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Plötzlich Kandidat

René Seyfried will für „Freital steht auf“ Oberbürgermeister werden. Obwohl ihm manche Anhänger zu radikal sind.

© Andreas Weihs

Von Andrea Schawe

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Wenn René Seyfried auf der Bühne steht, wirkt er atemlos, er presst die Worte raus und kann auch mal lauter werden. Zum Beispiel, wenn er fragt „Wo sind die Freitaler jetzt? Was muss passieren, damit sie merken, was los ist und auf die Straße gehen?“ Der 39-Jährige aus dem Organisationsteam der Bürgerinitiative „Freital steht auf – Nein zum Hotelheim“ will Oberbürgermeister werden. Er tritt als unabhängiger Kandidat an. „Die Bürgerinitiative unterstützt mich, und ich stehe hinter ihr. Das werde ich auch weiter tun, wenn es friedlich und gewaltfrei bleibt.“

Dass es so bleibt, war zwischenzeitlich fraglich. Auf der Facebookseite der Initiative und den freitäglichen Demonstrationen hatte sich der Ton verschärft, es gab Aufrufe zu Gewalt gegen Asylbewerber und rassistische Kommentare. „Wir haben uns von den ganzen radikalen Sachen getrennt und distanzieren uns davon“, sagt Seyfried. „Dieses hasserfüllte teilweise“ sei nicht im Sinne der Initiative. Er sei auch gegen die Spontandemos am Heim. „Das provoziert die Leute, und es sorgt für Unruhe“, sagt er. „Und das ist nicht unseres.“ Dass auf den Demos welche mitlaufen, die das anders sehen, das könne man nicht verhindern.

Dass die Initiative zur OB-Wahl antritt, wurde erst vor wenigen Wochen entschieden. Auch wer es machen sollte, war nicht klar. „Die Entscheidung fiel intern relativ kurzfristig, eine Viertelstunde, bevor wir es bekannt gegeben haben“, sagt er. „Ich habe gesagt, ich stehe sowieso mittlerweile mit meinem Gesicht in der Öffentlichkeit, dann kann ich’s auch machen.“ Von Anfang an unterstützt Seyfried die Initiative, die sich erst „Freital wehrt sich“ nannte. Er habe die Facebookseite aber nicht gegründet. Anfang März bestand das Team noch aus drei Mitgliedern, heute sind es „etwa zehn Leute um die 40, 50, 60 Jahre“. Seit April tritt er jede Woche als Redner des Orga-Teams auf. Dass er dafür „persönlich in eine rechte Ecke gedrückt“ werde, kann Seyfried nicht verstehen. Für ihn hänge viel dran, mit den vier Kindern und dem eigenen Transportunternehmen. „Warum soll ich mich irgendwo reinstürzen, wo ich ein sicheres Leben verlieren kann?“

Politisch aktiv war der Oberhermsdorfer nie. Unverbraucht sein, nennt er das. Für ihn ist das ein Vorteil, er hat keine Partei im Rücken. Das Ziel sei es, „dieses Parteiinterne mal zu durchbrechen, das ganze Hickhack.“ Er würde es anders machen. „Wir müssen den Mut haben, zu sagen: Stopp, nicht mein Posten ist mir wichtig, ich mache das für die Stadt, für die Menschen.“ Das habe Oberbürgermeister Klaus Mättig verpasst. Auch als es darum ging, ob das Landratsamt im ehemaligen Leonardo-Hotel ein Asylbewerberheim einrichtet. „Er hat eigentlich nichts mehr zu verlieren gehabt. Er hätte Stopp sagen können.“

Politisch interessiert war René Seyfried aber immer. Deswegen habe er sich auch am Anfang mit Pegida beschäftigt, „es war eine Protestbewegung“. Seit Oktober 2014 postet er auf seiner Facebookseite immer wieder Reden von Lutz Bachmann und Kommentare zu den Demos in Dresden. Bis dahin ging es auf der Seite überwiegend um Blitzer in der Region, um Fußball und den Ostseeurlaub. Jetzt schreibt er: „Es werden immer mehr“, „so war es wirklich und nicht wie es wieder die volksverhetzenden Medien darstellen“ und „so langsam werden viele wach“.

Er sei nie auf einer Pegida-Demo gewesen, sagt er. „Mit Pegida habe ich gar nichts zu tun, ich gehe dort nicht hin und mache dort auch nichts.“ Er kenne Leute, die dahin gehen, unter anderem auch „den Herrn Bachmann“. Er könne sich aber damit nicht identifizieren, Pegida sei „abgedriftet“. Es gehe nur noch um den Islam und nicht mehr um den Protest. „Der Islam ist ein Bruchteil von dem Ganzen, nicht das Ziel.“ Trotzdem hielten sowohl Lutz Bachmann als auch Tatjana Festerling mehrmals Reden in Freital. Bachmann ist fast wöchentlich auf den Freitaler Kundgebungen, schüttelt Hände mit dem Orga-Team und läuft zusammen mit seinem Pegida-Kollegen Siegfried Däbritz mit. „Richtig, Bachmann ist auf den Demos aufgetreten. Aber es sind auch andere aufgetreten, die bei ihm laufen“, sagt Seyfried. „Wir haben keine direkte Verbindung.“

Die Initiative kümmere sich um Freital, will hier etwas verändern – zuallererst das Asylbewerberheim in Döhlen. „Es soll kein festes Heim im Wohngebiet geben“, sagt Seyfried. „Wenn der Umnutzungsantrag durch ist, haben wir hier für Jahre fast ein Erstaufnahmelager. Das wollen wir nicht. Das wollen die Leute nicht.“ Das habe aber nichts „mit rechts oder sonst was zu tun.“ Gegen Ausländer habe er nichts, Sprüche wie das bei der letzten Demo skandierte „Kriminelle Ausländer: raus! Alle anderen: auch!“ wolle die Initiative nicht. „Wir prangern nicht die Leute an, die da drin sind, sondern diese gesamte Asylpolitik, diese Asylwirtschaft, die entstanden ist.“

Daran, dass er auf seiner Facebookseite zweimal Asylbewerber als „Pack“ bezeichnet, kann er sich nicht wirklich erinnern. Zu einem Bericht über die Zustände in Hamburger Containerdörfern schreibt er im Oktober: „So ist es ES REICHT !!!!! Weg mit den ganzen Pack was sich hier nicht einfügen möchte ! Es ist unser Land !!!“ Ein Video, in dem ein südländisch aussehender Junge ein Mädchen schlägt und das auf seiner Seite steht, kennt er aber noch. Im November kommentierte er: „Und genau dafür gehen wir auf die Straße !!! Dieses Pack muss hier weg !!!“ Er sei gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder, sagt er heute dazu. „Ob das ein Ausländer oder ein Deutscher ist, ist mir scheißegal. Ein Mensch, der Frauen schlägt, ist für mich wirklich Pack, Dreck. Der Ausländer muss weg, der Deutsche hinter Gitter.“

Dass es als Oberbürgermeister um mehr geht als um Asylpolitik, sei ihm klar. „Wir haben Visionen und Ideen“, behauptet er. Er sei ehrgeizig, zielstrebig, gut vernetzt und kenne sich mit vielen Sachen aus, weil er seit elf Jahren selbstständig ist. Als OB würde er versuchen, den Stadtrat zu einen. „Wir haben viele Leute, die zu uns halten, die momentan in anderen Parteien sind. Freie Bürger, AfD, CDU.“ Und NPD? „Der Herr Abraham, der jede Woche als Ordner mitläuft?“ Als er ihn kennenlernte, wusste er nicht, dass Dirk Abraham für die NPD im Stadtrat sitzt. „Von links bis rechts – für die Ziele, die wir für die Stadt und die Menschen erreichen wollen – ist mir alles egal“, sagt Seyfried. Es gehe ihm um die Weiterentwicklung Freitals. „Asylpolitik ist nur ein geringer Teil davon.“