Gruppenmitglieder mit neuen Informationen. Die Facebook-Seite entwickelt sich. Längst nutzen die Mitglieder diese nicht nur, um Veranstaltungen anzukündigen. Es wird auch breit diskutiert. Wann immer ein Thema in Ottendorf-Okrilla auftaucht, finden sich hier Personen, die vehement dafür oder dagegen argumentieren. „Das ist spannend. Ich erfahre dabei viel und bin froh, zu einem Thema mehrere Meinungen lesen zu können“, sagt die Ottendorferin. Nur eines kann sie nicht leiden: Wahlwerbung. Die hat sie auch in den Wochen vor der Kommunalwahl immer wieder gelöscht. „Dabei bin ich auf große Kritik gestoßen. Aber ich denke einfach, dass das hier nicht reinpasst“, erklärt Martina Philipp.

Bei diesem Thema bleibt die Ottendorferin konsequent. Ansonsten ist sie aber an Verbesserungsvorschlägen interessiert. Die 38-Jährige ist mit Herzblut dabei. Halbe Sachen macht sie nicht. „Für mich ist es normal, sich für den Ort zu engagieren. Und wenn ich sehe, dass man etwas verbessern kann, will ich sofort mitmachen“, sagt sie. Mit dabei war Martina Philipp auch beim ersten Stammtischtreffen der Facebook-Gruppe. Dieses fand anlässlich des Medinger Maifeuers statt. Neun Ottendorfer trafen sich zum Austausch. „Ich habe Leute kennengelernt, von denen ich bisher nur das Facebook-Profil kannte“, erzählt die 38-Jährige. Es war die erste reale Begegnung. Nach den Sommerferien soll dieses Treffen einmal im Monat stattfinden. Auch für neue Einwohner der Gemeinde ist das interessant. Sie könnten hier Ottendorfer kennenlernen, Wissenswertes über den Ort erfahren. Warum die Ottendorfer solch eine Plattform brauchen, kann Martina Philipp auch erklären. „Es fehlt im Ort ein Stadtkern, wo man sich treffen kann“, sagt sie. Doch anstatt darauf zu warten, dass die Gemeinde eine solche Stelle errichtet, ist die engagierte Frau aktiv geworden, hat einen virtuellen Marktplatz geschaffen, der die Anwohner der vier Ortsteile, Alt und Jung zusammenführen soll.

Der Klingelton reißt Martina Philipp aus ihren Gedanken. Wieder wirft die Ottendorferin einen Blick auf ihr Handy. Sie muss antworten. Die Gruppe wartet.