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Packender Horrortrip im Schauspielhaus

Am Staatsschauspiel Dresden ist Büchners „Woyzeck“ eine geschundene Puppe. Jan-Christoph Gockel verortet sie in einem apokalyptischen Afrika.

Birte Leest, Michael Pietsch, Matthias Reichwald, Luise Aschenbrenner und Jannik Hinsch (v. l.) in „Woyzeck“.
Birte Leest, Michael Pietsch, Matthias Reichwald, Luise Aschenbrenner und Jannik Hinsch (v. l.) in „Woyzeck“. © Sebastian Hoppe

Von Sebastian Thiele

Auf einer Krankenliege rollt er herein. Grau, vernarbt und mit aufgerissenen Augen: das leblose Objekt – Woyzeck, die Puppe. Vier Schauspieler in giftig-grünen Overalls eilen herbei und hauchen der Ganzkörperfigur Leben ein. Sie schlüpfen in Woyzecks Hände, führen den Kopf und stellen ihn auf wacklige Beine. Eine Stirnlampe kriegt er verpasst, denn hier wird heute Abend eine ganz eigenwillige Lesart ausgeleuchtet.

Angeregt von einem Kriminalfall erdachte Georg Büchner 1836/37 seinen berühmten Antihelden. Und weil damals wie heute Menschen in sklavischen Abhängigkeiten leben, gedemütigt und erniedrigt werden, ist „Woyzeck“ ein Dramen-Dauerbrenner. Häufig keucht und schwitzt der gebrochene Soldat auf deutschen Bühnen, bietet sich doch das Textfragment geradezu zur sozialpolitischen Aktualisierung an. Orte wie Szenen sind in ihrer Abfolge austauschbar, das ist per se schon progressiv.

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Am Staatsschauspiel Dresden verortet Regisseur Jan-Christoph Gockel seinen Woyzeck in Afrika, um sich mit Kolonialismus und Rassismus auseinanderzusetzen. Dabei unterfüttert er Büchners Zeilen mit Textsplittern von Heiner Müllers „Die Wunde Woyzeck“. Zudem stellen Auszüge von Fiston Mwanza Mujilas Roman „Tram 83“ das atmosphärische Gerüst. Am Sonnabend war im Dresdner Schauspielhaus Premiere dieses spannenden Experimentes.

Klug, Woyzeck als Puppe zu zeigen. Der Puppenbauer und -spieler Michael Pietsch hat dafür auch das richtige Händchen. Sieht man doch eine Figur, die weder schwarz noch weiß ist. Deformiert, fremdgesteuert und willenlos wandelt Woyzeck durch die Zeiten und Zuschreibungen. Seine Familie will er durchbringen, indem er sich als Proband für medizinische Experimente hergibt. Zunehmende körperliche und seelische Erschöpfung sind die Folge. Letztendlich wird Woyzeck zum Mörder seiner Frau, weil diese ihn betrügt.

Doch Woyzeck ist an diesem Abend weniger eine konkrete Figur. Vielmehr verkörpert die Puppe alle Opfer des Kolonialismus. Ihm wird der Schädel vermessen und daraus pseudowissenschaftlich seine Wildheit abgelesen. Wenn Woyzeck spricht, leiht ihm der Dresdner Künstler Ezé Wendtoin, der aus Burkina Faso stammt, seine Stimme.

Unheimlich und fordernd

„Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt“, deutete einst Heiner Müller. Auf der genialen Wunder-Bühne von Julia Kurzweg haust die Familie in einer Erdhöhle, die unter der Last eines riesigen, symbolischen Gullydeckels erdrückt wird. Dieses Konstrukt ist drehbar und mittels zirkuszeltartigen Vorhangs wechseln Szenen wie Orte rasant. Live-Schlagzeug, schräge Synthie-Töne und dröhnende Klangteppiche von Anton Bergmann kommentieren zart bis urgewaltig die Handlungsstationen. Vergeblich sucht das Publikum nach Halt und Hoffnung auf diesem Horrortrip.

Psychotische Lichtstimmungen von Andreas Barkleit erinnern an David-Lynch-Settings. Stets regiert Überhöhung und Verfremdung. Unheimlich, wenn beispielsweise der Spieler Ezé Wendtoins seiner Sinne beraubt wird: In einem Video verkleistert man sein Gesicht mit weißem Brei, verklebt Augen, Ohren und Mund. Und wieder Vorhang auf und Kleiderspende für Afrika. Ein Textilregen ergießt sich, wahllos zerrt das Ensemble sich alles über.

Auch sonst sind alle schrill kostümiert. Allen voran der Tambourmajor, der auf dem Kopf eine Rüssel-Trophäe sinnbildlich für seine Männlichkeit trägt. Dann fliegt ein Care-Paket mit Mini-Fallschirm herab. „Freu dich, Woyzeck, über Buntstifte, die deinem Elend Farbe verleihen, freu dich über Kondome!“ Viele im Saal lachen. Aber sie merken nicht, dass sie gerade dem Alltagsrassismus unterliegen. Schlau eingefädelt. Spätestens, wenn Woyzeck vom Tambourmajor vergewaltigt, wenn sein Puppenkörper dabei schrecklich verrenkt wird, lacht keiner mehr. Mit aller Härte spielt Jannik Hinsch diesen rohen Gewaltmenschen.

Eine Achterbahn der Wahrnehmung

Kalt und perfide tritt hingegen Torsten Ranft als Arzt in diesem Panoptikum auf. Er verkörpert den pseudomoralischen Intellektuellen, der Woyzeck wie ein Vieh behandelt. Herrlich selbstmitleidig und jämmerlich spielt Lukas Rüppel die gängelnde Figur des Hauptmanns. Wohin soll nur dieser leidende Woyzeck? Selbst Marie, für die er alles tut, verstößt ihn. Durch das ehelose Kind gilt sie als Hure und nimmt diese Rolle auch an. Luise Aschenbrenner zeigt eine sehr energisch-verzweifelte Marie. Krampfhaft sucht sie nach Siegertypen. Doch in dieser Hölle in Afrika gewinnt keiner.

Am Ende triumphiert eine düstere Todesprozession: Jeder Darsteller trägt zu sakraler Musik ein zusammengezimmertes Puppengestell, das ihm selbst ähnelt. Wie ein finsteres Seelenabbild. Als dann der rote Vorhang auf den Bühnenboden rauscht und Marie mit ihm in einem Loch verschwindet, hat das Publikum eine Achterbahn der Wahrnehmung hinter sich.

So eigen die Lesart dieses Afrika-„Woyzecks“ auch sein mag, die Konsequenz und Bildgewalt ist atemberaubend. Ja, es geht laut, plakativ und auch an der Grenze des Geschmacks zur Sache. Doch die bitterbösen Szenen erheben eine berechtige Anklage an die Kolonialmächte. Zusammengeflickt liegt Woyzeck wieder auf dem Krankengestell. Seine Tragödie findet in keiner Welt ein Ende. Begeistert feiert Dresden diesen radikalen und grandiosen Abend.

Wieder am 21. und 24.10.; Kartentel. 0351 4913555

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