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Plötzlich Lehrer

An immer mehr Görlitzer Schulen fangen Seiteneinsteiger an. Die Bewerbungen echter Pädagogen reichen nicht mehr.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Daniela Pfeiffer

Die Vorstellung, Lehrer zu sein, ist Henry Feisterer* nie wirklich losgeworden. Vor Jahren hat er Politik und Geschichte studiert. „Ich habe irgendwie immer bereut, dass ich nicht gleich Lehramt studiert habe“, sagt der 47-Jährige heute. Aber nun bekommt er eine zweite Chance: Er wird doch noch Lehrer. Aber bevor er den Arbeitsvertrag nicht unterschrieben hat, will er seinen richtigen Namen lieber noch nicht in der Zeitung lesen.

Feisterer ist einer von vielen Seiteneinsteigern, die die Bildungsagentur Bautzen zum neuen Schuljahr einstellt. Es ist der neue Weg, dem Lehrermangel in Sachsen zu begegnen. Wie akut er ist, machen die Zahlen deutlich, die Agentur-Sprecherin Angela Ruscher nennt: „167 Lehrerstellen sind im Bereich Bautzen und Görlitz zum neuen Schuljahr zu besetzen. 133 Bewerbungen sind eingegangen, davon kamen 65 von ausgebildeten Lehrern.“ Viel zu wenige also. Vor allem für naturwissenschaftliche Fächer wird händeringend gesucht.

Damit kann Henry Feisterer nicht dienen. Geschichte und Gemeinschaftskunde hatte er angegeben. Wie viele andere auch hat ihn die Bildungsagentur nach seiner Bewerbung nach Bautzen eingeladen. Vorab durfte er schon eine Wunschregion äußern – und bei Henry Feisterer funktionierte es sogar mit Görlitz, wo er auch wohnt. Gependelt war er die Jahre zuvor genug. Jetzt soll Görlitz fester Wohnort bleiben, ein fester Job dazu wäre das i-Tüpfelchen. Die Perspektive darauf ist in seinem jetzigen Job eher schlecht, also griff Feisterer den Lehrer-Gedanken wieder auf, erkundigte sich, bewarb sich spontan. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass das real wird und so schnell.“ Das zeige wohl umso mehr, wie dringend der Bedarf ist, glaubt Feisterer. Vor allem für Grund-, Ober- und Förderschulen ist er das auch, wie Angela Ruscher von der Bildungsagentur sagt.

Eine Schule, die es mit Seiteneinsteigern probieren möchte, ist die Scultetus-Oberschule in Königshufen. Schulleiter Frank Dörfer lobt die Bildungsagentur: „Bautzen gibt sich Mühe, die Leute zu akquirieren, die wir brauchen.“ Die Auswirkungen der stark gestiegenen Schülerzahlen in Görlitz – es sind 1 756 Kinder und Jugendliche und damit 160 mehr als im zu Ende gehenden Schuljahr – bekommt auch Dörfers Schule zu spüren. Sonst eigentlich zweizügig wird es diesmal eine neue fünfte sowie eine neue siebente Klasse geben. Für sie werden nicht nur Klassenräume benötigt, die die Schule durch kleinere Umbauten schafft, sondern natürlich Klassenlehrer. Zwei neue Kollegen sind Seiteneinsteiger. Sie sind übrigens vollwertige Lehrer, dürften also auch Klassenleiter sein. „Wir setzen sie zunächst als Zweitlehrer, also als stellvertretende Klassenlehrer ein“, sagt Frank Dörfer. Ein Jahr sollen sie so zunächst „mitlaufen“, ein Gefühl für alles bekommen. „Für das Fachliche bekommen sie zudem Mentoren zur Seite.“

Gänzlich ohne Vorbehalte sieht auch Schulleiter Dörfer die Sache nicht. „Man arbeitet eben mit Menschen. Über welche Qualitäten sie im Pädagogischen verfügen, wissen wir erst einmal nicht. Wir müssen uns darauf verlassen, dass sie die Intuition haben, Klassen zu führen.“

Ein Kollege von Dörfer sieht Seiteneinsteiger indes als „heißes Eisen“: Joachim Glücklich ist stellvertretender Schulleiter der Melanchthon-Oberschule und findet: „Lehrer kann nicht jeder“. Zudem würden diese neuen Lehrer längst nicht das verdienen, was ausgebildete Pädagogen bekommen. „Das Kultusministerium spart dadurch“, meint Glücklich. Auch an seiner Schule verlassen zwei Lehrer das Kollegium, zwei neue beginnen im August. Allerdings keine Seiteneinsteiger. Glücklich findet, dass direkt vor Ort Nachwuchs gewonnen werden muss. „In die Gymnasien gehen und Schüler für den Lehrerberuf begeistern“, schlägt er vor. Er habe das selbst an seinem früheren Arbeitsort getan. „Das hat auch etwas mit uns zu tun, wir können vor Ort etwas bewegen.“ Zumal das den Vorteil hätte, Nachwuchs aus der Region zu gewinnen, der tatsächlich die Motivation hätte, auch einmal hier zu unterrichten.

Henry Feisterer tut das demnächst und freut sich darauf. Vor jungen Leuten gestanden hat er als Studienleiter. Das waren zwar Doktoranden und keine Schüler. Aber der 47-Jährige ist zuversichtlich, dass er auch diese Aufgabe meistern wird.

*Name geändert